„Ich bin für weniger Vernunft“
Nicht nur beim Dreh ein gutes Team: Claudia Eisinger, Laura Lackmann und Laura Tonke mit Heike Schmidt beim Gespräch auf dem Roten Sofa. Foto: Oberdorfer

„Ich bin für weniger Vernunft“

Was ist schon ein Mängelexemplar? Laura Tonke, Laura Lackmann und Claudia Eisinger wissen es

Interview: Heike Schmidt

rotes-sofa„Mängelexemplar“ heißt der neue Film von Laura Lackmann. Sie hat das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Gemeinsam mit ihren beiden Hauptdarstellerinnen, Claudia Eisinger (Karo) und Laura Tonke (Anna), haben wir auf dem Roten Sofa vorab über den Film gesprochen, in dem es nicht nur um Depressionen und Ängste, sondern auch um Freundschaft geht.
Laura Lackmann: Sagen wir Du?

Klar, wir sagen Du.

Ich muss gestehen: Ich habe geheult im Film. Und mich die ganze Zeit gefragt: Bin ich auch ein Mängelexemplar? Wie ging es Euch beim Lesen des Drehbuchs?

 

Sie führte die Regie: Laura Lackmann.

Sie führte die Regie: Laura Lackmann (links)

Laura Lackmann: Ich kann dazu nichts sagen. Ich habe es schließlich geschrieben.
Claudia: Jeder von uns ist doch irgendwie ein Mängelexemplar, wenn man so will. Es geht um Schwächen, um Höhen, um Tiefen. Es geht um Angst…
…und um Depressionen. Manchmal hat man das Gefühl, das ist so ähnlich wie Lactose-Intoleranz. Das hatten plötzlich alle. Jetzt eben (Pseudo-)Depressionen.
Laura Tonke: Ich glaube nicht, dass das Pseudo-Depressionen sind. Ich habe den Eindruck, dass das unsere Zeit mit sich bringt.

Warum?
Laura Tonke: Wir leben in einer Zeit der Vernunft und der Selbstoptimierung, Jeder weiß im Prinzip, was man an sich verbessern müsste. Also mehr Sport machen, vegan essen, nicht rauchen, nicht trinken, der Rest wird weggecoacht. Das kann keiner schaffen. Da kann man ja nur wahnsinnig werden. Ich bin für weniger Vernunft.

Es gibt eine Stelle im Film, an der der Psychiater sagt, Karo solle nicht so viel denken, sondern atmen. Könnte man ja sagen: Stellt das Denken ein, dann geht es Euch gut.
Laura Lackmann: Auf gar keinen Fall sollte man das Denken einstellen. Man sollte eher mehr denken in unserer Zeit. Aber es stimmt schon: Es ist vor allem ein Problem von Frauen. Wir denken zu viel und wir fantasieren uns in viele Sachen rein. Wir sehen oft nur die negativen Seiten, und aus dem Horror wird dann Angst. Wir sollten viel öfter an etwas Schönes denken.

Im Film die Hauptfigur Karo: Claudia Eisinger.

Im Film die Hauptfigur Karo: Claudia Eisinger (links)

Die Hauptfigur Karo hat ja auch dauernd das Gefühl, die falsche Ausfahrt genommen zu haben. Stimmt es eigentlich, Claudia, dass Du vor Drehbeginn eine Therapie gemacht hast?
Claudia: Nein, das stimmt so nicht. Ich war als Karo bei drei, vier Sitzungen dabei.

Und? Wie war das?
Claudia: Spannend. Es war zwei, drei Monate nach dem Casting, und ich wusste noch nicht so viel über Karo. Ich war überrascht, wie viel Karo schon da war.

Laura, Du spielst Karos Freundin Anna. Es gibt da eine Szene, in der Karo ihre Freundin Anna ein Küsschen auf den Mund gibt. Anna hat vorher gekotzt. Ich fand das ekelig. Was war eigentlich die schwerste Szene für Dich?
Laura: Die Szene, als ich in der Bar auf dem Fußboden sitze, als mein Vater gerade gestorben war. Die Verzweiflung, dass sich die Welt trotzdem weiter dreht. Das war unheimlich schwierig.

Freundin im Film wie im Leben: Laura Tonke.

Freundin im Film wie im Leben: Laura Tonke (rechts)

Ihre Freundin Karo ist in der Szene da. Was ist eigentlich eine gute Freundin?
Claudia: Eine, die dir auch mal den Spiegel vorhält, die dir auch unangenehme Sachen sagt. Das ist durchaus auch anstrengend.
Laura Lackmann: Die Frauen, die ich mir ausgesucht habe, haben alle irgendwie mangelhafte Eigenschaften. Ich zum Beispiel, ich verabrede mich nicht gerne. Meine Freunde sagen dann schon: „Wir würden uns freuen, wenn Du kommst.“
Laura Tonke: Und ich bin Dein Spiegel.
Laura Lackmann: Wie meinst Du das?
Laura Tonke: So wie es Claudia gesagt hat. Nur, Du reagierst etwas empfindlicher.
Laura Lackmann: Und Du hast schnell mal in den Ungerechtigkeitsparkplatz eingeparkt.

Ist es eigentlich schwierig, befreundet zu sein und gemeinsam zu arbeiten?
Laura Lackmann: Da kann man ab und an auch einmal die Höflichkeit vergessen. Also, Claudia habe ich am Dreh öfter mal auch angefasst, in die Haare, ins Gesicht. Ich sitze ja immer hinter der Kamera und fühle mich ihr aber total verbunden. Ich denke dann: „Geh jetzt nach links, links, links!“

Wird es denn einen weiteren Film mit Laura und Claudia geben?
Laura Lackmann: Ja, wird es. Ich habe für Laura eine Rolle geschrieben. Im Drehbuch steht leider noch nichts für Claudia drin. Denn das war schon vor „Mängelexemplar“ fertig. Während der Dreharbeiten haben wir also die männliche Rolle für Laura gecastet. Claudia hat da einmal den männlichen Part übernommen. Und da habe ich gedacht: „Ach, lass den Mann einfach weg, nimm doch Claudia.“

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