Brodowys Woche: Freiheit
Matthias Brodowy ist Kabarettist und Musiker. Für „hallo Wochenende“ schreibt er seine Kolumne „Brodowys Woche“.

Brodowys Woche: Freiheit

Wissen Sie noch, wo Sie am 3. Oktober 1989 waren? Ich kann mich überhaupt nicht mehr erinnern, was ich an diesem Tag gemacht habe. Der 9. November des gleichen Jahres hingegen ist mir noch sehr präsent. Vor allem, weil ich DAS historische Ereignis meines Lebens verpasst habe. Wir haben im Keller Doppelkopf gespielt. Kein Fernseher lief, kein Radio, Handy gab‘s nicht. Für mich fiel die Mauer erst am nächsten Morgen, als mich der Radiowecker mit der Meldung des Jahrzehnts aus dem Schlaf riss. Knappe elf Monate später habe ich mich strafbar gemacht, aber ich denke, es ist verjährt: Als am 3. Oktober 1990 aus zwei Deutschlands wieder eines wurde, haben wir im Garten verbotenerweise Feuerwerksraketen in den Himmel gejagt. Fragen Sie mich nicht, wo wir die herhatten. Aber angesichts dieses historischen Momentes wollten wir unserer Freude Ausdruck verleihen. 28 Jahre ist das inzwischen her. Und von der Euphorie ist nicht viel übrig geblieben. Vielleicht täte es gut, sich noch einmal daran zu erinnern, was diese Mauer bedeutete. Eine Grenze mit Schießbefehl, mit Selbstschussanlagen gegen Menschen, die einfach nur frei sein wollten. Diese Freiheit hat man sich erstritten ohne Blutvergießen, für diese Freiheit sollte man auch heute immer streiten. Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit und ihren Wert erkennt man meist erst, wenn man sie verloren hat. Am 3. Oktober sollte man nicht nur die Einheit feiern, sondern auch die Freiheit. Hätte ich noch ein paar Feuerwerkskörper im Keller…

Matthias Brodowy

Bildquelle

  • Brodowy: privat

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