Brodowys Woche: Schau an!
Matthias Brodowy ist Kabarettist und Musiker. Für „hallo Wochenende“ schreibt er seine Kolumne „Brodowys Woche“.

Brodowys Woche: Schau an!

Neulich habe ich mal wieder einen gesehen! Sie sind selten geworden! Aber hin und wieder trifft man dann doch auf einen Vertreter dieser Spezies: Einen Fenstergucker! Früher gab es sie häufiger. Des Morgens in aller Herrgottsfrüh öffneten sie ihr Fenster weit, nahmen sich ein Kissen, legten ihre verschränkten Arme drauf und beobachteten, was sich vor ihrer Haustüre so alles abspielte. Seit den 80er Jahren nahm ihre Zahl rapide ab. Denn wieso nach draußen schauen, wenn man im Privatfernsehen den ganz normalen Wahnsinn des Alltags direkt vors Sofa geliefert bekommt, bereichert um alle erdenklichen menschlichen Abgründe, die man vom Fenster aus nur selten zu Gesicht bekäme. So ist diese Form des „Public Viewing“ fast ausgestorben. Nur der, der anderen gerne beim Einparken zuschaut, lehnt sich noch weit aus dem Fenster und wird hin und wieder von einer knirschenden Miniaturkarambolage von Stoßstange zu Stoßstange belohnt. Aber auch das andere „Public Viewing“, gemeint ist hier das fußballerische, hat sich ja seit dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft so ziemlich erledigt. Wussten Sie übrigens, dass „Public Viewing“ eine neudeutsche Wortschöpfung ist? Im angelsächsischen Raum versteht man unter diesem Begriff nämlich eigentlich eine öffentliche Leichenschau, eine Aufbahrung also. Passt irgendwie zum Vorrunden-Aus. Wobei ich zugeben muss, dass die Spiele auch ohne eigene Mannschaft Spaß machen. Wer darauf trotzdem keine Lust hat, kann ja einfach aus dem Fenster gucken!

Matthias Brodowy

Bildquelle

  • Brodowy: privat

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