Ich habe einen Traum von einer Insel
Der Wahl-Hannoveraner Adam Wolf ist Kapitän auf der MS „Sea-Watch“ – dem ersten. Privatschiff zur Flüchtlings-hilfe im Mittelmeer aus Deutschland.

Ich habe einen Traum von einer Insel

Adam Wolf ist Kapitän auf der MS Sea-Watch – einem Schiff, das Flüchtlinge aus dem Mittelmeer rettet

Eine Insel erträum ich mir, aber hoppla, ich war schon auf vielen, die es gibt – sandigen und grünen, bewohnten und unbewohnten kleinen einpalmigen mitten im Meer von Belize, von Polynesien, wie ein Inselchen im Comic, nur schöner. Aber die geträumte ist größer, grüner, unbestimmt fruchtbar.
Ich träume von einer Insel, die nicht unbewohnt ist, nicht exklusiv, und nicht weit weg von hier. Eine Insel, auf die man kommt, ohne zuvor Meere und Himmel und tödliche Tiefen überqueren zu müssen. Eine Insel, die Zuflucht bietet; Heimstatt für alle, die zur Zeit auf den Meeren umherirren, die Angst, Tod und unendliche Traurigkeit erleiden. Ich träume von einer Insel, die ein Heim wird, ein Ort, an dem Rasse, Geschlecht, Religion und Besitz nicht wichtig sind. Eine, auf der die Häfen einladend sind, nicht abweisend und nicht voller Uniformierter, die die Nachricht geben, dass die Lieben, die man verloren hat da draußen auf der blauen See, tot angeschwemmt worden sind wie Strandgut oder stinkender Abfall.
Ich träume von einer Insel, die groß ist, sicher, bewaldet, voller Leben und mit offenen Herzen und Ohren bestückt, die aufnehmen und trösten kann und dann Worte produziert, die sagen „sei willkommen, sei sicher und sei frei, nichts kann dich hier erreichen, keine Intoleranz, kein Hass, kein Hunger und vor allem kein Krieg“. Meine Insel wird nicht von abgeschnittenen Köpfen Andersdenkender flankiert. Meine Insel, bietet ein menschenwürdiges, warmes, stabiles Obdach und ist geschützt vor Waffen, vor dem Lärm der panzerbrechenden radioaktiven Munition und dem infernalischen Geschrei derer, die zu böswillig und zu dumm sind, zu erkennen, was nicht stimmt. Auf der nicht statt des schützenden Heimes nur noch eine ausgebrannte Grube übrig ist, in der die Liebsten verdampft sind.
Die Insel in meinem Traum kennt keine Brandbomben, keine angesteckten Unterkünfte in einem fremden Land und nicht die harte Brutalität des Kaltlandes. Und meine Insel braucht keinen tödlichen Transport wie auf einem Viehtransporterschiff, um dorthin zu kommen.
Mein Traum ist eine Insel, auf der alle Wunden geheilt werden, die äußeren, die so sehr schmerzen – und die inneren, die so viel größere Narben verursacht haben, die Zeit gibt und Anteilnahme.
Meine Insel ist eine Insel, auf der Lachen und fröhliches Quietschen aus den Kehlen der rumhopsenden Kinder klingen und deren Gewässer bewacht werden von Mächten, die dieses Glück und diesen Schutz wertschätzen wie ihre eigenen Häuser.
Meine Insel wird angeboten und geschützt von all den Mächten, in denen Menschlichkeit und guter Wille zum Vorschein kommen – gerade jetzt, wo das Leiden des Anderen nicht nur in den Köpfen ankommt, sondern in den Herzen und die sogar stramme Ordnungsfanatiker und Strukturalisten schmelzen lässt. Es ist KEIN Spiel mehr, die verkauften Waffen kommen jetzt zurück zu euch, es gibt kein Verstecken mehr. Die Insel in meinem Traum bietet unendlich viel Wärme, bietet Zeit, auf ihr wird zugehört und von ihr kann der Rest der Welt lernen, was es heißt, zu leben und zu fühlen.
Die Insel von der ich träume, ist eine Insel, auf der Menschen ohne Angst aufwachsen können, und auf der sie lernen und spüren können, dass der andere neben ihm dasselbe ist und will wie er selber: Mensch sein!

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