Interview: David Garrett im Gespräch

Interview: David Garrett im Gespräch

Er ist Weltrekordler, Ex-Model und der zur Zeit erfolgreichste Geiger: David Garrett. Der gebürtige Aachener und Heavy Metal-Fan war Stargast bei der Premiere des Audi Q5 in Hannover. Nach seinem Auftritt hatte er noch Zeit, sich mit mit hallo Sonntag-Redakteur Clemens Niehaus und Mitarbeiterin Annette Hartmann zu unterhalten.

Hallo Sonntag: Hallo David, nett, dass Du dir ein bisschen Zeit für uns nimmst. Es ist ja etwas ungewöhnlich, wenn man einen Musiker als erstes um ein politisches Statement bitte ­ aber aus gegebenem Anlass: Was sagst Du zum Ausgang der Wahlen in den USA?

David Garrett: Ich bin sehr zufrieden damit. Ich wohne seit sieben Jahren in den USA und habe auch schon vor acht Jahren Al Gore gewählt. Auch diesmal habe ich per Briefwahl demokratisch gewählt. Ich bin immer Demokrat gewesen weil ich eine liberalere Einstellung habe, wenn es um politische Konzepte geht, wie beispielsweise die Waffengesetze, die Abtreibung, wo ich für die Selbstbestimmung bin, und ein festes Datum für den Abzug aus dem Irak. Und nicht wie es die Republikaner machen, nach dem Motto ‚Wir lassen es mal laufen, bis es funktioniert‘ ­ ich glaube, da muss man schon eine Grenze setzen.

Also stimmt das alte Vorurteil, nachdem Musiker vollkommen unpolitisch sind, bei Dir nicht?

Nein, überhaupt nicht! Im Moment finde ich es hochinteressant. Wir leben momentan – gerade auch wirtschaftlich – in einer unglaublich interessanten Zeit, ich finde das faszinierend. Man muss sich zwischendurch ja auch mit etwas Anderem beschäftigen als mit Musik und das ist etwas, was mich sehr interessiert. Wenn man da jetzt nicht hinguckt – wann dann?

Du führst ja so was wie ein Doppelleben. Hier bist Du sehr bekannt, in New York weniger – hast Du das bewusst so forciert, dass Du die Karriere in Europa machst und in den USA ruhiger leben kannst oder hat sich das so ergeben?

Das hat sich ein bisschen so ergeben, aber irgendwann hat es mit Spaß gemacht, das so beizubehalten. Jetzt, mit der neuen Veröffentlichung und den vielen Fernsehsachen kommt es da aber natürlich auch in New York an und ich werde diese Freiheiten da nicht mehr genießen können ­ das ist ein bisschen unverantwortlich von mir, vermutlich muss ich dann demnächst nach Rio oder so umziehen. *lacht* Aber eine paar Monate sind schon noch drin.

Deine aktuelle CD „Encore“ ist sehr erfolgreich – gibt es schon neue Projekte?

Ja, natürlich. Also, die nächste CD wird ganz klassisch. Nächstes Jahr im Januar nehmen wir in Berlin ein ganz klassisches Album auf mit Andrew Litten und den Berliner Symphonikern, da machen wir das e-moll Violinkonzert von Mendelsohn, sechs kleinere Stücke aus der frühen spätromantischen Epoche, die ich, weil ich ja auch Komposition studiert habe, dann selber arrangiere, für Geige und Symphonieorchester – die sind in der ursprünglichen Fassung nicht dafür gewesen, aber das wird von mir so umgeschrieben. Da arbeitet ich momentan dran – so zwischen Hotel und Hotel.

Ist Crossover für Dich Ausgleich? Also, im Gegensatz zu den rein klassischen Sachen ­ ist das eine die Pflicht, das andere die Kür?

Ich finde, dass ich mittlerweile den Spagat zwischen reiner Klassik und Crossover ganz gut hinbekomme ­ es passt einfach auch bei mir zusammen. Auf der einen Seite die klassischen Konzerte, wo ich dann auch sehr konservativ bin und die Tradition auch bewahren möchte. Ich bin nicht jemand, der mit Jeans ein Beethovenkonzert spielt. Da bin ich dann nur Interpret und will mich nicht in den Vordergrund stellen. Aber so etwas wie die letzte CD mit Crossover ist dann auch eine Art Teaser auf klassische Musik, es soll einen auf den Geschmack bringen, dass es so was gibt und, wenn man das gut findet, dazu anregen, ein bisschen mehr nachzuforschen.

Aber ist Pop und Crossover nicht eine vollkommen andere Art, zu spielen, also, auch zu üben?

*überlegt* Nöö, ich glaube es hilft alles der Spieltechnik. Klar, die Disziplin muss man haben in beiden Bereichen. Man kann auch Crossover nicht spielen, ohne es richtig gut durchzuarbeiten und nicht ohne auf einem sehr hohen Standard täglich zu üben. Ich habe damit bis jetzt keine Probleme. Ich weiß, dass ich beides machen möchte und auch muss. Ich würde nie das eine gegen das andere austauschen. Ich glaube, mittlerweile gehören die beiden auch wirklich zu mir.

