Interview: Carlo Petrini im Gespräch
Als in Rom das erste McDonald’s seine Pforten am Fuße der Spanischen Treppe öffnete begann Carlo Petrinis langsame Revolution für gute, saubere und faire Lebensmittel. Er gründete „Slow Food“, eine Organisation die sich den Erhalt regionaler Erzeuger und den Artenschutz für gefährdete kulinarische Spezialitäten auf die Fahne geschrieben hat. Ein ganz besonderes Projekt der Slow Food ist „Terra Madre“ – ein Treffen von mehr als 1300 Bauern, Fischern und kleinen Lebensmittel-Gemeinschaften aus über 150 Ländern. Über dieses Treffen gibt es einen gleichnamigen Dokumentarfilm der auf der diesjährigen Berlinale uraufgeführt wurde. Hallo Sonntag-Mitarbeiterin Annette Hartmann und -Redakteur Clemens Niehaus trafen Carlo Petrini, den Slow Food-Gründer, und seit vielen Jahren geschätzten Partner des „Kulinarischen Kinos“ in Berlin – und erlebten ein Interview über ein Thema, welches nicht betroffen macht sondern uns alle betrifft: Unser täglich Brot, seine Herkunft und seine Zukunft. Da hätte man gerne das eine oder andere Stündchen bei einem guten Glas Wein zuhören können – so interessant ist es, was der Großmeister der entschleunigten Lebenskunst zu sagen hat. Aber da Carlo Petrini ein gefragter Mann auf der Berlinale ist gab es statt „Slow Time“ eine runde halbe Stunde zum Gespräch – mit nachhaltigem Eindruck.
hallo Sonntag: Herr Petrini, Sie sind ja nicht zum ersten Mal auf der Berlinale — aber es ist das erste Mal, dass sie einen großen Dokumentarfilm präsentieren. Wie kam es zu dem Film Terra Madre?
Carlo Petrini: Terra Madre ist auf der einen Seite das Treffen tausender Kleinbauern und kleiner Lebensmittel-Gemeinschaften — und findet alle zwei Jahre statt (während des "Salone del Gusto", der Slow Food-Messe in Turin, Anm. der Red). 2006 war es uns sehr wichtig, diese Veranstaltung zu dokumentieren. Deshalb haben wir einen italienischen Meisterregisseur gefragt, ob er diese Dokumentation drehen kann. Ermanno Olmi war 2006 beim Treffen Terra Madre, damals hat er die gesamte Veranstaltung aufgenommen. 2008 ist er noch einmal zur Terra Madre gekommen. In diesen zwei Jahren hat er den Dokumentarfilm geschaffen.
Die Berlinale haben Sie also ganz bewusst als Ort für die Uraufführung ausgewählt?
Wir waren schon letztes Jahr mit einem ganz kleinen aber sehr interessanten Film hier, der von den Studenten der Universität der gastronomischen Wissenschaften mit dem Regisseur Michael Ballhaus gedreht wurde. Das heißt, wir waren von Anfang an davon überzeugt, dass es gut ist, das "Kulinarische Kino" hier auf der Berlinale zu unterstützen — mittlerweile sind wir zu einer kleinen, aber nicht unwichtigen Konstante der Berlinale geworden. Das "Kulinarische Kino" beschäftigt sich nicht nur mit Gastronomie im klassischen Sinne sondern auch mit Themen wie Umwelt, Landwirtschaft, Nachhaltigkeit. Und genau in diesem Bereich befindet sich Terra Madre. Für uns war es richtig und gut, diesen Film hier in Berlin bei der Berlinale vorzustellen. Es gibt mittlerweile eine gute Beziehung zwischen der Berlinale und unserer Organisation Slow Food.
Terra Madre ist entstanden aus der Slow Food Organisation. Was sind die Hauptziele von Slow Food — und in welcher Beziehung steht Slow Food zu Terra Madre?
Terra Madre wird die wahre Natur, die Seele von Slow Food hervorbringen. Slow Food ist eigentlich eine gastronomische Organisation — die sehr sensibel auf Nachhaltigkeit und Umweltthemen geworden ist. Das Risiko war früher, dass der Verein Slow Food irgendwie isoliert war — es war abzusehen, dass er bald nur noch für Experten und Gastronomen zugänglich sein würde. Terra Madre hat die Türen aufgemacht — für die Bauern, die Fischer, die Handwerker — so hat sich ein großes Netzwerk von unterschiedlichen Leuten gebildet, von Produzenten, die Lebensmittel verarbeiten, von Intellektuellen und von Aktivisten, die sich mit immer neuen Themen beschäftigen und sich hauptsächlich auch mit Umweltfragen auseinandersetzen. Dieses Netzwerk ist viel größer, viel stärker als das, was Slow Food je sein konnte.
