Ich habe einen Traum von mehr Mitgefühl
Die Historikerin Janet von Stillfried publizierte unter ihrem Geburtsnamen Janet Anschütz unterschiedliche Schriften zur Geschichte Hannovers. Zuletzt recherchierte sie unter anderem über die Zwangsarbeit bei der Üstra. Ihr neues Buch „Das Sachsenross unterm Hakenkreuz“ hat die ISBN-Nummer 978-3-932313-85-1 und ist zum Preis von 22 Euro überall im Buchhandel erhältlich. Foto: Heinze

Ich habe einen Traum von mehr Mitgefühl

Historikerin Janet von Stillfried hat einen Reiseführer durch Hannover und Umgebung für die Jahre 1933 bis 1945 herausgegeben

Ich habe einen Traum von Storytelling für mehr Mitgefühl. Anfang der 1960er Jahre geboren, bin ich in einer gefühlskalten Gesellschaft im Hannover – der Nachkriegszeit – groß geworden. Unsere Elterngeneration kam aus einem für sie verlorenen Krieg. Dazu hätte es eigentlich viel zu sagen gegeben, aber es wurde geschwiegen und sich angepasst. Aber wie konnte eine ehemalige NS-Gesellschaft mit selbstgerechten Tätern, den vielen Mitläufern und dem Leid mit der Einsamkeit der Opfer nebeneinander im Alltag, ohne Aufarbeitung funktionieren? In den 1970er Jahren begann schließlich sehr langsam etwas wie eine öffentliche Diskussion, denn nachfolgende Generationen forderten nun endlich Antworten. Auch in Hannover fand dieser Prozess statt. Die regionalgeschichtliche Perspektive eröffnete viele einzigartige, individuelle Geschichten aus der NS-Zeit, die nun von mutigen Überlebenden erzählt wurden.
So war es auch für mich. Geschichte in der Schule war sehr langweilig und hatte scheinbar wenig mit meinem Leben zu tun. Aber letztendlich stehen – genau wie heute – immer die gleichen menschlichen Gefühle, Verhaltensweisen in den Kulturen und durch die Zeit hinter den Handlungsweisen. Geschichte musste also viel mehr können. Und wo kann man klarer menschliche Verhaltensweisen erkennen, als in Extremsituationen wie Krieg, wo die Entscheidungen unmittelbar mit dem Überleben zusammenhängen? Als ich Mitte der 1980er Jahre mein Studium als Historikerin begann, wurde das Thema „Frauen in Konzentrationslagern“ angeboten, über das ich schließlich Anfang der 1990er Jahre zu meinen Forschungen zu den KZ, Zwangsarbeiterlagern und zur Gestapo Hannover gelangte. In den Kontakten zu Überlebenden dieser Lager, die sich entwickelten und der gemeinsamen Arbeit, entstanden wertvolle Freundschaften. Heute ist es die sogenannte „Zweite Generation“ der Familien, die unsere Hilfe und Unterstützung zur Verarbeitung der Folgen der Kriegstraumata braucht.
Die Orte der Vergangenheit gemeinsam zu besuchen, aufeinander zuzugehen, hat die Einsamkeit durchbrochen und neue Einblicke für beide Seiten ermöglicht. Wenn sich dann noch die eigenen Erfahrungen plötzlich in der Geschichte abbilden, erübrigt sich die Frage, was diese Vergangenheit mit unserer heutigen Gesellschaft zu tun hat. Dieses Jahr ist daher lesbar für alle ein Reiseführer mit dem Titel „Das Sachsenross unterm Hakenkreuz“ zur NS-Zeit in Hannover erschienen, der die gelebte „Volksgemeinschaft“, die Veränderungen durch den Krieg, Opfergruppen und das Gedenken in der Nachkriegszeit mit vielen Abbildungen erklärt. Im Herbst folgt das Kinderbuch mit der Erzählung „Nadja und Nico. Eine Freundschaft im Krieg“, das mit Zeichnungen von Ingo Siegner illustriert ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.