Interview: Jussi Adler-Olsen im Gespräch

Interview: Jussi Adler-Olsen im Gespräch

Seine Bücher jagen einem einen Schauer über den Rücken. Mit „Erbarmen“, „Schändung“, „Erlösung““ und „Verachtung“ schuf der dänische Bestsellerautor Jussi Adler Olsen (62 Jahre, verheiratet, ein erwachsener Sohn) das Erfolgreichste in Sachen Kriminalliteratur, was das Genre derzeit international zu bieten hat. Auch in Deutschland ist seine Krimireihe um den eigenwilligen Kommissar Carl Mörck und das Kopenhagener Sonderzenernat Q ein Riesenerfolg: Seine Bücher sind Dauergäste auf der Spiegel-Bestsellerliste und verkauften sich bisher über fünf Millionen mal. Dazu pflastern zahlreiche Auszeichnungen seinen Weg: Harald-Morgensen-Krimipreis (2009), Reader´s Bookprize und Glass Key Award (2010), Goldener Lorbeer (2011), Krimi-Blitz international (2012).
Dabei hat Adler-Olsen erst spät mit dem Schreiben angefangen. Er war Redakteur für Magazine und Comics, Koordinator der dänischen Friedensbewegung, Komponist, Verlagschef im und Aufsichtsratsvorsitzender bei verschiedenen Energiekonzernen, bevor er sich 1995 ganz dem Schreiben zuwandte. Jeanine Cujé-Bartsch traf den freundlichen Schriftsteller zu einem Interview.

hallo Sonntag: Die Dreharbeiten zur Verfilmung des ersten Teils der Kommissar Carl Mörck-Reihe „Erbarmen“ sind in Dänemark gestartet. Haben Sie Einfluss auf die Umsetzung und die Besetzung?

Jussi Adler-Olsen: Direkt Einfluss habe ich nicht. Ich werde aber bei der internationalen Umsetzung schon auf die Adaption achten. Bei den Schauspielern hatte ich gar kein Mitspracherecht (Lachen).

(Anmerkung der Redaktion: Die auf zehn Teile angelegte Carl Mörck-Produktion wird derzeit im Rahmen einer europäischen Co-Produktion von Zentropa und dem ZDF für Kino und Fernsehen verfilmt)

In Skandinavien ist das halbe Jahr über Winter mit tiefer Dunkelheit. Kommt da Ihr Hang zu düsteren und bösen Geschichten her?

Ich denke oft, es ist ein Wunder, dass es uns Dänen überhaupt noch gibt. Der skandinavische Winter ist furchtbar. Ihr wisst hier ja gar nicht, was Winter ist.
Darum sind wir Dänen auch so „taugh“.

Wer liest als Erster ihre Bücher?

Meine Ehefrau Hanna. Sie ist Journalistin. Sie geht nicht blauäugig an die Sache heran, sondern kann sehr gut beurteilen, ob dass, was ich geschrieben habe, gut ist oder nicht. Sie fühlt auch etwas gegenüber den Personen. Die Interaktion zwischen dem Leser und den Personen im Buch ist immens wichtig.

Sie sind ein echter Tausendsasa: Mehrere Berufe ausgeübt, jetzt der Riesenerfolg als Schriftsteller. Wie sieht Ihr Alltag momentan aus?

Ich mag Veränderung. Das war noch nie ein Problem. Ich reise viel, vor allem während der Sommermonate, und hole mir eigentlich von überall her Inspiration. Ich bin wie ein Schwamm, der alles in sich aufsaugt. Der Rest ist viel Fleißarbeit. Ich versuche, täglich vier bis fünf Manuskriptseiten zu schreiben. Das ist nicht wenig. Üblicherweise setzte ich mich mich morgens an den PC und arbeite den ganzen Tag. Die Nacht durchschreiben zu müssen, finde ich furchtbar. Das kommt aber auch schon mal vor.

Irgendwelche festen Rituale?

Ich schreibe am besten mit guter Musik: Pop, Rock, Klassik, solange es gut gemacht ist. Dazu kommt der Einsatz meines Verstandes. Sonst nichts.

Welche Schriftsteller gefallen Ihnen persönlich?

Niels Jensen, John Steinbeck, John Irving, Charles Dickens, Nick Hornby, Gustav Wied, Peter Bichsel. Sie alle besitzen diese Mischung aus erstklassigem Stil, Humor und dem Verständnis für das menschliche Dasein. „Filmkunst“ von Jensen hat meine Sicht verändert, wie Bilder im Kopf entstehen.
An Mathilde Walter Clark mag ich besonders ihre Scharfsinnigkeit, ihren Sinn für Methaphern und die Fähigkeit, auch kleinste Dinge zu beschreiben, die eigentlich unbeschreibbar sind.

Ihre Carl Mörck-Reihe ist unglaublich spannend. Bei jedem weiteren Buch ist man traurig, wenn es zu Ende geht. Steht schon fest, wann die Reihe aufhört?

(Lachen): Oh ja. Ich entwickel die Serie zwar von Fall zu Fall, aber die Geschichte der Personen von Anfang bis Ende steht. Nach zehn Büchern ist endgültig Schluss.

Wo befindet sich das Ende: In Ihrem Kopf oder schon auf Papier?

Das Manuskript mit dem definitiven Ende liegt sicher verschlossen in einem Safe. Es gibt drei Menschen auf der Welt, die das Ende kennen: Meine Frau, mein Editor und mein bester Freund.

Wie lange arbeiten Sie an einem Carl Mörck-Fall, bis er veröffentlicht wird?

Jedes meiner Bücher bedeutet in der Regel vier bis fünf Jahre harte Arbeit. Die Recherche nimmt allein bis zu zwei Jahre in Anspruch.

Recherchieren Sie auch im wahren Leben? Oder ist alles Fantasie?

Für „Schändung“ bin ich unter die Jäger gegangen. Und auch im Krankenhaus habe ich recherchiert. Ich orientiere mich grundsätzlich an den Fakten aus dem realen Leben. Ich recherchiere weder bei Google noch Wikipedia. Dazu kommt meine Lebenserfahrung.

Die Fälle in den Büchern sind unglaublich harter Krimistoff und häufig geradezu unerträglich sadistisch. Basieren die Geschichten auf realen Fällen?

Empfinden Sie das so? Ganz ehrlich: Die Realität ist in aller Regel doch viel schlimmer. Im Vergleich dazu sind meine Fälle harmlos. Absolut gar nichts ist mit der Wirklichkeit vergleichbar.

Was machen Sie, um dem Genre Krimi zu entfliehen, in Ihrer Freizeit?

Ich renoviere Häuser.

Und ziehen dann selbst ein?

Ja. Wie gesagt, ich mag Veränderung. Ich habe mittlerweile zwölf Häuser renoviert. Das macht Spaß und ist gut für die Figur. Allerdings leben wir jetzt schon länger in unserem Haus in Dänemark. In Barcelona habe ich eine Wohnung.

Tipp für Cineasten: Der deutsche Kinostart für Jussi Adler-Olsens ersten Carl Mörck-Krimi „Erbarmen“ ist gegen Ende des Jahres geplant.
Für Bücherfans: Gerade ist sein packender Politthriller „Das Washington Dekret“ (dtv), eine Parabel über Machtmissbrauch und die Manipulierbarkeit der Massen, erschienen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.