Zu viel des Guten?
Ein Gläschen Sekt in Ehren? Jeden Tag sterben im Durchschnitt 200 Menschen in Deutschland an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs.

Zu viel des Guten?

Telefonaktion: Experten geben anonymen Rat zum Thema Alkohol

Alkohol ist in Deutschland fast allgegenwärtig: bei Feiern, zu Mahlzeiten, zur Entspannung nach Feierabend … Oft bleibt es nicht bei „einem Gläschen in Ehren“. Rund zehn Millionen Deutsche trinken mehr Alkohol, als gut für sie ist. Chronischer Alkoholkonsum führt häufig zu Leberzirrhose, Schädigungen des Gehirns oder zu Herzmuskel- und Krebserkrankungen wie Leber-, Mund-, Speiseröhren- und Brustkrebs. Pro Tag sterben im Durchschnitt 200 Menschen in Deutschland an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs.
Körperliche, psychische und soziale Schäden entstehen in der Regel nicht von heute auf morgen. Es ist ein schleichender Prozess, der von den Betroffenen und den Angehörigen zunächst oft verharmlost wird. Besser ist es, sachlich über das Problem zu sprechen und sich professionelle Hilfe zu holen. Während unserer Telefonaktion war das möglich. An den Telefonen saßen die Sucht-Expertinnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Birgit Buchmüller und Marie-Luise Theunissen-Spitzley und beantworteten anonym alle Fragen, wie: Kann man den Partner, Bruder, Sohn oder Kollegen dazu bringen, weniger zu trinken? Ab welcher Menge schadet Alkohol? Wie kann man seinen Konsum auf ein gesundes Maß reduzieren? Ab wann ist man abhängig?

Während unserer Telefonaktion gab es viele Fragen zur Alkoholmenge, die gesundheitlich unbedenklich ist und zum Umgang mit Partnern, Verwandten und Freunden, die zu viel trinken. Hier eine Übersicht:

 

Mein Freund trinkt die ganze Woche nicht, aber am Wochenende gibt er sich mit seinen Kumpeln die Kante. Das werden oft am Abend fünf Liter Bier pro Nase. Mich stört das sehr. Wir unternehmen schon kaum noch etwas miteinander. Was kann ich machen?

Sagen Sie ihm klar und deutlich, dass Ihnen dieses Verhalten missfällt und bitte Sie ihn, es zu verändern. Er lebt ja mit Ihnen in einer Partnerschaft und da sollte es ihm nicht egal sein, wie Sie sich fühlen. Je konkreter Sie Ihre Forderung formulieren, desto besser. Suchen Sie für das Gespräch einen ruhigen Moment, in dem er nüchtern ist. Wenn er nicht bereit ist, Ihnen entgegen zu kommen, sollten Sie überlegen, ob Sie dieses Leben so fortsetzen möchten.

 

Ich befürchte, dass ich vom Alkohol abhängig bin und will da wieder raus. Habe schon selbst versucht, weniger zu trinken, leider erfolglos. Wie komme ich weiter?

Organisieren Sie einen Entzug und danach eine Therapie. Einen anderen Weg sehe ich nicht. Für den Entzug brauchen Sie eine Einweisung in ein Krankenhaus. Die kann Ihnen Ihr Hausarzt ausstellen. Spielen Sie ihm gegenüber mit offenen Karten. Schildern Sie Ihre Situation, ohne etwas zu beschönigen. Die Entgiftung dauert etwa sieben bis zehn Tage. Danach sollte unbedingt gleich eine Therapie beginnen, entweder ambulant oder stationär. Für eine ambulante Therapie können Sie sich schon vor der Einweisung ins Krankenhaus einen Termin bei einer Suchtberatungsstelle in Ihrer Nähe holen.

 

Könnte man die Entgiftung nicht auch selbst schaffen?

Dazu würde ich keinesfalls raten. Es geht ja um Ihre Gesundheit. Und keiner weiß, wie der Körper reagiert, wenn der gewohnte Alkohol ausbleibt. Der Entzug ist für Sie unter ärztlicher Aufsicht viel sicherer.

 

Ich bin 78 Jahre, seit Jahrzehnten trinke ich abends ein Gläschen Rotwein, nicht immer, aber recht oft. Sollte ich das lieber lassen?

Nein, gegen hin und wieder ein Glas Wein ist überhaupt nichts zu sagen. Genießen Sie es. Nur falls Sie Medikamente nehmen – dann rate ich Ihnen, mit Ihrem Arzt oder Apotheker klären, ob irgendetwas gegen das Glas Rotwein spricht.

 

Meine Frau und ich trinken abends gern Wein. Eine Flasche wird immer leer, manchmal auch noch eine halbe. Könnte das schaden?

