Brodowys Woche: Europa
Matthias Brodowy ist Kabarettist und Musiker. Für „hallo Wochenende“ schreibt er seine Kolumne „Brodowys Woche“.

Brodowys Woche: Europa

Ich bin ja ein Kind der 70er Jahre. Einerseits eine Zeit, die geprägt war von Tapeten mit apokalyptischen Mustern und psychodelischen Farben – und diese Tapeten gab es ja auch zum Anziehen. Andererseits war Frieden vor meiner Haustür! Klingt so banal dieser Satz, ist er aber nicht! Zwei verheerende Weltkriege hatten den Kontinent im gleichen Jahrhundert erschüttert. Und blickt man in die Geschichtsbücher, so wird man kein Jahrhundert finden, in dem nicht ein Krieg tobte, meist waren es mehrere. Was hatte ich für ein Glück! Wenn samstags um zwölf Uhr die Sirenen aufschrien, war es für mich das, was es auch nur war: Ein Sirenen-Testlauf! Für viele andere, die diese warnenden Klänge des Krieges noch im Ohr hatten, kam die Erinnerung, die Angst. Mir berichteten die Senioren, die ich in meinem Zivildienst begleiten durfte, von ihren Beklemmungen, wenn die Sirenen samstags aufheulten. Ich habe in den letzten Tagen ein Buch des britischen Historikers Ian Kershaw gelesen über Europa von 1950 bis heute. Es hat mich sehr angerührt. Aus erbitterten Feinden sind Freunde und Partner geworden. Und ich selbst fühle mich in Frankreich, Dänemark oder Italien genauso zuhause wie hier in Norddeutschland. Für meine Generation ist Europa ein gemütliches Wohnzimmer geworden. Mit französischem Chanson, spanischem Wein, Antipasti, böhmischen Knödeln, großer Literatur und niederländischen Fußballanekdoten. In zwei Wochen wird neu tapeziert. Und da würde ich gerne ein Wörtchen mitreden. Ich gehe wählen!

Matthias Brodowy

www.brodowy.de

Bildquelle

  • Brodowy: privat

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