Interview: Der Schauspieler und Sänger Ulrich Tukur im Gespräch

Ulrich Tukur gastierte mit seinem Solo-Programm „Mezzanotte“ im Theater am Aegi. Bevor er auf der Bühne stand, sprach hallo Sonntag-Redakteur Clemens Niehaus mit dem Sänger und Schauspieler.

hallo Sonntag: Herr Tukur, sie haben eben den Soundcheck beendet, sind sie zufrieden?

Ulrich Tukur:
Ja, ja. Der Soundcheck ist ok. Aber es ist heute erst die dritte Vorstellung, da ist das Ganze noch etwas wackelig.

Die Premiere im St. Pauli Theater war ja ziemlich umjubelt...

Ja, das ging ganz gut. Aber das Ganze ist schon unheimlich kompliziert: Ich habe eine große Masse Text, und den, auf eine sehr flotte stimmige stringente und rhythmische Art und Weise mit den Liedern, zu verbinden, das kann man erst dann, wenn man das Ganze geschluckt und aufgefressen hat, sozusagen verinnerlicht hat. Ich renne der Struktur immer noch ein bisschen hinterher. Das ist wie beim Theater spielen.

Motiviert der Erfolg bei der Premiere ...

Natürlich motiviert das. Ich sage mal, von zehn Vorstellungen sind zwei richtig gut, fünf sind so ganz ok, und drei sind nicht gut. Da hofft man dann, dass das die Menschen nicht merken, dass man nicht zufrieden ist. Aber das war schon immer so, das muss man akzeptieren.

Würden Sie sich eher als singenden Schauspieler oder als schauspielenden Sänger bezeichnen?

Letzteres. Ich liebe zwar die Musik mehr als die Schauspielerei, das muss ich ehrlich sagen. Das macht mir viel mehr Spaß, aber ich beherrsche die Bühnenkunst besser als die Musik. In der Musik bin ich ein gehobener Dilettant. Ich bin weder ein ausgebildeter Pianist, noch bin ich ein besonders begabter Sänger. Aber man merkt vielleicht die Passion, die ich mit einer bestimmten Art von Musik verbinde.

Spielen Sie bei dem „Mezzanotte“-Programm auch eine Rolle, oder ist das eher der „private“ Tukur?

Nee, das ist schon eine Art szenisches Konzert. Ich erzähle Geschichten, kleine Miniaturen, über verschiedene Menschen, die zu verschiedenen Nacht-Zeiten durch die Nacht geistern und zum Teil schlüpfe ich auch in die Rollen.

Was macht für Sie die Faszination der Nacht aus?

Die Nacht ist unendlich, in der Nacht kann man all das tun, was man sich am Tag nicht traut. Die Nacht ist tief, die Nacht ist zwar dunkel, aber doch viel weiter als der Tag. In der Nacht kann man ja Milliarden von Kilometern weit ins Weltall gucken. In der Nacht sieht man die Sterne, in der Nacht sieht man die Ewigkeit. Mit der Nacht verbinden sich Themen, wie Verbrechen, wie Rausch, wie Tod, aber auch Liebe und Romantik. Die Nacht ist freier als der Tag. Der Tag sind die zwölf Stunden, wo man arbeitet, seinen Geschäften nachgeht oder sich mit anderen Dingen beschäftigt. In der Nacht wird man ganz auf sich selbst zurückgeworfen – das finde ich spannender. Die Nacht ist inspirierend.

Meine erste Begegnung mit dem Musiker Ulrich Tukur und seinen Rhythmus Boys war das Stück „Tanzmusik“. Das muss Ende der 90 gewesen sein...

Das muss aber ein Jingle gewesen sein, das haben wir nie ausgespielt. „Tanzmusik“ haben wir aufgenommen, aber das hat nicht gut geklungen. Ich wollte das aber nicht wegschmeissen, und so haben wir es als Eingang zu der damaligen Platte „Meine Sehnsucht ist die Strandbar“ genutzt und dann ausgeblendet.

Auf der Platte gab es auch ein Lied über das Steinhuder Meer. Waren Sie als Kind oft da?

