Ich habe einen Traum von Fußball
Björn Achenbach, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Schauspiel Hannover und Autor des Buches „Hansa ist mein Leben“ (Hinstorff Verlag, 2014).

Ich habe einen Traum von Fußball

Björn Achenbach ist Sprecher des Schauspielhauses Hannover an der Prinzenstraße und großer Fan von Hansa Rostock

Ich habe einen Traum, den wohl jeder Fußballfan versteht: Ich träume davon, dass mein Verein nach elf sieglosen Spielen endlich mal wieder gewinnt. Dass er dadurch den aktuell 19. Tabellenplatz (den gibt es tatsächlich in der 3. Liga) verlässt und uns Fans nicht schon wieder das Wochenende verdirbt. Der letzte Sieg ist jetzt zehn Wochen her, ein 1:0 in Osnabrück. Das war Mitte August und ich mit meiner Familie gerade auf der Rückfahrt aus dem Toskana-Urlaub. Unser Linksverteidiger hatte den Ball aus fast 30 Metern in den Winkel gezimmert, und zwar zur Verblüffung aller mit seinem „blinden“ rechten Fuß; sein Sonntagsschuss war später wochenlang in der „Sportschau“-Auswahl zum „Tor des Monats“ zu sehen.
Darauf folgten erst eine Heimniederlage, dann sechs (!) Unentschieden am Stück. Tja, und neuerdings hat sich mein Team auf 1:3-Niederlagen spezialisiert (drei der letzten vier Spiele gingen so aus), zuletzt daheim im Ostseestadion gegen die ruhmreiche SG Sonnenhof Großaspach. Wahrlich, wir Hansafans haben schon bessere Tage erlebt.
Zum Glück ist Fußball beim F.C. Hansa momentan nur Nebensache. Denn in Rostock hat man Besseres zu tun: Es wird Theater gespielt. Leider richtig schlechtes Amateurtheater: Hansa führt seit Wochen ein Drama auf, das nur strauchelnde Helden kennt. Es treten auf: ein junger, bei den Fans beliebter Clubchef; ein rätselhafter Investor mit Hansa-Herz; zwei machtbewusste Ultra-Funktionäre; ein Aufsichtsratsvorsitzender, der sich im Laufe der Handlung als Marionette eines dubiosen „Schattenmannes“ entpuppt, sowie eine von allen guten Geistern verlassene Lokalpolitikerin.
Der Clubchef fällt einer Intrige des „Rostocker Klüngels“ (ja, so etwas gibt es auch an der Ostsee) zum Opfer, weil er ein lukratives Stadiongeschäft ablehnte. Die Rache des „Schattenmannes“ folgt auf dem Fuß: E-Mails werden gehackt, geheime Verträge veröffentlicht, die Geschäftsstelle bei Nacht und Nebel von der Polizei besetzt. Aus Freundschaft wird Verrat, der gestürzte Hansa-Boss bringt eine Dolchstoßlegende in Umlauf. Ob sie stimmt? Vieles spricht dafür, aber bewiesen ist noch nichts.
Bei der Mitgliederversammlung kommt es zum Showdown. 2200 der knapp 10.500 Mitglieder sind gekommen, um dem alten Aufsichtsrat die Rote Karte zu zeigen und eine neue Führung zu wählen. Inmitten des rasenden Wahlvolks der geschasste Vorstandschef, umjubelt wie ein Popstar.
Und ich immer live dabei. Am Sonntagmorgen nach der Theaterpremiere von „Shockheaded Peter“ hatte ich mich in den Zug nach Rostock gesetzt, um der schicksalhaften Sitzung beizuwohnen. Es wurde die längste meines Lebens, um Mitternacht war sie noch immer nicht zuende. Um 5:05 Uhr ging mein Zug zurück nach Hannover. Kurz vor 10 war ich wieder im Büro …
Der neu gewählte Aufsichtsrat meines Vereins besteht übrigens aus einem Koch, einem Versicherungsmenschen, einem Personaler, dem Leiter eines Kurierdienstes, einem Schichtleiter im Kraftwerk und einem Marketingmann. Allesamt integre, bodenständige Herren, aber sicher nicht die Spitzen der Stadtgesellschaft. Ich wünsche ihnen Glück. Denn natürlich träume ich von mehr als (nur) einem Heimsieg heute gegen die Würzburger Kickers. Hansa möge bitte in die Bundesliga zurückkehren, in welcher der Verein zuletzt von 1995 bis 2005 spielte, und dort eines fernen Tages mal wieder auf Hannover 96 treffen. Dann wäre ich ausnahmsweise sogar mit einem Unentschieden zufrieden.

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