Ich habe einen Traum vom Ankommen
Das multireligiöse Vorbereitungsteam der Frauenreihe. Foto: privat

Ich habe einen Traum vom Ankommen

Mein Vater ist nur 51 Jahre alt geworden. Nach seinem Tod habe ich mich aufgemacht, um das zu suchen, was er in seinem Leben nicht gefunden hat: Einen Glauben, der Antworten auf die vielen Fragen des Lebens gibt und in dem ich mich zu Hause fühlen kann. Und eine Gemeinschaft, die miteinander auf dem Weg ist und sich gegenseitig stützt. Auf meiner Suche hatte ich Kontakt zu verschiedenen Glaubensgemeinschaften und ging auch eine Zeit lang in eine Synagoge. Dort lernte ich eines Tages einen Kreis aus Christen und Muslimen kennen. Dies war mein erster Kontakt mit der Religion Islam. Fünf Jahre lang habe ich mir diese Religion angeschaut – „drum prüfe wer sich ewig bindet“ – bis ich dann selbst 1991 das Glaubensbekenntnis abgelegt habe.

Als nach dem muslimischen Glauben der Erzengel Gabriel im Namen Gottes dem Propheten Muhammad den Qur’an offenbarte, war sein erstes Wort und gleichzeitig Aufforderung: „Lies!“ Dies verstehe auch ich als Auftrag: Lies! Frage nach! Strebe nach Wissen! Und ich bemühe mich, immer wieder zu forschen, neue Interpretationen oder auch Übersetzungen des Qur’ans zu lesen, noch aktiver zu glauben. Das wird natürlich nicht unter allen Muslimen so gelebt, zum Teil auch wegen des fehlenden Zugangs zu Bildung. Aber das ist der Islam, wie ich ihn verstehe.

Ich bin überzeugt, dass wir alle eine gemeinsame Verantwortung für die Welt haben. Ein Bewusstsein für diese Verantwortung habe ich bei Menschen unterschiedlichen Glaubens gefunden. Deswegen engagiere ich mich für den Dialog der Religionen. Im Haus der Religionen koordiniere ich seit 2015 ein Projekt von Frauen für Frauen, bis zum letzten Jahr gemeinsam mit einer christlichen Kollegin. Wir sind ein Team von Frauen aus sechs Religionen, die jedes Jahr eine Reihe zu einem Thema vorbereiten. Zuerst haben wir uns mit den Säulen der Religionen auseinandergesetzt und uns gegenseitig unseren Glauben vorgestellt. Auf Wunsch vieler teilnehmender Frauen legen wir inzwischen immer mehr Gewicht auf den Austausch miteinander.

Wir möchten Frauen eine Stimme geben. Jede kann ihre Gedanken äußern, ohne dass die anderen dies gleich kommentieren oder Lösungsvorschläge machen. In diesem Jahr besuchen wir uns gegenseitig bei den Festen der Religionen. Am Anfang haben sich manche Frauen erst mal zurückgenommen, gerade wenn sie sich in der deutschen Sprache nicht zu Hause fühlen. Es ist toll zu sehen, wie die Teilnehmerinnen Vertrauen zueinander aufgebaut haben und sich eine Atmosphäre entwickelt hat, in der auch neue Teilnehmerinnen schnell die Scheu verlieren.


Kerstin Noura Atallah hat im Islam ein spirituelles Zuhause gefunden und engagiert sich im Dialog der Religionen. Mehr Träume von Menschen aus Hannover lesen Sie in unserer Serie „Ich habe einen Traum von…“

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