Interview: Graziella Schazad im Gespräch
hannover: kein ort | Viel wurde schon über sie geschrieben: feengleich, nicht von dieser Welt, bezaubernd, entzückend, stilvoll. Wer Graziella Schazad persönlich kennenlernt merkt schnell, dass vor allem letztere drei Merkmale stimmen. „Nicht von dieser Welt“ trifft es dagegen nicht. Die Singer-/Songwriterin ist aufgeschlossen und geerdet. „Zu viel Erwartung erdrückt die Kreativität“ sagt eine, die quirrlig und aktiv bis in den kleinen Finger ist. Außerdem isst sie für ihr Leben gerne und sie hat mit dem Rauchen aufgehört.
Um für ihre Deutschlandtour zu werben, besuchte die Musikerin vergangene Woche Hannover.
Im Sol y Mar stand sie hallo Sonntag-Mitarbeiterin Jeanine Cujé-Bartsch Rede und Antwort.
Lebst Du in Hamburg?
Graziella: Ja, im Schanzenviertel. Aber mein Mann und ich überlegen gerade, bald mal umzuziehen. Wo es vielleicht etwas ruhiger ist.
Du bist ja unglaublich viel auf Reisen – besonders häufig in New York. Hast Du auch einen Wohnsitz im Ausland?
Nein. Wenn ich in die USA reise, wohne ich bei meiner Tante in New York. Sie hat mich das erste Lebensjahr mit aufgezogen. Ich bin so etwas wie eine Tochter für sie. Leider ist im vorigen Jahr meine Großmutter aus Ohio gestorben. Dort war ich früher auch recht viel“.
Also eine große Familie, die Schazads?
Oh ja. Wir leben alle verstreut in der Welt und haben den tollsten Kontakt untereinander. Wir sind eine große Familie, wo jeder jeden gut kennt und weiß, was der andere so macht.
Jetzt bist Du schon wieder unterwegs. Auf Promotour für Deine große Deutschlandtour.
Das ist aber nicht schlimm. Das gehört dazu. Das mache ich richtig gerne. Dafür komme ich auch sehr gerne mal nach Hannover, um mit Dir hier dieses Interview zu führen“ (*lacht*)
(Anmerkung d. Red.: Graziella gibt am 30. Oktober um 20 Uhr im Musikzentrum Hannover ein Konzert)
Mit 17 die Schule schmeißen und Musikerin werden. Ist ja gewagt und nicht Jedermanns Sache. Wie hat das bei Dir geklappt?
Das war natürlich nicht einfach. Meine Eltern konnten es gar nicht verstehen, so kurz vor dem Abitur die Schule zu verlassen. Aber es war der einzig gangbare Weg für mich. Für mich war Schule die reinste Zeitverschwendung. Ich wusste mit 13 schon, dass ich unbedingt Musikerin werden möchte.
Ich wollte endlich loslegen, mich mit anderen Musikern austauschen, Reisen, Festivals besuchen. Also musste ich raus aus der Schule“.
Du bist also mit Leib und Seele Musikerin?
Ich liebe es. Am liebsten würde ich ein Jahr nach New York gehen und dort jeden Abend auf einer anderen Bühne stehen. In den USA gibt es schon seit langer Zeit eine sehr aktive Singer-Songwriter-Szene. Allein auf Long Island finden an einem Abend zwölf verschiedene Konzerte auf kleinen Bühnen statt. Da hinkt Deutschland noch hinterher. Aber mit der mittlerweile erfolgreichen Poetry Slam-Szene tut sich ja nun schon viel.
Warum singst Du nicht auf deutsch?
Ich bin mit englischsprachiger Musik und Poesie aufgewachsen. Hätte es damals schon Peter Fox oder Xavier Naidoo gegeben, würde ich heute bestimmt auch auf deutsch singen.
(Anmerk. d. Red.: Graziellas Mutter ist Polin, ihr Vater Afghane. Aufgewachsen ist sie in Berlin.)
Dein Video zu „Take on me“ ist wundervoll poetisch. Wo habt Ihr das gedreht?
