Rehhagel über den EM-Titel: „Uns hatte niemand auf dem Zettel“
Bildnummer: 01180691 Datum: 04.07.2004 Copyright: imago/ActionPictures Nationaltrainer Otto Rehhagel lässt sich feiern – Griechenland ist Europameister!; Vdig, quer, close, Trainer, Coach, Nationalcoach, Sieg, Sieger, Siegesjubel, Jubel, jubeln, Schlussjubel, Schlußjubel, Euro 2004, Europameisterschaft, Länderspiel, Nationalmannschaft, Nationalteam, Finale, Endspiel Lissabon Freude, Fußball EM Herren Mannschaft Einzelbild optimistisch Randmotiv Personen

Rehhagel über den EM-Titel: „Uns hatte niemand auf dem Zettel“

Hannover. Es ist bis heute die größte Sensation in der EM-Geschichte: Im Sommer 2004 wird Griechenland mit Trainer Otto Rehhagel Europameister – durch einen 1:0-Sieg im Endspiel gegen Portugal. „Rehakles“ blickt zurück – und verrät sein Erfolgsgeheimnis.

Herr Rehhagel, Sie sind mit Kaiserslautern als Aufsteiger deutscher Meister geworden. Und Sie haben Griechenland später zum EM-Titel geführt. Welches war das größere Wunder?
Für die Weltöffentlichkeit war es sicherlich der Titel mit Griechenland bei der EM 2004. Damit hatte ja überhaupt niemand gerechnet.

Sie sind damals als krasser Außenseiter zur EM nach Portugal gereist.
Richtig. Uns hatte niemand auf dem Zettel. Vor dem Eröffnungsspiel gegen Gastgeber Portugal dachten die Journalisten alle: Ach, die Griechen, die werden gegen Portugal schön verlieren. Die Leute haben uns unterschätzt. Der Einzige, der von Beginn an wusste, was in dieser Mannschaft steckte, war ich.

Woher kam Ihre Zuversicht?
Als ich die Mannschaft das erste Mal spielen sah, wusste ich, dass da viele außergewöhnliche Spieler dabei waren. Die waren alle zwischen 20 und 25 Jahre alt, in der Form ihres Lebens. Eine goldene griechische Generation, wie man sie nur ganz selten erlebt. Manchmal muss man halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein – und das war 2004 bei uns der Fall. Ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl, sonst hätte ich den Job doch auch gar nicht gemacht.

Sie hatten die griechische Nationalmannschaft allerdings in einem chaotischen Zustand übernommen.
Das kann man wohl sagen. Wie das halt so ist: Die Griechen haben die Demokratie erfunden, also haben alle bei allen Entscheidungen mitgeredet. Die Funktionäre, die Landesverbände, die großen Vereine wie AEK Athen, Olympiakos und Panathinaikos. Aber ich habe es geschafft, mich durchzusetzen, eine Einheit zu bilden. Alles hat auf mein Kommando gehört.

Wie haben Sie das geschafft?
Nun, die Griechen haben die Demokratie erfunden, aber ich habe die demokratische Diktatur nach Griechenland gebracht. (lacht) Und es ist ja so: Wenn Sie erfolgreich sind, können Sie auch mehr durchsetzen. Ich besaß die nötige Akzeptanz der Griechen, denn ich habe die ganzen Weisheiten des Fußballs auf einen Nenner gebracht: Der Ball muss ins Tor, dann ist alles gut.

In der Qualifikation für die EM 2004 wurden Sie mit Griechenland Gruppensieger vor Spanien …
… und trotzdem hat uns keiner ernst genommen.

Sie haben 2004 den Titelverteidiger aus dem Turnier geworfen!
Unglaublich, oder? Nach dem Sieg gegen Frankreich habe ich meinen Jungs gesagt: „Ihr seid jetzt schon die Sieger des Turniers. Wir haben nichts mehr zu verlieren, also geht jetzt raus und zeigt, dass ihr Fußball spielen könnt.“ Wir waren eine tolle Gemeinschaft, da sind damals Freundschaften fürs Leben entstanden.

Im Halbfinale haben Sie Tschechien mit 1:0 geschlagen, und plötzlich standen Sie mit Griechenland im EM-Finale. Gegner war erneut Portugal.
Die Portugiesen hatten drei Wochen Zeit, aus ihren Fehlern aus dem Eröffnungsspiel zu lernen. Aber sie haben es nicht getan. Es ist ja unglaublich, dass die Portugiesen die große Chance hatten, sich im Finale gegen uns zu revanchieren – und dass wir dennoch gut genug waren, diesem Druck standzuhalten. Deshalb sind wir für mich als Fachmann auch der verdiente Europameister.

