Zerbrochene Welten

Zerbrochene Welten

„Caligula“ in der Staatsoper Hannover – eine Geschichte über das ewig Böse

Von Heike Schmidt
Hannover. Zerborstene Spiegel an der Decke, auf dem Boden. Die schwarz-weiß gestreiften Wände lassen das Bühnenbild zusätzlich vor Augen flirren. Mitten in dieser zersprungenen Welt, in der Vieles zerstört und Einiges verstörend ist, steht Caligula (Ralf Lukas) und singt überraschenderweise sehr melodisch und für eine deutsche, zeitgenössische Oper auch sehr gut verständlich: „Wenn Geld Bedeutung hat, hat der Mensch keine.“
Am Opernhaus hatte Detlev Glanerts Oper „Caligula“ in der vergangenen Woche Premiere. Heute Abend ist sie wieder zu sehen – und sie ist sehenswert. Sie ist modern, ohne unverständlich zu werden. Bühnenbildner Volker Thiele und Gabriele Rupprecht, die für die Kostüme zuständig war, haben Raum und Ausstattung geschaffen, die subtil und eindringlich die Inszenierung von Frank Hilbrich unterstützen, ohne ihr die Schau zu stehlen – und nicht zuletzt ist das Thema aktueller denn je: Wie weit kann ein Mensch gehen, der zum Lebensmotto hat, den Gegenpart zum Guten darstellen zu wollen?
Denn machen wir uns nichts vor: Ein Sympathieträger war Gaius Caesar Augustus Germanicus nie. Für viele ist er der Inbegriff des Bösen, des wahnsinnigen Herrschers, der sich selbst gottgleich erhöhte. So verwundert es auch kaum, dass einige der Zuschauer in der Pause das Haus verließen. Der weitaus größere Teil aber blieb und wird nicht enttäuscht. Glanerts Oper, die er mit einem Akkord aus 27 Tönen unterlegt hat, ist sänger- wie publikumsfreundlich. Die deutschen Übertexte, die auf einer Anzeige, auf der bei italienischen oder französischen Opern die Übersetzung läuft, wären nicht nötig gewesen. Caligula und auch seine Mitspieler sind sehr gut zu verstehen. Einen besonderen Part hat sein Sklave Helicon (Countertenor Owen Willetts), der das Unmögliche möglich machen soll: Er soll dem Kaiser den Mond bringen. Auch seine Patrizier drangsaliert Caligula immer wieder. Doch die haben noch ein anderes, ganz handfestes Problem: Kostümbildnerin Gabriele Rupprecht hat Per Bach Nissen (Cherea), Latchezar Pravtchev (Mucius), Frank Schneiders (Mereia) und Mareike Morr (Scipio) in ganz besondere Overalls gesteckt. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie Anzüge. Auf den zweiten erkennt man, dass die Ärmel in Handschuhen enden, die auf den Hosenbeinen festgenäht sind. Den Patriziern sind die Hände gebunden – umso schwieriger ist es für sie, sich im Falle eines Falles abzustützen. Livia (Carmen Fuggiss) gehört ebenfalls zu ihnen. Sie wird zum Beweis dafür, dass Rache und Wut zwar Energien freisetzt, man jedoch auch als Racheengel an jemandem scheitern kann, der das Böse für sich gepachtet hat. Die einzige, die immer zu ihrem Mann steht, ist Caesonia (Khatuna Mikaberidze), die letztendlich sogar für ihren Mann stirbt.
Am Dirigentenpult steht Musikchefin Karen Kamensek, dem am Ende mindestens genauso viel Applaus gebührte wie Orchester, Chor und Sänger. Am Schluss stirbt Caligula zwar. Natürlich nicht ohne ein trotziges: „Noch lebe ich!“ Wobei er so unrecht eigentlich gar nicht hat – das Böse lebt immer weiter.

„Caligula“ ist heute Abend um 19.30 Uhr im Opernhaus zu sehen. Infos und Karten unter Telefon (0511) 99 99 11 11.

 

Bildquelle

  • Caligula: Oper

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