Rita Süssmuth im Interview

Rita Süssmuth im Interview

Rita Süssmuth erhält in Hannover den Leibniz-Ring 2014, ihr Motto: Jugend und Frauen sollen gefördert werden.Hannover. Hartz IV könnte man ihrer Meinung nach getrost abschaffen. „Wir brauchen gut ausgebildete Menschen. Ziel muss sein, dass alle – auch diejenigen ohne Schulabschluss – nicht in Hartz IV rutschen“, fordert Rita Süssmuth. Die Politikerin hat am Dienstagabend den Leibniz-Ring des Presse Club Hannover bekommen. Die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung wird die 77-Jährige in eine neue Stiftung einfließen lassen, die sie mit dem Presse Club Hannover gründen wird. Der Arbeitstitel der Stiftung lautet „Frauenpower kontra Quote – mehr Kooperation statt Konfrontation“.

Mit Hilfe dieser Stiftung möchte Süssmuth Frauen fördern. Denn: „Wer keine Quote will, muss Frauen wollen.“ Dies betonte die Politikerin auch in dem Gespräch, das sie einen Tag nach der Auszeichnung mit „hallo Wochenende“ führte. Ihr ist es ein Anliegen, sich für benachteiligte Gruppen einzusetzen. Dazu gehören Migranten genauso wie junge Menschen, die ohne Schulabschluss und Aussicht auf eine Arbeitsstelle in die staatliche Förderung abrutschten. „Wir müssen den jungen Menschen Erfolgserlebnisse geben“, betonte die ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestages. Ein „Ich kann das nicht“ von jungen Menschen würde sie nicht akzeptieren: „Irgendetwas kann jeder.“

Rita Süssmuth öffnet selbst die Tür. Ihr Händedruck ist fest, die Augen hinter der Brille neugierig. Und dann stellt sie die erste Frage: „Was darf ich Ihnen bestellen?“ Ein Nein wird nicht akzeptiert. Also Cappuccino. Nachdem der Zimmerservice das Gewünschte auf den Glastisch gestellt hat, geht es los.

Frau Süssmuth, ich habe Sie gestern Abend bei der Vergabe des Leibnizringes beobachtet. Sie tragen kaum Schmuck. Das Einzige ist eine Halskette mit einem schlichten Anhänger und Ihren Ehering. Den Leibnizring tragen Sie heute noch – einen Tag nach der Verleihung. Er scheint Ihnen also wirklich zu gefallen?

Ja, er gefällt mir wirklich sehr. Er ist schön schlicht.

Etwas Verspieltes würde zu der gradlinigen Rita Süssmuth auch nicht passen, oder?

Wieso nicht? Im Urlaub würde ich so etwas vielleicht auch tragen. Die toughe, durchsetzungsstarke Frau, das ist doch nur ein Bild von mir. Ich kann auch sehr sanft sein. Wichtig ist mir die Nähe zu Menschen. Wir müssen mehr fühlen. Gleichzeitig müssen wir als Frauen – wenn wir führen wollen – auch zeigen: „Die will auch etwas!“ Und wissen Sie, dann beobachte ich mich selbst, während ich rede, und sehe meine energischen Handbewegungen. (Lacht)

Und dann denkt jeder wieder an die toughe Frau Süssmuth …

Genau. Dabei kommt es beim Führen eigentlich auf drei Dinge an: Verstand, Gefühl und Sensibilität für Menschen. Wenn alles drei vorhanden ist, kann man erfolgreich sein.

Eins fehlt dann aber immer noch. Sie haben es gestern selbst gesagt: Man braucht auch den Mut zur Macht.

Ja, wir kommen nicht weiter, wenn wir uns immer nur hinter den Aussagen verstecken, dass es jemand anderes doch vielleicht besser könnte. Wir brauchen selbstbewusstere Frauen.

Aber der Weg ist ja nicht immer einfach. Sie haben den Leibnizring auch dafür bekommen, weil Frauen in Führungspositionen heute noch immer rar sind. Was halten Sie eigentlich von der Frauenquote?

Ganz ehrlich? Ich hätte mir gewünscht, wir hätten keine gebraucht. Und wenn eine demokratische Gesellschaft wirklich an einer gleichberechtigten Teilhabe arbeitet, hätten wir sie nicht gebraucht. Aber das ist nicht passiert. Insofern brauchen wir konkrete Zielvereinbarungen. Wer die Quote nicht will, muss die Frauen wollen.

Das hört sich jetzt wirklich sehr tough an. Sie selbst sind bei Ihrem Vorstellungsgespräch für Ihre erste Dozentenstelle 1966 gefragt worden, wie Sie Ihren Job mit einem Kind eigentlich unter einen Hut bringen wollten. Waren Sie da nicht brüskiert?

Ja, natürlich war ich das! Ich sah das als eine rein private und persönliche Entscheidung an. Aber daraus habe ich gelernt.

Was?

Ein wohlmeinender Professor riet mir, dass wir von der Geburt eines Kindes lieber gar nicht groß reden.

Das wollen Frauen aber heute nicht mehr tun. Sie bekommen lieber gar keine Kinder und machen Karriere oder bekommen Kinder und denken oftmals nicht daran, Karriere zu machen. Stand es eigentlich jemals für Sie zur Debatte, keine Kinder zu haben?