Im Finale trifft erneut Charisteas. Griechenland holt sensationell den Titel.

Nach dem Schlusspfiff sind Sie mit ausgestreckten Armen auf den Platz gerannt, wie bei einem Torjubel. Was haben Sie in dieser Sekunde gedacht?
Ich dachte bloß: Das ist das griechische Fußballwunder! Mir war klar, dass wir Fußballgeschichte geschrieben haben.

Rehakles, der Held der Griechen, war geboren.
(lacht) Ja, mit diesem Spitznamen wollten die Griechen ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, in Anlehnung an Herakles, der einst in den Olymp aufstieg.

Waren Sie damals auch im Olymp angekommen, auf dem Höhepunkt Ihrer Trainerlaufbahn?
Nein. Ich hatte viele Erfolge in meinem Leben, die waren alle schön. Mein erster Meistertitel zum Beispiel.

Mit Werder Bremen 1988.
Genau. Zwei Jahre zuvor hatte Michael Kutzop den berühmten Elfmeter am vorletzten Spieltag verschossen, deshalb wurden wir nur Zweiter hinter den Bayern. Da waren wir am Boden zerstört. Aber zwei Jahre später sind wir dennoch deutscher Meister geworden. Das war auch unglaublich nach dieser Enttäuschung zuvor.

Unglaublich war auch die Meisterschaft mit dem 1. FC Kaiserslautern 1998, als Aufsteiger. Sie haben damals Bundesligageschichte geschrieben.
Ja. Das wird es so nie wieder geben.

Warum nicht?
Weil es heute keine Chancengleichheit mehr in der Bundesliga gibt. Als ich in den Achtziger- und Neunzigerjahren bei Werder war, hatten wir Spieler wie Andreas Herzog, Rudi Völler, Karl-Heinz Riedle, Mario Basler – jeder von denen hat nur 2,5 Millionen Mark gekostet. Oder nehmen Sie Wynton Rufer und Rune Bratseth – wenn ich die heute noch mal kaufen wollte, müsste ich für jeden 30 Millionen Euro bezahlen. Das können sich viele Vereine gar nicht erlauben. Damals waren die Spieler für uns genauso bezahlbar wie für die Bayern. Heute gehen alle außergewöhnlichen Spieler zum FC Bayern oder zu Borussia Dortmund. Der beste Fußball wird da gespielt, wo das meiste Geld ist. Ein zweites Kaiserslautern wird es deshalb nicht mehr geben.

Schade.
Ja. Aber Sie werden halt nur deutscher Meister, wenn sie eine gute Mannschaft haben. Und wir hatten damals in Kaiserslautern eine gute Mannschaft, mit vielen Nationalspielern.

Die Meistersaison begann bemerkenswert.
Ja, mit einem Sieg beim FC Bayern.

Jenem Klub also, der Sie drei Wochen vor Ende der Saison 1995/1996 entlassen hatte.
Ach, soll ich Ihnen mal was sagen: Ich war bei Bayern Tabellenzweiter, wir haben im Uefa-Pokal in Barcelona 2:1 gewonnen, da stand noch ein gewisser Pep Guardiola bei denen im Kader …

… und trotzdem durften Sie die Saison nicht zu Ende bringen.
Das stimmt. Das schönste Kompliment hat mir Franz Beckenbauer übrigens Jahre später gemacht, als er sagte: „Otto, ich habe mich schon zehnmal bei Beate (Ehefrau von Otto Rehhagel, d. Red.) für die Entlassung entschuldigt.“ Die Lebenslinie läuft halt nicht immer steil geradeaus. Es gibt Höhen und Tiefen im Leben. Man muss aus dem Gewesenen lernen.

Das haben Sie in Kaiserslautern getan. Wann haben Sie damals gemerkt, dass der Titel möglich ist?
Als wir in der Rückrunde immer noch an der Tabellenspitze standen und alle meinten, wir würden noch schwächeln, da habe ich meinen Jungs heimlich gesagt: „Leute, eh die anderen was merken, müssen wir durch sein.“

Das gelingt. Am vorletzten Spieltag sichert sich der 1. FC Kaiserslautern die Meisterschaft, gewinnt mit 4:0 gegen den VfL Wolfsburg und profitiert vom 0:0 der Bayern in Duisburg. Die größte Sensation der Bundesligageschichte ist perfekt – und „König Otto“ zurück auf dem Thron.

Was war das Erfolgsgeheimnis?
Es war ähnlich wie später mit Griechenland: Wir hatten nichts zu verlieren. Wir hatten aber auch einige sehr gute Spieler, die über sich hinausgewachsen sind. Eine außergewöhnliche Truppe.

Interview: Patrick Hoffmann

Bildquelle

  • 04_sport_Rehhagel_1: Imago

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