Ich habe einen Traum vom Oktoberfest
Klaus Wilhelm (67) ist seit seinem 16. Lebensjahr mit Leib und Seele Schausteller. Der dreifache Familienvater und Großvater von drei Enkelkindern liebt seinen Beruf und übt ihn verantwortungsvoll aus.

Ich habe einen Traum vom Oktoberfest

Klaus Wilhelm ist gemeinsam mit Arthur Armbrecht Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Volksfeste in Hannover

Ich stehe Anfang Oktober auf dem Schützenplatz in Hannover und lasse meinen Blick schweifen. Meine Augen sehen einen leeren Festplatz, vereinzelt abgestellte Autos, einen verschlossenen Pizzawagen und Laub, mit dem der Wind seine Spielchen treibt. Was ist passiert, frage ich mich. Noch im vergangenen Jahr zur gleichen Zeit war der Platz voller Leben. Lachende Kinder, Musik von den Fahrgeschäften drang an meine Ohren, glückliche Familien schlenderten mit Leckereien in der Hand durch die Marktgassen, Lachen, Singen und Festgemurmel waren aus den Festhallen zu hören. Ich roch die leckeren Düfte aus den Mandelwagen, den Geruch vom Bratwurstgrill – ich sog die Volksfeststimmung mit all meinen Sinnen auf. Und dies ist nun alles vorbei? Alles, wofür ich seit meinem 16. Lebensjahr gekämpft hatte, was ich seit 51 Jahren liebe, von meinem Vater, meinem Großvater gelernt und übernommen habe? Ich wache auf, schweißgebadet – alles nur ein Traum, ein böser Traum. Es ist kurz vor 14 Uhr und die Besucher strömen in Richtung Festplatz – die Arbeit ruft.
Ich gehe zu meinem Riesenrad und setze mich in den Fahrstand – meinem zweiten Zuhause. 36 Gondeln, 48 Meter Höhe, 96.000 LED-Leuchten – über eine Woche haben meine Angestellten und ich das sympathische Ungetüm aufgebaut. Jede Lampe überprüft, jede Gondel gecheckt und alle vom TÜV geprüften Sicherheitsvorkehrungen mehrfach getestet. Woche für Woche bauen wir auf und wieder ab, fahren tausende Kilometer durch die Republik, lernen Menschen kennen – in Nord-, Süd, West- und Ostdeutschland. Wir sind Schausteller und wir lieben unseren Berufsstand. Wir lieben traditionelle Volksfeste und unsere Besucher auch. Wie viele Paare mögen sich auf Volksfesten kennen- und lieben gelernt haben, frage ich mich. Ich gehöre auf jeden Fall dazu.
Wir Schausteller sind eine Berufsgruppe – eine reisende. Unser Zuhause sind die Festplätze. Nicht jeder kann das verstehen. Unsere Kinder gehen zur Schule, machen Abitur – leiten später unsere mittelständischen Unternehmen weiter. Wir zahlen Steuern und wir steuern etliche Milliarden Euro zum Bruttoinlandsprodukt Deutschlands bei. Wir stehen für viele Arbeitsplätze in der Produktion der Fahrgeschäfte, auf den Plätzen, wir zahlen den Mindestlohn und wir wollen unseren Besuchern eine schöne Zeit – weit weg von den Problemen des Alltags – bieten. Seit über sechs Jahrzehnten veranstaltet die Arbeitsgemeinschaft für Volksfeste in Hannover die bei den Hannoveranern und den Menschen der Region die beliebten Volksfeste. Weit über 100 Millionen Menschen haben unsere Veranstaltungen besucht, von Generation zu Generation. Ich träume davon, dass wir unsere Volksfeste in Hannover weiterhin ausrichten dürfen und wir diesen Menschen mit dem Besuch auf dem Festplatz eine Freude machen dürfen.

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