Wenn Arbeit krank macht
Zwei Millionen Menschen nehmen regelmäßig Medikamente gegen den Stress am Arbeitsplatz.

Wenn Arbeit krank macht

Zwei Millionen Menschen nehmen regelmäßig Medikamente gegen den Stress am Arbeitsplatz

Von Reinhard Urschel

Berlin. Jetzt schlagen auch die Ärzte Alarm. Kaum war in dieser Woche der Krankenkassen-Report bekannt geworden, dass rund drei Millionen Arbeitnehmer in Deutschland Pillen schlucken, um ihren Arbeitsalltag bewältigen zu können, meldeten sich prompt die Mediziner zu Wort. Sie sehen die Arbeitgeber in der Pflicht. Sie müssten den Stresspegel reduzieren, sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery: „Wenn Arbeit krank macht, liegt das meist an chronischer Überforderung und chronischem Stress.“ Dies falle in die Verantwortung und Fürsorgepflicht der Arbeitgeber. Auswirkungen des Dauerstresses seien ernsthafte psychische und psychosomatische Krankheiten wie Depressionen, Angststörungen, Rückenschmerzen, Tinnitus oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, warnte Montgomery. Auch Zeit- und Leistungsdruck sowie Stress durch ständige Erreichbarkeit könnten krank machen.
Was kaum Beachtung fand bei der Veröffentlichung des Reports war der Umstand, dass das „Wettrüsten im Gehirn“ von Jahr zu Jahr zunimmt. Die Krankenkasse DAK hatte im Jahr 2009 einen vergleichbaren Report vorgelegt, damals waren es noch zwei Millionen Deutsche, die zugaben, regelmäßig stimmungsaufhellende Medikamente zu schlucken, um den beruflichen Alltag besser durchzustehen. Heute liegt die Dunkelziffer immerhin schon bei fünf Millionen.
Dazu noch einmal der Ärzte-Präsident: „Es wird höchste Zeit, dass die Arbeitgeber erkennen, dass sich die Arbeitswelt wieder den Menschen anpassen muss, statt vorrangig Renditeerwartungen zu erfüllen“, forderte der Ärzte-Präsident. Zudem müssten krank machende Faktoren wie Angst vor Arbeitsplatzverlust, ungenügende Erholungsmöglichkeiten oder Mobbing von den Arbeitgebern mehr beachtet werden.
In diesem Zusammenhang klingt es überraschend, dass ausgerechnet Ärzte laut DAK-Angaben zu den wesentlichen Bezugsquellen für stimulierende Arzneimittel auf Rezept gehören, ebenso wie Kollegen, Freunde, Familie und vor allem auch der Versandhandel. Der Handel über das Internet – und der nimmt zu – ist aber sehr riskant, da viele Fälschungen unterwegs sind. Die Verschreibung durch einen Mediziner beginnt dagegen in der Regel ganz harmlos. Zum Beispiel erbittet ein Student vom Arzt etwas gegen seine massive Prüfungsangst, damit er nicht nochmals durchfällt. Derartige Patientenwünsche würden schon mal erfüllt, sagt Hans-Dieter Nolting, der die DAK-Studie betreute.

 

Umfrage: Was halten Sie davon, dass immer mehr Menschen Pillen nehmen, um ihren Arbeitsalltag zu bewältigen?

 

Peter Koch

Peter Koch (60), Fliesenleger, Elze:

Ich glaube, dass die genannten Zahlen noch untertrieben sind. Viele Menschen versuchen durch Medikamente, sich Entlastung zu verschaffen. Persönlich kenne ich Zwanzigjährige, die stressbedingt Tabletten nehmen.

 

Katrin Albino

Katrin Albino (48), Kaufm. Angestellte, Hannover:

Ich finde die Entwicklung erschreckend. Niemand muss zu „Drogen“ greifen. Es gibt für die Betroffenen genügend Alternativen wie Yoga und Sport, um sich einen Ausgleich zu schaffen.

 

Reinhard Elvers

Reinhard Elvers (65), Richter, Wedemark:

Tablettenkonsum ist keine Lösung. Es gibt andere wirksame Methoden, um mit Stress umzugehen. Die Leute sollten nach den Ursachen für ihren Stress suchen und diese beseitigen.

 

Marvin Katschinski

Marvin Katschinski (24), Postdienstleister, Peine:

Natürlich bereiten mir die Zahlen Sorgen. Aber was sollen die Leute denn machen? Der Druck im Job wird immer größer, es muss immer schneller gehen. Wir leben in Deutschland.

 

Uta Döpke

Uta Döpke (56), Laborangestellte, Langenhagen:

Die Belastungen im Beruf werden immer stärker. Viele Menschen halten den Druck nicht aus und kommen nicht mehr zur Ruhe. Auch im Urlaub. Für die Betroffenen wäre es wichtig, mehr Distanz zum Job zu bekommen.

 

Umfrage/Fotos: Triller

Bildquelle

  • Medikamente: Imago

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