Ja *lacht*. Wir lebten damals im Westfälischen, an der Weser. Da bin ich – das muss 1962 gewesen sein – in den Kindergarten gekommen. Und ich fuhr mit meinen Eltern zwei oder drei Mal ans Steinhuder Meer. Und später, als wir im Hannoverschen wohnten, auch noch mal. Wir haben auch mal einen Klassenausflug dahin gemacht, und irgendwann fing das Gewässer an, mich etwas zu nerven.

Was für einen Zugang haben Sie zu Hannover – Sie haben hier ja kürzlich mit Dieter Wedel „Gier“ gedreht...?

Ich bin gerne hier. Es ist ja nicht eine der schönsten Städte, aber ich fühle mich hier immer wohl. Ich hatte eine sehr schöne Schulzeit, damals in Großburgwedel auf dem Gynmasium. Und ich war als Jüngling und Pubertant, sozusagen als werdender Erwachsener, immer in Hannover. Ich war damals sehr oft im Leine-Domizil und entdeckte da meine große Leidenschaft für Jazzmusik. Damals – so Mitte 70 – gab es hier auch eine Discothek, die war wild besucht von uns Provinzjugendlichen – die hieß Bellawuppdich. Das war so die Zeit von Deep Purple und Led Zeppelin. Alle hatten lange Haare, Levi‘s Blue Jeans und Parkas. An die Zeit erinnere ich mich ganz gerne. Und das verbinde ich mit Hannover. Die Flohmärkte waren toll, im Leinedomizil gab es guten Jazz. Da habe ich auch mal diesen Bluesmusiker Champion Jack Dupree kennengelernt. Der hat mich dann zu sich in sein Hochhaus hinter dem Bahnhof eingeladen und mir die ganze Nacht Bluesmusik vorgespielt und von der Freimaurerei erzählt. Das werde ich nie vergessen, das waren groteske
Momente.

Jetzt sind Sie auch Tatort-Ermittler. Was hat sie am Tatort gereizt?

*lacht* Erstmal gar nichts. Erstmal wollte ich das sowieso nicht. Ich hatte ja für den Hessischen Rundfunk, und das ist ein Tatort des Hessischen Rundfunks, einige Filme gemacht. Darunter auch den Tatort „Das Böse“, der preisgekrönt wurde. Das war eine sehr gute Erfahrung. Ich habe dann gesagt, ich würde es machen, wenn sie eine Figur entwickelten, die mindestens genauso interessant ist, wie der Fall, den sie zu lösen hat. Ich habe immer gesagt, dass Mörder und Verbrecher interessanter sind als Kommissare. Aber dann haben sie einen LKA-Ermittler entwickelt, der am Abgrund des Lebens steht, der am Anfang des Filmes von einer potentiell tödlichen Erkrankung erfährt und jetzt mit diesem Leidensdruck lernen muss, aufrecht und würdevoll und mit Ironie und Stil durch die Geschichte zu laufen. Aber die Figur ver-rückt ja in dem Moment, wo sie erfährt, dass sie möglicherweise nicht mehr lange zu leben hat. Und so gerät dieser Mann in eine Art parallele Welt hinein. Das ist ein sehr sehr seltsamer Film geworden. Es ist ein Film über das Vergehen.

Themenwechsel. Nächstes Jahr gibt es ein neues Rhythmus Boys-Album - arbeiten Sie da noch dran oder ist das schon fertig?

Nee, wir haben jetzt in einem großen Brainstorming, in einem gemeinsamen Arbeiten von zwei Wochen auf so 20 Titel kapriziert - sehr schöne Sachen und auch anspruchsvollere Titel, dazu noch ein paar eigene Kompositionen. Das ganze hat den Arbeitstitel „1000 schöne Frauen“. Es soll also nach den Ausflügen in die Morphiumnacht und nach ein paar schrägen Platten die wir gemacht haben, wieder etwas Leichteres sein.

mehr über Ulrich Tukur gibts unter www.ulrichtukur.de

Einen „unmöglichen“ Abend mit Ulrich Tukur & den Rhythmus Boys gibt es am Sonntag, 2. Januar, 17 Uhr, im NDR Sendesaal live zu erleben.Tickets dafür gibt es an den bekannten VVK-Stellen.

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