Ich habe einen Traum von Heimat
Alte Heimat und neue Heimat: Jasmin Arbabian-Vogel ist im Iran aufgewachsen und lebt jetzt in Hannover

Ich habe einen Traum von Heimat

Jasmin Arbabian-Vogel, Mit-Initiatorin der Anti-Hagida-Bewegung, ist stolze Hannoveranerin

Heimatliebe – das klingt heute spießig, fast kleingeistig. Heimat: Was bitte ist das eigentlich? Wo liegt Heimat auf der geografischen Karte unseres Lebens? Ich war 17 Jahre alt, als ich aus dem Iran nach Deutschland kam. In meiner Kindheit gab es immer alles doppelt: Zwei Geschwister, zwei Kulturen, zwei Sprachen. Aufgewachsen bin ich auch mit zwei Religionen, evangelisch und schiitisch. Meine Heimat waren Mullahs, Diktatur und soziale Ungleichheit. Und: Teheran, die Stadt, die ständig wächst, Menschen, die herzlich und gastfreundlich sind. Frühling, der nach Frühling duftet. Ich habe mich schwer getan mit Deutschland. Sauber die Stadt, distanziert die Menschen. Dann: Abitur, Studium, Gründung eines Unternehmens, zwei Kinder – und immer noch nicht das Gefühl von Heimat. Aber langsam begann ich zu erkennen, dass hinter der spröden Fassade der Hannoveraner oft ein herzlicher Kern steckt. Je größer mein Horizont durch hier lebende Menschen vieler unterschiedlicher Nationalitäten wurde, desto mehr stellte ich fest, wie sich die Dinge gleichen. Die Herzlichkeit einer Türkin, einer Iranerin oder einer Deutschen ist anders in der Art, aber nicht in ihrem Wesen. In mir wuchs das Gefühl, dass Heimat immer dort ist, wo die Menschen sind, die uns wichtig sind. Heute sage ich stolz: Hannover ist meine Heimat. Wovor ich Angst habe ist, dass mir dieses Gefühl von „angekommen sein“, von „ich gehöre dazu“, wieder genommen werden kann. Das Deutschland von 1933 war das Deutschland der Dichter und Denker, der Aufklärung und des Humanismus – und all das konnte den Nationalsozialismus nicht verhindern. Unser weltoffenes Deutschland ist nicht selbstverständlich. 200 Nationalisten, die am 12. Januar am Steintor standen, sahen sich 19.500 Menschen gegenüber, die ein deutliches Zeichen gegen Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit gesetzt haben, die bereit sind, Hannover zur Heimat vieler anderer Menschen werden zu lassen, die ihre zurück lassen mussten. Der Kampf, den wir austragen müssen, findet in den Köpfen derjenigen statt, die nicht auf der Seite der Demagogen marschieren, aber ähnlich denken. „Das Boot ist voll“, „der Islam ist blutrünstig“ und „die Politik nimmt uns nicht ernst“, das sind Gedanken, die wir nicht ignorieren dürfen. Reden wir darüber.

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