Der Weltenerschaffer – Dieter Richter auf dem Roten Sofa

Der Weltenerschaffer – Dieter Richter auf dem Roten Sofa

Manche nennen ihn den „Anwalt des Stückes“. Er selbst würde sich eher als Mittler zwischen Technik und Kunst bezeichnen und wahrscheinlich liegt gerade darin der Schlüssel zu seinem Erfolg: Dieter Richter ist einer der renommiertesten Bühnenbildner Deutschlands. Für die Staatsoper Hannover entwirft er die Szene für die „Dialoge der Karmelitinnen“ von Francis Poulenc. Ein Gespräch über Klöster, die Dramaturgie in katholischen Kirchen und das Horrorhaus von Höxter.

Herr Richter, Sie haben für Rusalka damals ein sehr düsteres Bühnenbild entworfen, das irgendwo zwischen Pathologie, Laboratorium und Schlosskeller angesiedelt war. Geht es jetzt mit den Karmelitinnen ins Kloster?
Es geht schon in die Klosterwelt. Aber der Ausgangspunkt wird gar nicht so weit weg liegen. Sie kennen doch sicherlich das Unglückshaus von Höxter.
Ja, ein biederes Siedlungshaus in 50-er Jahre Harmlosigkeits-Architektur.
Genau, es ist die scheinbare Harmlosigkeit hinter der Grauen steckt. Die Hauptfigur Blanche kommt aus einer adeligen Familie und will ins Kloster. Dort hofft sie einen Schutzraum vorzufinden, in dem sie ihre Angst überwinden kann. Sie hat die Vorstellung, dass es in diesem Raum kein Leid gibt, aber genau das Gegenteil ist der Fall: Die alte Priorin stirbt unter Qualen. Etwas, was Blanche nie erwartet hätte. Sie dachte, in der Obhut Gottes käme so etwas nicht vor. Sie muss feststellen: Ihr Schutzraum ist gar keiner… Die Oper wurde 1957 geschrieben – also auch dadurch ein Bezug zur Architektur der fünfziger Jahre. Nach der Eingangssequenz öffnet sich das Haus und man ist in der feudalen Welt von Blanches Familie und wenig später, durch subtile Raumveränderungen, im Kloster.
Der Raum verändert sich also?
Die Veränderungen laufen eher unmerklich, wenn auch spürbar ab. Die Architektur mit ihren Panelwänden und den Seidentapeten könnte auch an reich ausgestattete katholische Kirchen erinnern. Sie pendelt aber auch surreal zwischen den Welten.
Das heißt auch, dass es keinen Ausweg gibt?
Alles deutet zunächst darauf hin. Aber einen Ausweg gibt es immer, auch wenn es ein tödlicher sein kann. Eigentlich sind es die Figuren, die sich hier verändern, nicht in erster Linie der Raum.
Welche Bedeutung hat die katholische Kirche für Sie?
Ich bin als kleiner Junge immer mit meinen Großeltern in die Messe gegangen. Ich finde katholische Gottesdienste schon sehr theatralisch. Es ist wie ein große Inszenierung: Rosenkranz beten, Weihrauch, Gesänge – das alles prägt einen schon.
Was war für Sie ausschlaggebend, Bühnenbildner zu werden?
Ich wollte eigentlich Schauspieler werden. Gleichzeitig habe ich aber auch immer gemalt und plastisch gearbeitet. Ich habe mich dann an Schauspielschulen beworben und bin in München in der letzten Runde rausgeflogen. Dann bin ich meiner Intuition gefolgt und habe mich vier Wochen später mit meinen Bildern und Zeichnungen für den Bühnenbild-Studiengang an der Kunsthochschule Mozarteum in Salzburg beworben. Das hat dann geklappt, und ich sehe es als großes Privileg an, dass ich in meinem Beruf Architektur, Technik und Kunst verbinden kann. Zudem darf ich mich jedesmal aufs Neue mit einem spannenden Stück auseinandersetzen, in die Tiefe gehen und forschen!
Dieter Richter ist einer der renommiertesten Bühnenbildner Deutschlands. Für die Staatsoper Hannover hat er bereits ein Bühnenbild für die Oper Rusalka entworfen. Dafür erhielt er vom Publikum eine Nominierung zum besten Bühnenbildner. In diesem Jahr wurde er in London bei den International Opera Awards für die Kategorie Best Designer nominiert. Für die Oper Hannover entwickelt er ein Bühnenbild für die Karmelitinnen, die am 2. Juni Premiere feiern.

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