Das war ganz unglaublich. Ich habe mich nach dem Dreh gefühlt wie auf Droge. Wir haben dafür im Tierpark Eekholt gedreht und ich bin den Tieren ganz nah gekommen. Es ist ein ganz besonderes Erlebnis, wenn man es schafft, dass Tiere einem vertrauen. Tiere spielen kein falsches Spiel mit Dir. Sie spüren ganz genau, ob Deine innere Einstellung stimmt und Du eine gute Energie hast.
So wie Du das sagst: Du hast doch bestimmt selber Tiere?
Einen Hund und eine Katze.
Du spielst Geige, Gitarre, Klavier, Ukulele. Wie geht es denn musikalisch weiter?
Ich probiere schon wieder ein neues Instrument aus. Es wird entweder das Banjo, dann wird die Musik natürlich folkiger, oder die Bratsche.
Ich denke, es wird die Bratsche. Dann kann ich endlich auch mal tiefere Töne spielen.
Verschwindet dann die Geige?
Nein. Ich übe nach wie vor fast täglich auf dem Instrument, auf dem ich ja ausgebildet bin“.
Die Geige ist also Disziplin, die anderen Instrumente Leidenschaft?
Genau so.
Warum spielst Du die Geige ohne Bogen und vor dem Bauch? Ein Spleen?
Hätte ich sie am Kinn, könnte ich nicht singen und nicht zupfen. Mache ich aber beides.
Deine Lieder sind vordergründig sehr heiter und fröhlich. Die Texte und die Stimmung, die Deine Songs erzeugen, kommen aber auch sehr melancholisch daher. Ein Widerspruch?
Nein. Auch bei Singer-Songwritern gibt es definitiv ein Zuviel. Ich mag es nicht, wenn es zu sehr in eine Richtung geht. Also wenn ein an sich schon trauriger Film auch noch mit trauriger Musik unterlegt wird. Denn trotz allem ist ja irgendwie auch immer Licht. Die Mischung von beidem mag ich.
Du trägst immer unglaublich schicke Klamotten. Sowohl auf Deinen CD-Covern wie auch privat. War das schon vorher Dein Stil?
Ich liebe schicke Kleider. Kleider sind ja auch irgendwie Kunst. Früher konnte ich mir das weder leisten, noch konnte man sich so etwas leihen. Heute bin ich in der glücklichen Lage, dass ich zu der Designerin Sibilla Pavenstedt einen persönlichen Kontakt habe und sie viele Kleider für mich schneidert. Wie das auf der Echo-Verleihung. Ganz zu Anfang habe ich viel aus der Vogue ausgeschnitten, in eine Mappe gepackt und zu den Stylisten gesagt: So!“
Seit wann bist Du verheiratet?
Seit sechs Jahren.
Liebe auf den ersten Blick?
Eher Ankommen auf den ersten Blick. Wir waren am Anfang nur befreundet. Und dann haben wir geheiratet.
Und jetzt bist Du schwanger?
*strahlt über das ganze Gesicht* Ja, im fünften Monat.
Könntest Du Dir vorstellen, woanders als in Deutschland zu leben?
In Indien oder Nepal vielleicht. Mein Mann hat ja viel mit Yoga zu tun. Und außerdem habe ich dort Familie.
Stört es Dich, in Kategorien wie „Girlie-Pop“ gepackt zu werden?
Nein. Zum Glück waren es bisher immer gute Kategorien, so wie Vergleiche mit Norah Jones. Eine große Ehre.
Wann gibt es denn das nächste Album?
Bis zum Ende des Jahres nehmen wir die Songs im New Yorker Studio auf. Die CD, bei der ich übrigens zum ersten Mal Co-Produzentin bin, wird es wohl Ende 2012 im Handel geben.
Hast Du noch Träume?
Ich würde wahnsinnig gerne eine CD komplett selbst produzieren. Als Produzentin wäre ich noch viel puristischer.
Tipp: Am 30. Oktober gibt Gabriella Schazad ab 20 Uhr ein Konzert im Musikzentrum (Emil-Meyer-Straße 26-28). Karten an der Abendkasse (22 Euro) oder im Vorverkauf (21,40 Euro) an allen bekannten Vorverkaufsstellen sowie online unter www.hannover-concerts.de oder unter der Hotline 0511 / 44 40 66