Kritiker betonen gerne, dass Slow Food eine sehr elitäre Sache sei und dass man einen gut gefüllten Geldbeutel braucht, um sich dies Art von Essen leisten zu können.
Das stimmt, das wird gerne kritisiert — und eben auch nicht immer ganz zu Unrecht. Aber Terra Madre hat die Türen geöffnet und erlaubt, Slow Food auch in die armen Ländern zu bringen, wie zum Beispiel in afrikanische Länder. Es hat auch die Idee geändert, dass Slow Food nur elitär ist und es zu einer sehr populären Bewegung gemacht. So ist Slow Food heute in 150 Ländern tätig.
Also ist Slow Food mit Terra Madre praktisch eine weltweite Bewegung?
So kann man sagen. Das hat unsere Lungen geöffnet — wir konnten plötzlich richtig atmen, verstehen Sie? Terra Madre hat alles geändert. Es entspricht heute der Idee, die ich immer schon von Gastronomie hatte. Besonders hier in den reichen Ländern ist Gastronomie häufig eine Angelegenheit von feinen Leuten und Versnobtheit — meine Idee von guter Gastronomie ist anders: Gastronomie ist für mich verbunden mit der Kultur, mit der Umwelt, mit Solidarität. Gastronomie besteht aus lokaler Wirtschaft und Landwirtschaft, traditionellem Wissen und einer holistischen (ganzheitlichen) Vision. Terra Madre erlaubt uns, diese verschiedenen Teile zu vereinigen. Wir, aus den reichen Ländern, haben etwas zu geben — so dachten wir anfangs. Das stimmt — aber es ist nur die halbe Wahrheit. Wir haben entdeckt, dass die Bauern aus den ärmsten Ländern uns etwas anzubieten haben, etwas, dass wir nicht besitzen. Also genau das Gegenteil von dem, was wir am Anfang erwartet hatten, ist eingetreten.
Wenn Sie an den Anfang von Slow Food in den 80er Jahren zurück denken — was hat sich geändert in den letzten Jahren?
Die wichtigste Veränderung hatte ich schon beschrieben: dass die Slow Food aus dem "Elfenbeinturm" heraus ist. In der Hauptsache aber hat sich die Gesellschaft gewandelt — das Interesse an den Themen, für die Slow Food steht ist viel größer geworden. Es gibt eine neue Wertschätzung der lokalen und handwerklichen Produktion von Lebensmitteln. Eins der wichtigsten Ziele von Slow Food heute die De-Industrialisierung der Lebensmittelproduktion.
Ist Slow Food denn zwingend gleichbedeutend mit ökologischem Landbau?
Auf jeden Fall. Wenn die Produktion von Lebensmitteln standardisiert wird — also, wenn zum Beispiel das Saatgut einem einzigen großen Konzern gehört — das ist besorgniserregend. Slow Food entspricht mehr der Vielfalt, kleine Produzenten, kleine lokale Erzeugergemeinschaften — und keine weltweite Vereinheitlichung und auf gar keinen Fall Monokultur. Mit einer Wirtschaft und einem Handel, der dem Konsumenten sehr nahe ist — aber nicht isoliert! Er muss lokal sein, gleichzeitig aber auch ein weltweites Netzwerk — und ein bisschen anarchistisch. Ich sage immer: dieses Netzwerk muss streng anarchistisch organisiert sein.
Man hat den Eindruck, das Leben wird immer schneller — Aufschwung und Niedergang wechseln im rasenden Tempo — wir stehen vor einer weltweiten Wirtschaftkrise und haben Angst. Wie kann Slow Food da überhaupt noch bei den Menschen bestehen?
