Ich habe einen U-Bahn-Traum…

Ich habe einen U-Bahn-Traum…

Autorin Silke Scheuermann hat am Mittwoch den Höltypreis der Stadt Hannover bekommen

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Ich kann nicht sagen, dass ich unbedingt schlafen muss, wenn ich träume. Im Gegenteil, Tagträume sind viel schöner. Zum Beispiel in einem vollen U-Bahnwagen, von der Frankfurter Konstablerwache bis zur Endhaltestelle Enkheim, von wo aus ich weiter zur „Hochstädter Lyriknacht“ unterwegs sein werde.

Es ist Viertel nach fünf an einem Freitag. Mir gegenüber sitzt eine sehr müde aussehende Latina, vielleicht vierzig, fünfundvierzig Jahre alt, eine zerbeulte Kunstledertasche auf dem Schoß. Sie war schon in der Bahn, als ich mich setzte, hat die Augen halb geschlossen. Links von mir ein junges Mädchen, das nervös an ihrem Handy herumtippt; ich sehe von der Seite, dass sie Fotos verschickt. Neben mir steht ein jüngerer Typ in farbbespritzen weißen Malerhosen, der eine Dose Bier leert.

Zwei Männer im Anzug sind ebenfalls mit ihren Handys beschäftigt, ein junger Mann im Rollstuhl, der versucht, den Hund eines Punks zu kraulen, der stier aus dem Fenster starrt, eine Frau mit Kinderwagen – das übliche Frankfurter U-Bahn-Völkchen eben. Sie sehen alle mehr oder weniger gestresst und genervt aus. Ich schließe halb die Augen.

Ich stelle mir vor, wie die Frau im Kinderwagen die Kindheitserinnerung im Roman „Spielen“ von Karl-Ove Knausgard liest, und dabei beschließt, immer ganz verständnisvoll ihrem Kind gegenüber zu sein, weil es Knausgard nicht so leicht hatte. Wie der Punk „On the road“ von Jack Kerouac liest und die Protagonisten ultracool findet, alle paar Seiten laut auflacht. Die Männer im Anzug lesen den Roman „Träumer und Sünder“ von Matthias Göritz, über einen jungen Journalisten und einen alternden Filmproduzenten – und beschließen, dass in ihnen, wie in dem Journalisten, noch viel mehr steckt, als sie denken. Der Arbeiter mit dem Bier in der Hand liest das gleiche Buch als Taschenbuchausgabe, und die drei Männer lächeln sich kurz an, als sie die Seiten durchblättern. Die Latina mir gegenüber liest eine phantastische Geschichte von Gabriel Garcia Marquez und ist plötzlich wieder sehr stolz auf ihren Heimatkontinent. Das junge Mädchen neben mir ist gefangen von Markus Orths neuem Science-Fiction-Schmöker „Alpha und Omega“.

Alle reisen innerlich, und zwar viel weiter als nach Enkheim, zwischendurch unterhalten sie sich, jeder empfiehlt dem anderen Bücher, die er liebt. Ich höre sogar irgendwo den Titel meines Gedichtbandes „Skizze vom Gras“, und bekomme Herzklopfen vor Freude. Und jeder, der an einer Haltestelle aussteigt, ist glücklich und fühlt sich beschenkt, befeuert von der Kraft der Fiktionen.

Silke Scheuermann hat für ihr neues Buch „Skizze vom Gras“ am Mittwoch den Höltypreis der Stadt Hannover bekommen. Es ist im Verlag Schöffling & Co. erschienen, hat 104 Seiten und kostet 18,95 Euro. Der Band enthält Gedichte.

www.schoeffling.de/buecher/silke-scheuermann/skizze-vom-gras

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