Ich habe einen Traum von Büchern

Ich habe einen Traum von Büchern

Er liebt Bücher: Georg Ruppelt stellt sich vor, wie sich ungelesene Bücher nachts beschweren

Als ich kürzlich in meinem Arbeitszimmer, in dem ein Teil der im Laufe meines Lebens zusammengekommenen Bücher steht, eingeschlafen war, stellte ich ihnen im Traum die Frage: „Was macht Ihr Bücher eigentlich, wenn Ihr nicht gelesen werdet?“ Da wurden die Bücher plötzlich lebendig: „Wir langweilen uns!“ schrien die meisten wütend; ja einige wurden ausfallend, beschimpften mich auf die unflätigste Weise. „Seit Deiner Schulzeit hast Du mich nicht in den Händen gehabt, Du Ignorant!“, hieß es etwa – oder auch: „Statt immer wieder zu den eingebildeten Mann-, Goethe- oder Schiller-Typen zu greifen, nur um Dir Deine Bildung zu beweisen, hättest Du einmal in mich schauen sollen! Seit Du mich gekauft hast, stehe ich und stehe und stehe, und Du hast es nicht einmal für nötig befunden, mich aus dem Regal zu nehmen, Du Penner!“ – Starker Tobak das, was mir da so entgegenschlug!
Merkwürdig still und zufrieden wirkten die Lexika, und Wörterbücher und Anthologien. Auch die Bände auf deren Rücken etwa die Namen Busch, Fontane, Gernhardt, Heine, Kleist, Orwell und Tucholsky standen, meckerten kaum. „Du meine Güte“, dachte ich „was würden diese Titel erst keifen, wenn sie wüssten, wie oft ich aus den vielen Regalmetern in anderen Räumen Bände herausnehme und sie lese, ja mit ihnen arbeite – etwa aus der Sammlung alter und neuer Science Fiction …“
Das Gezeter wurde immer unangenehmer; einige Bücher fielen aus den Regalen, blätterten sich auf, um ordentlich herumzustauben, oder ließen den Schutzumschlag fallen, um mir ihren blanken Rücken zuzukehren. Hier musste schleunigst etwas getan werden, es wurde gefährlich!
„Ruhe“, rief ich, „hört mir zu! Ihr habt ja Recht! Ja, ja, ich habe einige“, (Wutausbrüche bei den Büchern), „schon gut, schon gut, ich habe die meisten von Euch schlecht behandelt. Das soll anders werden. Aber ich kann Euch nicht alle immer und immer wieder zur Hand nehmen; Ihr müsst gegen die Langeweile auch selbst etwas unternehmen. Ich schlage Euch ein Spiel vor. Ihr steht ja meist in alphabetischer Reihenfolge Eures Verfassers. Zehn aus jedem Buchstaben stellen sich vor, und zwar indem sie den ersten oder letzten Satz des eigentlichen Textes laut vorlesen, also keine Vorworte oder Literaturverzeichnisse. Beim nächsten Mal ist ein anderer Buchstabe dran oder die nächsten zehn aus dem Buchstaben. Jeder darf raten, und wer die meisten Treffer hat, den lese ich demnächst einmal wieder. Was meint Ihr dazu?“
Nun war der Teufel los; eine solche Kakophonie hatte ich bis dahin nicht gehört; alle Bücher, – bis auf die mit den erwähnten Namen, die sich vornehm zurückhielten – kreischten, schimpften, fluchten, kicherten, lachten, rezitierten oder sangen (man staune!) durcheinander, äußerten jedenfalls lautstark ihre Meinung. Doch nach einer Weile beruhigten sich sowohl die alten in ihrer Lederhaut wie auch die jungen papiernen. Es muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass insbesondere die Reclam-Bändchen dabei einen beschwichtigenden Einfluss ausübten.
Beinahe kam es noch zu einem Streit über den Buchstaben, den ich auswählte, nämlich das R; aber ich blieb eisern und konnte mit Hinweisen auf Lipogramme und einen Roman aus dem 19. Jahrhundert auftrumpfen, der bewusst ohne R geschrieben worden war. Also das R; um ehrlich zu sein, hatte ich aus persönlicher Eitelkeit gewählt, konnte ich doch so einen eigenen Titel unterbringen. Aber das sagte ich diesen noch viel eitleren Büchern natürlich nicht.
Nun ging es aber los. Ich löschte das Licht, damit die anderen Bücher die Titel nicht sehen konnten, und griff dann beherzt in die R-Regalbretter; allerdings hatte ich mir einen Titel schon vorher etwas herausgezogen … – dann begann die Lesung.

Georg Ruppelt ist Direktor der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek.

Georg Ruppelt ist Direktor der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek.

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