Ich habe einen Traum von Wahrheit

Ich habe einen Traum von Wahrheit

Hans-Martin Heinemann ist Stadtsuperintendent an der Marktkirche. Er träumt von Menschen in wahrhaftigen Beziehungen.Mein Traum ist voller Sehnsucht und Hoffnung: Menschen begegnen sich, sie reden miteinander. Und sie reden die Wahrheit. Sie belügen sich nicht, sondern suchen danach, sich offen und ohne Hinterlist zu begegnen. Dabei wissen sie, dass es nicht immer einfach ist, wahrhaftig zu sein. Aber sie erleben und spüren auch, dass sie ohne Wahrheit kein Vertrauen zueinander gewinnen können.
In diesen Wochen und Monaten gibt es großen Meinungsstreit in unserem Land. Die einen behaupten, sie seien wahre Patrioten und würden das Abendland vor großer Gefahr schützen. Die anderen werfen gerade diesen Demonstranten vor, das friedliche Zusammenleben in der Gesellschaft zu zerstören und in Wahrheit doch nur Rassisten zu sein.

Es ist keine Frage: Auf allen Seiten – auch bei denen, die nur zuschauen wollen – muss man sich innerlich entscheiden. Was glaube ich denn? Wie beurteile ich die Sachlage? Auf welchen Weg werde ich gehen?
Ich träume davon, dass Menschen dabei nach der Wahrheit suchen. Dazu muss man ja immer aus dem eigenen Haus gehen. Wahrheit kann man niemals allein feststellen. Man muss sich mit anderen darüber verständigen. Man wird streiten um die Wahrheit, ringen um die Wahrheit.

Weil man die Wahrheitsfrage nur in Beziehungen klären kann. Selbst wenn ich als Einzelner nur meine eigene Wahrheit gelten lassen wollte, wäre das noch eine Beziehungsentscheidung. Denn ich würde mich von allen anderen trennen müssen, um allein Recht zu haben.

Darum träume ich auch davon, dass die Menschen beim Ringen um die Wahrheit ohne Hinterlist reden, sich also mit „offenem Visier“ begegnen. Dass man seine eigenen Motive offenlegt und damit rechnet, befragt zu werden. Dass man im wahrsten Sinne des Wortes ohne Verschleierung redet: erkennbar, ansprechbar, befragbar.

Die Christenheit, zu der ich gehöre, geht von Anfang an von einigen Grundwahrheiten aus. Die glauben wir, die bekennen wir, daran orientieren wir uns. Sie sind alle in der Bibel erzählt.

1. Wahrheit ist persönlich. Wenn von Jesus Christus gesagt wird, er sei die Wahrheit, dann wird das in einer Selbstaussage aufgeschrieben „Ich bin die Wahrheit“. Dazu kann ich mich in Beziehung setzen. Ohne die Bereitschaft zur Beziehung wird es keinen Kontakt zur Wahrheit geben. Die Wahrheit Gottes ist Person. Abstrakt, losgelöst von der Wirklichkeit, anonym gibt es sie nicht.

2. Jedes Kind, das auf dieser Erde geboren wird, hat das Recht zu leben. Deshalb gilt: Es ist ein Kind Gottes, ob es weiß oder braun oder gelb ist, in der „ersten“ oder der „dritten“ Welt geboren wird, ob es ein Mädchen ist oder ein Junge, ob es in einer jüdischen Familie zur Welt kommt, einer christlichen oder einer muslimischen. Alle sind sie gleich wertvoll. Uns allen gehört die ganze Welt. Das ist wahr, und deshalb müssen wir miteinander klären, wie wir beieinander leben wollen und leben können.

3. Die Armen und die Flüchtlinge sollen den besonderen Schutz der Gemeinschaft genießen. Niemals sagen die biblischen Geschichten, das sei eine einfache Aufgabe, das ginge ohne Anstrengung oder ohne Probleme. Aber der Schutz der Armen und Schwachen ist ein Gebot Gottes, und Christus hat dazu unmissverständliche Gleichnisse erzählt. Vielleicht ist es die schwierigste, aber auch die wichtigste und schönste Aufgabe der Menschheit, die Welt zur Heimat zu machen. Das ist wirklich keine einfache Wahrheit, das braucht unsere ganze Energie und (Beziehungs-)Kraft. Aber es ist eine Wahrheit, die wir niemals verleugnen dürfen. Und sie sollte kein Traum bleiben.

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