Interview: Bernd Weste – „Wir begleiten durch das Leben“

Interview: Bernd Weste – „Wir begleiten durch das Leben“

Ein Gespräch mit Bernd Weste, dem 1. Vorsitzenden der Hannöverschen Aidshilfe

Herr Weste, Sie feiern in diesem Jahr 30 Jahre Hannöversche Aidshilfe, welche Widerstände mussten Sie denn zu Beginn überwinden?

Sexualität war in den 80ern noch ein Tabu-Thema und das Thema „Homosexualität“ besonders. AIDS galt damals noch als „Schwulenseuche“. AIDS zu haben, war gleichbedeutend, auch homosexuell zu sein. In dieser Zeit mussten wir (die AIDS-Hilfe, Anm. d. Redaktion) hauptsächlich gegen Ablehnung und Diskriminierung kämpfen.

Und was hat sich in den 30 Jahren an der Arbeit der Aidshilfe geändert?

Wir sind inzwischen weg von der Sterbebegleitung. Damals gab es ja keine langfristig wirksamen Medikamente gegen AIDS. Von der Infektion bis zum Tod betrug die Lebenserwartung nur wenige Jahre. Wie wir wissen, hat sich inzwischen die Situation für Infizierte deutlich verbessert. Heute begleiten wir Menschen mit HIV durchs Leben. Durch bessere Behandlungsmöglichkeiten hat sich die Lebensqualität und Perspektive der Menschen, die von HIV/AIDS betroffen sind, ebenfalls deutlich verbessert. Wir leisten Hilfestellung im Umgang mit der neuen Lebenssituation nach einem positiven Testergebnis. Durch die annähernd normale Lebenserwartung rücken natürlich auch soziale Probleme in den Vordergrund. Pflegebedürftigkeit steht nicht mehr an erster Stelle. Unsere hauptamtlichen Mitarbeiter kümmern sich um Sozialversicherungen, Arbeitsrecht und Rentenanträge. Diskriminierungen am Arbeitsplatz kommen leider immer noch vor, sind aber durch gute Aufklärungsarbeit deutlich seltener geworden.

Wer ruft den häufiger bei der hannöverschen Aidshilfe an, Betroffene oder deren Angehörige?

Also, am „berühmten“ Montag rufen überwiegend Menschen an, die am Wochenende einen möglichen Risikokontakt hatten. Das ist übrigens bundesweit so. Durch die garantierte Anonymität sprechen die Anrufer ganz offen mit uns und wir können eine ausführliche Risikoanalyse durchführen. In den meisten Fällen können wir die Anrufer dann beruhigen und ihnen die Angst nehmen. Aber es erreichen uns auch Anrufe von besorgten Angehörigen und deren Familienmitgliedern, deren Angehörige infiziert sind und suchen Rat. Natürlich rufen auch Betroffene an, um sich Rat zu holen und um einen persönlichen Beratungstermin zu vereinbaren. Fast immer wird auch nach Informationsveranstaltungen und dem AIDS-Test beziehungsweise den HIV-Antikörpertest gefragt. Nach der bereits erwähnten Risikoanalyse weisen wir dann auf die Institutionen hin, die einen solchen Test anbieten wie die AIDS- und STD- Beratung (andere sexuell übertragbare Erkrankungen, Anm. d. Red.) im Fachbereich Gesundheit der Region Hannover, beim Hausarzt und neuerdings auch den Schnelltest in der Hannöverschen AIDS-Hilfe. Dazu muss man wissen, dass vom Zeitpunkt einer möglichen Infektion bis zur Bildung von Antikörpern zwölf Wochen vergehen. Erst dann kann man von einem verlässlichen Testergebnis ausgehen.

Wie sehen Sie die Aufgaben der hannöverschen Aidshilfe in der Zukunft?

Wir müssen auch in Zukunft unsere Beratungstätigkeit im Migrantenbereich ausbauen. Wir haben hier eine Steigerung von rund 30 Prozent bei den Ratsuchenden beziehungsweise Infizierten. Ein großes Problem ist hier die Verständigung. Glücklicherweise sind unsere Mitarbeiter sprachlich ausgebildet, zusätzlich stehen uns aber Dolmetscher in fast allen Sprachen zur Verfügung. Weiterhin liegt unsere Hauptaufgabe in der Aufklärung – nicht nur über AIDS, sondern auch über alle anderen Arten von sexuell übertragbaren Krankheiten. Eine unserer wichtigsten Aufgaben in der AIDS-Hilfe ist und bleibt die Vertretung der Interessen von Menschen mit HIV, insbesondere Antidiskriminierungsarbeit.

Clemens Niehaus

Die telefonische Beratung der Aidshilfen ist bundesweit unter der Nummer (0180) 3 31 94 11 erreichbar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.