Du hast in einem Interview gesagt, dass die Geige das Instrument sei, welches der menschliche Stimme am nächsten kommt. Ist z.B. auch eine ganze Geigenoper, oder ein Musical denkbar? Kann man mit der Geige nicht nur Gefühle sondern auch eine ganze Handlung vermitteln?

Ich habe wirklich schon einmal an ein Musical gedacht. Allerdings muss man dann eine Geschichte erzählen. Ich bin sicher, dass man die Handlung untermalen kann – aber die ganze Sache nur mit Geige ­ das wäre dann doch etwas übertrieben. Vielleicht, dass man die Handlung als Rezitative macht und die Arien als Geigenstücke. So etwas könnte ich mir schon vorstellen.

Du hast mal gesagt, dass du schon das Gefühl hast, als Kind und Jugendlicher viel verpasst zu haben. Lässt sich davon was nachholen?

Sicherlich. *überlegt* Ich hab als Kind ganz, ganz viele Dinge nicht gemacht. Die kann ich momentan auch nicht nachholen. Ich hab es mal ansatzweise versucht — aber es ist schwierig. Musikalisch gesehen wurde früher alles von anderen kontrolliert und entschieden, gerade wenn man sehr kontrolliert und sehr vorsichtig aufgewachsen ist. Jetzt hole ich das nach und nutze die Freiheit, alles selbst bestimmen zu können und natürlich auch Fehler zu machen.

Deine Mutter war Ballerina. Hat sie jemals versucht, Dich in eine Ballettschule zu bringen?

*lächelt* Das hat sie tatsächlich früher gemacht, als ich klein war, so mit vier oder fünf Jahren. Ich hab das dann ein paar Wochen gemacht. Das hat mir ganz gut gefallen, so als einziger Junge unter den ganzen Mädels. *lacht* Aber als ich dann in den Kindergarten gegangen bin hatte ich immer weniger Zeit, Geige zu spielen. Und da hatten meine Eltern dann doch die Priorität auf Geige üben gelegt.

Welcher Beruf hätte Dich denn gereizt, wenn die Geige nicht so dominant in Deinem Leben geworden wäre?

Das ist ganz, ganz schwierig. Ich wäre auf alle Fälle in die USA gegangen, weil dort das Ausbildungssystem etwas anders angelegt ist. Man kann dort anfangen zu studieren und kann sich im dritten Jahr entscheiden, worin man sich ausbilden lässt. Hier in Deutschland muss man sich zu Beginn des Studiums festlegen. Das finde ich persönlich schwieriger – wer weiß denn schon mit 18 oder 19 genau, was er machen möchte. Ich finde es besser, wenn man mit einer allgemeinen Ausbildung anfängt. Ich war kein toller Schüler, aber hab mich für viele Sachen interessiert. Es wäre aber sicher irgendetwas gewesen in Richtung Wirtschaft oder Jura. Das ist zwar ein Gegensatz zur Musik, aber das fand ich interessant, weil man da zwar diplomatisch sein muss aber auf der anderen Seite die Leute auch überzeugen können muss. Das hab ich immer gerne gemacht. *lacht*

Du bist als Musiker sehr erfolgreich, Weltrekordhalter im Schnellspielen, hast gemodelt, – hattest Du auch mal Zeiten, die nicht so toll waren?

Ich habe, um mein Studium zu finanzieren, alles verkaufen müssen was ich hatte. Ich habe Toiletten geputzt, hab als Barmann gearbeitet, ich habe Klamotten verkauft. Ich war derjenige, der am Wochenende morgens um sechs aufgestanden ist, um das ganze Lager aufzuräumen. Und das alles neben dem Studium, um das Geld für vier Jahre Studium zu haben. Und wenn man acht Stunden Toiletten geputzt hat, freut man sich über jede positive Kleinigkeit und lernt, dass man den Erfolg auch genießen muss.

Wir sind hier gerade bei Audi – was für ein Auto fährst Du denn?

Ich habe gar kein Auto, obwohl ich einen Führerschein habe und auch sehr gerne Auto fahre. Aber der Audi R8 ist momentan mein Lieblingswagen. Das Problem ist, dass es sich in New York überhaupt nicht lohnt, ein Auto zu haben. Es lohnt sich wirklich nicht, sonst würde ich mir den Spaß auch erlauben. Ich fahre super gerne im Sommer im Cabrio mit Musik an, in die Hamptons, das ist einfach ein schönes Lebensgefühl. Aber abgesehen davon, dass ich über elf Monate auch nicht in New York bin, es lohnt sich einfach nicht. Da nehme ich mir lieber einen Mietwagen. Alles andere wäre völlig sinnlos.

Und was hat ein erfolgreicher Musiker als Klingelton auf dem Handy?

*lacht* Ich hab ein sehr altes Handy und kann den Klingelton nicht umändern. Und ganz ehrlich gesagt, möchte ich auch nicht die Zeit aufbringen, den Klingelton zu ändern. Ich hab einmal, da war ich so 14-15 Jahre alt, im Zug Klingeltöne ausprobiert und da haben sich die Leute so beschwert, da hab ich echt Ärger gekriegt. *lacht* Solange das Handy überhaupt ein Geräusch macht, ist mir das recht.

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