Traumhochzeit in Hannover
Staatsoper Hannover 2016/2017 DIE VERKAUFTE BRAUT Singspiel von Bedřich Smetana Libretto von Karel Sabina, Neufassung von Martin G. Berger In deutscher Sprache   Premiere der Inszenierung am 29. Oktober 2016 LEITUNGSTEAM Musikalische Leitung Benjamin Reiners Inszenierung Martin G. Berger Bühne Florian Parbs Kostüme Sabine Schröder Licht Claus Ackenhausen Live-Kamera Anna-Sophia Leist / Sirish Uterhark Video Elana Siberski / sputnic Choreographie Mathias Brühlmann Choreinstudierung Dan Ratiu Dramaturgie Steffi Mieszkowski BESETZUNG Kruschina Stefan Adam Ludmilla Brigitte Hahn Marie Kelly God Mícha Michael Dries Hata Almuth Herbst Wenzel Tivadar Kiss Hans Robert Künzli Kezal Shavleg Armasi Springer Fabian Gerhardt Esmeralda Ylva Stenberg Muff Jan Szurgot Chor der Staatsoper Hannover Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Traumhochzeit in Hannover

„Die verkaufte Braut“ in der Inszenierung von Martin G. Berger in der Staatsoper Hannover

Diese Oper polarisiert – dabei ist sie nach dem ersten Eindruck so leicht verdaulich wie die Vorabend-Verkupplungs-Show „Bauer sucht Frau“. Martin G. Berger hat für die Staatsoper Hannover „Die verkaufte Braut“ von Bedrich Smetana neu inszeniert und dabei gründlich entstaubt. Übrig geblieben ist ein amüsant-kurzweiliger Abend, der hübsch ironisch viele Klischees bricht und dabei nicht an Hintergründigkeit verliert. Einziges Manko dieser Inszenierung, die sich zwischen Casting-Show und Melodien für Millionen bewegt, ist: Die Musik wirkt oft eben auch wie Einspieler in einer Fernsehsendung.
Aber ist das so schlimm? Zumal: Verkommen wunderbare Klassiker in unserer Zeit nicht auch immer häufiger zu Fahrstuhlmusik? Wenn man diese Inszenierung gesehen hat, könnte man darüber genauso nachdenken wie über den Begriff „Heimat“, den die fiktive Agentur „Prolocal“ im großen Stil vermarktet. Grün ist das ganze Opernhaus ausgestrahlt. Grün im Foyer, Grün auf der Bühne. Banner mit dem Schriftzug von Prolocal an den Rängen. Selbst die Gardrobieren tragen grüne Hütchen wie Stewardessen einer Airline. Die verkaufte Braut? Verkauft. Hauptdarstellerin in einem neuen Format. Dabei handelt es sich um ein altes Thema: Es geht um eine arrangierte Ehe. Damals wie heute. Nur, dass sie im Heute ziemlich viel verkauft wird, nicht nur die Braut: Auch die Heimat, inklusive Dirndl-Seligkeit und Bier-Liebhaberei, der Chor, der als gemischte-Vereinsgruppen auftritt, die Bühne, die als Aktions- und Werbefläche für Prolocal zugleich ist. Willkommen in einer großen Traumhochzeits-Show, die dieses mal nicht von RTL, sondern eben von Prolocal ausgestrahlt wird. Es moderiert auch nicht Linda de Mol, sondern Fabian Gerhardt. Der gehörte einmal zum Ensemble des Staatsschauspiels und gibt in der Oper nun den Conférencier, der vor den Kameras eigentlich auch nur eine Rolle spielt. Denn natürlich gibt es Kameras, die die Sänger ganz nah ran holen, näher noch als die um den Orchestergraben gebaute Bühne vermag.
Und das Orchester? Ach ja, das Orchester. In dieser Show spielt es wahrlich keine Haupt-, aber eine wichtige Rolle. Welche gute Show kommt schon ohne gute Musik aus? Da passt es sich trefflich, dass Smetana einst ein paar echte Schunkellieder geschrieben hat – schließlich war sein eigener Vater Bierbrauer. Also singt der Chor beschwingt: „Wenn wir bei‘m Biere sitzen, Mann gereiht an Mann, Was geht uns das Andere weiter noch an?“ und „Wie schäumst Du in den Gläsern, edler Gerstensaft, An Dir trinkt sich ein Jeder Feuer und Kraft!“ Alle schunkeln, die Tellerröcke der Dirndl fliegen und die Braut (an diesem Abend wunderbar Kelly God) darf gern auch mal ob des Geschacheres um ihre Person trotzig gucken. Das alles ist aber so hübsch ironisch gebrochen, dass es Spaß macht, zuzugucken.
Die verkaufte Braut ist zwar im Tinder-Zeitalter angekommen. Nur, dass sie sich mit so einem einfachen Wisch und Weg  nicht zufrieden geben will: Sie glaubt an die Liebe (oder will es zumindest)– auch noch, als sie herausbekommt, dass ihr Liebster Hans (Robert Künzli) sie verraten hat. Natürlich sieht sie das im Videoclip, wie er im wirbelnden Geldregen steht, den er ihr zu verdanken hat. Natürlich hat ein Kameramann diese Szene zuvor aufgenommen. Aber: Die Show muss weitergehen – und den Geldgeber Prolocal möchte niemand richtig verärgern. Also wird weitergespielt. Da machen die Eltern (Stefan Adam und an diesem Abend Carmen Fuggiss) keine Ausnahme. Der für die Braut auserwählte Wenzel (großartig stotternd singend: Pawel Brozek) liebt eh eine andere. Und wie es ausgeht? Eben wie in einer echten Show: Happy End. hs

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