Es ist sehr klar, dass wir vor einer weltweiten Krise stehen — noch viel größer, als wir sie jetzt wahrnehmen. Es ist nicht nur eine Wirtschaftskrise, es geht nicht nur um Finanzen. Wir haben auch eine Krise der Ideen, der Visionen — es ist auch eine allgemeine geistige Krise. Wir alle haben das Bedürfnis für einen neuen Humanismus. Wir haben irgendwie immer gedacht, das Glück liegt darin, immer noch mehr und schneller zu konsumieren. Und jetzt sind wir an einem Punkt, wo man einfach umdenken muss. Keiner hat was gegen das gute Leben — aber es sollte in Verbindung und mit dem Respekt vor der Natur stehen — und in Verbindung mit Freunden, mit Menschen, die uns nahe stehen. Es ist Zeit für ein neues Verhalten — unser altes Benehmen hat uns dem Desaster ziemlich nahe gebracht, das können wir einfach nicht beibehalten. Also, weniger konsumieren mehr Zeit für die Beziehungen — und endlich aufhören zu verschwenden. Wenn man über die Politik der Lebensmittel in unserer Gesellschaft spricht — dann muss man daran denken, das die wichtigsten 15 europäischen Länder täglich 50000 Tonnen essbare Lebensmittel wegschmeißen. Das ist doch eine Katastrophe. Geschwindigkeit Verschwendung und ein sehr starkes Bedürfnis immer weiter zu konsumieren — das müssen wir ändern. Ich will jetzt nicht sie Menschen niedermachen — ich möchte, dass sie alle zufriedener werden. Deshalb — ein bisschen moderater, ruhiger — das macht garantiert zufriedener. Wir sollten den Bauern, den Lebensmittelhandwerkern ein bisschen mehr Zeit gönnen, mehr Zeit für Kultur und Umwelt haben.
Wie kamen Sie dazu, sich so ausführlich mit dem Essen und der Kultur des Essens zu beschäftigen?
Ich habe Soziologie studiert — aber ich war überzeugt davon, dass Essen eines der wichtigsten Themen in unserem Leben ist. Wir alle, also die 6,5 Milliarden Menschen auf diesem Planeten können nur leben, weil wir essen. Der physiologische Akt des Essens ist die große grundsätzliche Konstante in unser aller Leben. Manche von uns haben das Glück, dreimal am Tag essen zu können — manche können nur einmal täglich etwas essen — und manche haben fast gar nichts zu essen. Deshalb ist die Ernährung ein immens wichtiger politischer kultureller und geistiger Akt. Es ist ganz normal, ein Stück Brot zu essen — aber sich zu fragen, wo kommt diese Brot her, wer hat das Saatgut, wer hat es geerntet, verarbeitet, den Sauerteig gemacht, das Brot in den Ofen geschoben, wie ist das Brot vom Ofen auf unseren Tisch gelangt — das ist ein enormer und sehr komplexer Prozess. Wenn man das in der Schule unterreichten würde, könnte man alle Fächer wie Geschichte, Politik, Geografie, Kunst damit abdecken. Und es spielt eine Rolle, wie ich mein Brot mit anderen teile — mit Menschen, die mir etwas bedeuten, mit meinen Arbeitskollegen, Je mehr ich mit meiner Recherche in diese Bereiche eingedrungen bin — desto mehrt musste ich noch weiter recherchieren.
Wenn ich in Carlo Petrinis Küche gucken könnte — was würde ich da finden? Oder anders gefragt: Was ist ihr Lieblingsessen?
Mein Lieblingsessen - DAS frage ich mich seit 20 Jahren. Diese Frage quält mich seit 20 Jahren. Seit 20 Jahren!
Entschuldigung — ich wollte Sie natürlich nicht quälen.
Nein, nein — es ist schon in Ordnung, mittlerweile habe ich die perfekte Antwort auf diese schwierige Frage: die Neugier! Mein Lieblingsgericht ist Neugier — besonders natürlich, wenn ich in der Welt unterwegs bin. Ich bin gestern hier in Berlin angekommen — die erste Überlegung war: was essen wir hier. Mich interessiert ungeheuer, warum diese Kartoffelsuppe genauso zubereitet wird, warum sie so geschaffen wurde. Woher kommt das Kartoffelpüree — also, wer kam auf die Idee, Kartoffeln zu pürieren und sie dann zusammen mit karamellisierten Zwiebeln und Äpfeln zu Kalbsleber zu servieren? In dem Moment wo ich das gegessen habe, war es das für mich das beste Gericht. Neugierig zu sein erlaubt mir, ein bisschen drinnen zu sein — im Herzen der Berliner. Wir sind, was wir essen. Aber, um ihre Frage dann doch noch ein bisschen konkreter zu beantworten: ich mag ganz, ganz einfache Sachen sehr gerne. Ein gutes Brot mit einer guten Salami zum Beispiel — das ist perfekt.
Herr Petrini, haben Sie ganz herzlichen Dank für das Gespräch!
Zum Lesen empfohlen: "Gut, sauber & fair", Carlo Petrini, Verlag Tre Torri.
Informationen und lokale Ansprechpartner unter www.slowfood.de
