Grüße aus der Gruft
Sie will leben und lieben: Sara Eterno in der Rolle der „Rusalka“. Foto: Thomas M. Jauk / Stage Picture

Grüße aus der Gruft

Die Oper „Rusalka“ erzählt von der Sprachlosigkeit der Liebe

Von Heike Schmidt
Hannover. Diese Geschichte wird nicht gut ausgehen. Das ist von Anfang an klar. Der Zeiger der großen Uhr steht auf fünf vor Zwölf. Exakt um Mitternacht schlagen dann auch die grünlich-bleich geschminkten Wassernixen die Totenlaken zurück, mit denen sie bedeckt waren, und stehen von den Seziertischen auf. „Rusalka“ – ein lyrisches Märchen? Im klassischen Sinn märchen- und gar zauberhaft ist in dieser Inszenierung nur die Musik von Antonín Dvořák, der die Oper um 1900 komponiert hat. Die Szenerie ist alles andere als das: Das Bühnenbild von Dieter Richter erinnert eher an einen Horrorfilm, in dem sich Nosferatu wohl gefühlt haben würde. Im Keller des Schlosses Orlik ist eine Art Anatomiesaal der düsteren Sorte untergebracht. An den Wänden hängen nicht nur Totenmasken, sondern es spiegeln sich an ihnen auch Wellenbewegungen wider. Hier leben der Wassermann (Tobias Schabel) und seine Nixen (Athanasia Zöhrer, Hanna Larissa Naujoks und Julie-Marie Sundal).
Aber leben sie wirklich? Zum Leben gehört schließlich eine Seele – und diese will Rusalka, die Protagonisten-Nixe (Sara Eterno) in der Inszenierung, unbedingt haben. Denn sie will leben und lieben – ihren Prinzen (Andrea Shin), der in der oberen Etage lebt und zu dem eine eiserne Wendeltreppe führt, die für Rusalka Stufen der Verwandlung werden sollen. Ja, sie wird mit Hilfe der Hexe (Khatuna Mikaberidze) zum Menschen. Aber sie zahlt dafür einen hohen Preis. Sie verliert ihre Stimme – und damit auch die Fähigkeit, mit dem Prinzen zu kommunizieren. Kaum schwindet die anfängliche Leidenschaft und Neugier auf das Unbekannte der beiden, erstickt diese Liebe in Sprachlosigkeit.
Der Prinz, umgarnt von einer fremden Fürstin (Brigitte Hahn), die von Anfang an Missgunst säen will, tauscht Rusalka gegen die wort- und auch anders gewaltige Fürstin aus. Spätestens an dieser Stelle wird die Botschaft klar: Gute Menschen gibt es nicht und auch ein Prinz hat Leichen im Keller. Die Menschenwelt ist voller Boshaftigkeiten und Lügen, und alles, was noch so sehr in Schönheit begann, wird in der Realität grau und abstoßend. Märchenhaft ist noch nicht einmal die Zauberwelt des Wassermanns. Sie ist kühl, feucht und abstoßend. Das Leben hat dort keinen Platz. Und so muss auch die verstoßene Rusalka durch die Welten irrlichtern, in denen es keinen Ort für sie gibt. Erst als der Prinz, der sich dann doch überlegt hat, sie zu lieben, sie wiederfindet und sie ihm den Todeskuss gibt, beziehungsweise ihn in dieser Inszenierung der Einfachheit halber mit einer der Totenmasken erstickt, darf sie zurück zum Wassermann. So weit, so morbid.
Wer zu Depressionen neigt, sollte „Rusalka“ auf gar keinen Fall an einem trüben Herbsttag sehen – zu düster, zu morbid ist diese Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf. Damit steht sie an einigen Stellen in krassem Kontrast zur zauberhaften Musik. Das gibt der Oper einen großartigen Spannungsbogen. Sie passt zum Herbst, in dem die Themen Schönheit und Vergänglichkeit naturgemäß eng beieinander liegen. Und so ist es auch kein Zufall, dass eine Reproduktion des Gemäldes von Gabriel Ritter von Max „Der Anatom“ an einer der Kellerwände hängt. Auf dem Bild beugt sich ein Wissenschaftler über eine Tote. Nachdenklich hat er sein Kinn auf eine Hand gestützt. Mit der anderen hat er das Totenlaken ein wenig heruntergezogen. Er betrachtet das Gesicht der Frau und scheint sich zu fragen, was sie ihm wohl zu Lebzeiten zu sagen gehabt hätte.

„Rusalka“ wird im Opernhaus am morgigen Sonntag, 11. Oktober, um 16 Uhr aufgeführt. Karten unter

❱❱ Telefon (0511) 99 99-11 11

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