Wenn Sie auf Ihre Gesundheit achten möchte, sollten Sie als Mann nicht mehr als zwei Gläser Wein, Ihre Frau nur ein Glas trinken. Die Standart-Weingläser, die dieser Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation zugrunde liegen, fassen 0,125 Liter. Damit liegen Sie mir Ihrem abendlichen Konsum deutlich über der empfohlenen Menge. Hinzu kommt eine weitere Empfehlung: zwei Tage in der Woche sollten alkoholfrei sein.

 

Wozu ist es gut, an zwei Tagen nichts zu trinken?

Der Körper gewöhnt sich schnell an den Alkohol. Um den gleichen Effekt zu erreichen, muss man nach ein paar Wochen oder Monaten mehr trinken. Das kann sich bis zur Abhängigkeit steigern.

 

Was kann schon groß passieren, wenn man täglich einen halben Liter Wein trinkt?

Es ist möglich, dass man jahrelang überhaupt nichts spürt. Wenn es zu Beschwerden kommt, sind sie anfangs oft vage, zum Beispiel leichte Magenbeschwerden, Müdigkeit oder Schlafschwierigkeiten. Mit der Zeit kann aber die Leber verfetten und sich entzünden, es können ernstere Magenbeschwerden und langfristig beispielsweise Herz-, Hirn- oder Nervenschädigungen auftreten. Man sollte nicht vergessen, dass Alkohol ein Nervengift ist. Lang anhaltendes, übermäßiges Trinken begünstigt das Entstehen von Krebs, zum Beispiel von Kehlkopfkrebs, Speiseröhrenkrebs oder Brustkrebs. Außerdem ist die Gefahr groß, dass man bei dauerhaft starkem Alkoholkonsum in eine Sucht abrutscht.

 

Ich will jetzt wirklich eine Alkohol-Pause von sechs Wochen einlegen. Aber ich ahne schon, dass mir besonders abends ein Schlückchen Wein sehr fehlen wird …

Lenken Sie sich ab, indem Sie eine Kleinigkeit erledigen oder sich etwas gönnen. Rufen Sie einen Freund an oder hören Sie zur Entspannung etwas Musik. Bei innerer Unruhe hilft auch oft ein Spaziergang an der frischen Luft oder eine kleine Radtour oder ein Besuch im Fitness-Studio. Hunger und Durst können auch das Verlangen nach Alkohol verstärken. Trinken Sie etwas Alkoholfreies und überlegen Sie, ob Sie Appetit auf einen kleinen Snack haben.

 

Ich habe mehrfach versucht, weniger zu trinken. Es klappt aber selten. Wie kann ich es schaffen?

Zögern Sie nicht, bei einer Suchtberatungsstelle ein Gespräch zu vereinbaren. Die Experten dort werden mit Ihnen zusammen einen Weg finden. Sie unterliegen – genau wie Ärzte – der Schweigepflicht. Eine Datei von Beratungsstellen, geordnet nach Postleitzahlen, steht im Internet unter www.bzga.de/service/beratungsstellen/suchtprobleme.

 

Mein Mann betrinkt sich seit mehr als zehn Jahren fast jeden Abend. Er reagiert schon gar nicht mehr auf meine Einwände. Mich bedrückt das sehr. Was kann ich noch tun?

Man kann nur Menschen helfen, die sich helfen lassen wollen. Das ist bei Ihrem Mann offensichtlich nicht der Fall. Nun müssen Sie entscheiden, wie lange Sie sich das noch anschauen möchten. Vielleicht können Sie zu ihm auf Distanz gehen und vereinbaren, dass sie nur etwas gemeinsam unternehmen, wenn er nüchtern ist. Auf jeden Fall sollten Sie Ihr eigenes Leben leben – mit eigenem Freundeskreis und eigenen Hobbys, damit Sie sich mit der Situation nicht zu sehr belasten. Wenn Sie dabei Hilfe benötigen, zögern Sie nicht, nach Suchtberatungsstellen vor Ort zu schauen, die in der Regel auch Angehörige beraten. Speziellen Beratungsstellen für Angehörige stehen auch unter www.dajeb.de.

 

 

Info-Kasten

 

Sucht-Beratungstelefon

Für weitere Fragen ist das Sucht-Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Mo-Do von 10-22 Uhr, Fr-So 10-18 Uhr unter 0221/892031 erreichbar.

 

Kostenlose Info-Materialien

Alle Materialien sind unter www.bzga.de/Infomaterialien aufgeführt und bestellbar oder zum download bereit.

 

Seiten zur Alkoholprävention im Internet

Für Jugendliche unter 16 Jahren: www.null-alkohol-voll-power.de , für Jugendliche von 16 bis 20 Jahren: www.kenn-dein-limit.info, für Erwachsene: www.kenn-dein-limit.de.

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