Nein, ich hätte sogar gerne zwei gehabt. Aber das hat nicht sein sollen.

Ihre Tochter hat sogar fünf Kinder und einen Job. Was hat sich seit Ihrer Zeit verändert?

Sehen Sie, wir haben innerhalb der vergangenen Jahrzehnte wirklich einen Quantensprung gemacht. Heutzutage sind viele Frauen selbstverständlich im Beruf. Denken Sie an den seit 1996 rechtlichen Anspruch auf einen Kindergartenplatz; seit 2013 kommen die unter Dreijährigen hinzu. Aber es geht hier nicht nur ums Geld, sondern ebenso um die Alltagsorganisation, um familienfreundliche Arbeitszeiten, um Zeit für Kinder ohne Verzicht auf beruflichen Aufstieg. Es geht vor allem auch darum, Frauen in Führungspositionen zu wollen. Von den Frauen wird zum einen verlangt, dass sie immer mehr können müssen. Sie müssen Mutter und Partnerin sein, erfolgreich im Beruf stehen und möglichst noch ein Ehrenamt ausfüllen. Zum anderen machen viele von uns den Fehler, dass sie denken, sie müssen handeln wie ein Mann, um erfolgreich zu sein.

Warum sollten sie das nicht?

Weil sie oft etwas ganz Entscheidendes negieren, ihre weiblichen Erfahrungen mit Menschen zurückstellen und ihren Stil im Umgang mit Menschen den vorgegebenen Normen anpassen. Nur wer sensibel für Menschen und gleichzeitig in der Sache kompetent ist, wird erfolgreich handeln.

Gesetz den Fall eine Frau beherzigt alle Ihre Ratschläge. Sie ist gut ausgebildet, tough und bleibt dennoch Frau. Mal ehrlich: Die wenigsten werden es in die Chefetagen schaffen.

Viele Arbeitgeber haben begonnen umzudenken. Sie können es sich inzwischen nicht mehr leisten, auf gut ausgebildete Frauen zu verzichten.

Liz Mohn hat gestern die Laudatio gehalten. Was verbindet Sie?

Uns verbindet das Interesse an Menschen und Menschlichkeit. Die Lösung von Problemen und die Stärkung der Menschen, vor allem auch der Frauen.

Sie wollen das Geld in eine Stiftung investieren, die Ihren Namen tragen soll. Warum?

Ja, weil ich der festen Überzeugung bin, dass wir nur gemeinsam stark sind. Keiner kann es allein schaffen. Der Gedanke ist es, Frauen zu fördern, die ihre Kraft und Kreativität einsetzen zur Überwindung von Konfrontation und beispielhaft zum Gelingen der Kooperation beitragen. Ich bin davon überzeugt, dass wir engagierte Frauen brauchen, die gefährliche Konfrontation in produktive Kooperation verwandeln.

Frau Süssmuth, danke für das Gespräch.

 
Frauen-Freundschaften: Liz Mohn hält die Laudatio auf ihre Freundin bei der Preisverleihung

Da gab es diesen kleinen Moment, in dem man spürte, dass die beiden äußerlich ungleichen Frauen mehr verbindet als eine Bekanntschaft. Es war Achtung. Respekt. Herzlichkeit. Bertelsmannchefin Liz Mohn, eine der mächtigsten Frauen der deutschen Wirtschaft, nahm Rita Süssmuth in den Arm und drückte sie. Zuvor hatte die Unternehmerin eine warmherzige Laudatio auf ihre Freundin gehalten, die in dieser Woche den Leibnizring des Presse Club Hannover verliehen bekam.

„Ich schätze an ihr ihre Gradlinigkeit und ihre Ehrlichkeit“, betonte Liz Mohn. Die so Geehrte fand kurzzeitig nur ein Wort, als ihr der Ring über den Finger geschoben wurde: „Passt!“ Dann hielt sie eine Dankesrede, in der deutlich wurde: Diese Frau ist mit 77 Jahren noch eine Kämpferin, klar in ihren Formulierungen und Forderungen. Den Frauen rief sie zu: „Lasst Euch nicht abwiegeln!“, und: „Ich bin heute radikaler als mit 30.“ Mut, Kompetenz und Hartnäckigkeit seien für den Erfolg nötig. „Das sind Eigenschaften, warum Rita Süßmuth den Leibnizring des Presse Club verliehen bekommen hat“, sagte Clubchef Jürgen Köster.

350 geladene Gäste zollten der so Ausgezeichneten am Ende mit Standing Ovations ihren Respekt – darunter auch ihr Mann Hans und Tochter Claudia (46), die aus China angereist war. Mit dabei waren auch Prof. Madjid Samii, Prof. Ulrich Reimers, Heike Jahr vom Verlag Gruner + Jahr, Ann-Katrin Bauknecht aus der Bauknecht-Dynastie, Oberbürgermeister Stefan Schostok, Landtagspräsident Bernd Busemann, Bundestags-Vizepräsidentin Edelgard Bulmahn, Herbert Schmalstieg, Prof. Klaus Goehrmann sowie NDR-Intendant Lutz Marmor.

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