Interview: Jasmin Tabatabai im Gespräch
Jasmin Tabatabai zählt zur ersten Garde der deutschen Schauspielerinnen. Nebenbei macht die gebürtige Iranerin auch Musik. Im Rahmen der 17. „BuchLust“ im Künstlerhaus in der Sophienstraße, stelle Jasmin Tabatabai ihr Buch „Rosenjahre“ vor. Zuvor fand sie etwas Zeit für ein kurzes Interview mit hallo Sonntag-Redakteur Clemens Niehaus.
hallo Sonntag: Gleich die erste Frage – waren Sie heute schon an der frischen Luft?
Jasmin Tabatabai: Heute? Nicht so richtig. Ich habe mich heute morgen fertig gemacht und bin dann in Berlin zum Bahnhof. Da ist man zwar kurz draussen, aber da kann man jetzt nicht sagen, dass das ein Gang an der frischen Luft war. Ich habe das in meinem Buch aufgenommen, weil das ein Spruch meiner Mutter ist, die der Meinung ist, es gäbe weniger Probleme in der Welt, wenn alle ein Mal am Tag an die frische Luft gehen würden. Und je älter ich werde, desto mehr finde ich, dass sie recht hat. Weil, es ist schon gut, rauszugehen in die Natur, und ein bisschen Luft zu holen – aber mehr auch nicht.
Ihre Mutter ist mit 20 Jahren in ein Land gezogen, was sie nicht kannte, und das zu einer Zeit, als es nicht gerade üblich war überhaupt so weite Reisen zu machen. Bewundern Sie Ihre Mutter für den Mut, das gemacht zu haben?
Ich bin vor allen Dingen froh, dass sie es gemacht hat, sonst gäbs mich ja nicht. *lacht* Aber ja, doch, ich bewundere das schon, weil sie so außergewöhnlich war, gerade für die Zeit und für ihr Alter. Sie hat sich ja immer schon wahnsinig für andere Kulturen interessiert und für Geschichte und Archäologie und so – das ist ja garnicht so üblich für Teenager. Die anderen Mädchen gingen in Tanzkurse und schwärmten für Schauspieler und so, aber das fand meine Mutter immer nie so interessant wie fremde Kulturen und Geschichte. Ich denke, das war auch ein großer Teil Abenteuerlust und Fernweh, was sie aus welchen Gründen auch immer, hatte. Das hat sicherlich auch eine Rolle gespielt, dass sie so alle Brücken abgebrochen hatte und in denm Iran gegangen ist.
Haben Sie auch ein bisschen Fernweh?
Das kann ich jetzt so nicht sagen, nein. Ich habe ja ein ganz anderes Leben. Ich habe einen Beruf, wo ich ständig unterwegs bin, und deswegen freue ich mich, wenn ich mal zu hause sein kann.
Kann man den Wunsch andere Länder kennenzulernen mit der Schauspielerei vergleichen?
Ich glaube, das kann man nicht vergleichen. Meine Mutter hat gar keine Ambitionen in Richtung Schauspiel. Es wäre für sie wohl der größte Horror, sich vor fremde Menschen zu stellen – da ist sie viel zu schüchtern zu. Und wenn ich in Rollen schlüpfe und Menschen darstelle, dann hat das immer was mit einer emotionalen Identifikation zu tun, und dass ich versuche, mich in Situationen reinzudenken, die ich selber nicht erlebt habe.
Gab es einen bestimmten Punkt in Ihrem Leben, an dem Sie beschlossen haben, dieses Buch „Rosenjahre“ zu schreiben?
Ich fand die Geschichte meiner Mutter und wie meine Eltern sich kennengelernt haben, immer total faszinierend und schön. Aber es war jetzt nicht so, dass ich dachte ‘so, jetzt braucht die Welt das Buch, jetzt muss ich diese Geschichte erzählen‘. Das hat sich dadurch ergeben, dass ich Zeit hatte. Ich war schwanger mit meiner zweiten Tochter und ich wusste, ich bleib jetzt ein Jahr zuhause und da kann ich dann das machen, was ich schon die ganze Zeit machen wollte. Und ich hatte auch schon einige Jahre lang Anfragen von Verlagen, ob ich denn nicht mal Lust hätte, ein Buch über meine Kindheit zu schreiben. Und mit einem besonders hartnäckigen Vertreter vom Ullstein Verlag hab ich mich dann mal getroffen, aber gesagt ‘so eine Schauspielerbiografie interessiert mich jetzt nicht so, aber ich finde, die Geschichte meiner Mutter ist toll‘. Außerdem wäre es eine schöne Gelegenheit, dieses ferne, fremde Land, wo ich aufgewachsen bin, und was es so, wie meine Mutter es erlebt hat und wie ich als Kind es erlebt habe, gar nicht mehr gibt, das es schön wäre, über die Menschen im Iran was zu erzählen – aus der Sicht einer 20jährigen Deutschen. Die Menschen hier wissen ja ziemlich wenig über den Iran, besonders aus den letzten 31 Jahren. Davor war es ja ein moderner Staat, sehr westlich orientiert, in den man sehr gut reisen konnte. Aber heute ist es in der Wahrnehmung der Leute nur noch das Land, in dem Ahmadinedschad sitzt und die Frauen gesteinigt werden. Es gibt nur negative Schlagzeilen, aber über die Menschen im Iran erfahren wir einfach wahnsinnig wenig.
Macht Sie das traurig?
Ja, klar. Ich hab ja, wie meine Mutter auch, eine ganz andere Wahrnehmung von diesem Land. Meine Mutter hat die Iraner als sehr warmherzig, gastfreundlich, kultiviert, witzig, homorvoll und offen erlebt, die das schlechte Image, das sie in der Welt haben und das ihnen diese schlimme Regierung beschert hat, nicht verdient haben.
Wenn Sie sich richtig aufregen, fluchen Sie dann auch auf persisch?
Ja, durchaus. Ich kann es aber auch ganz gut auf deutsch *lacht*
Was haben Ihnen Ihre Eltern mit auf den Weg gegeben?
*überlegt* ich bin ja in einer nichtreligösen Familie aufgewachsen, was ich als großes Glück empfinde, sondern in einer säkularen, modernen iranischen Familie. Das hat aber nicht bedeutet, dass meine Eltern uns ohne Werte erzogen haben. Meine Eltern haben sehr großen Wert auf so ganz normale ethische Werte gelegt. Auch wenn es alle machen, es ist eben nicht okay, wenn man lügt und stiehlt und betrügt und sich herablassend gegenüber Leuten benimmt, die vermeintlich schwächer sind. Solche Sachen haben mir meine Eltern mitgegeben und dafür bin ich eigentlich ganz dankbar und versuche, es umzusetzen.
Ihr Vater war ja ein richtiger Familienmensch, ihre Mutter blieb auch gerne mal allein, wie ist das bei Ihnen?
Ich bin schon ein totaler Familienmensch. Aber man macht ja immer so Phasen durch: Man wächst auf in einer Großfamilie und für Kinder ist das großartig, wenn immer viele Leute als Bezugspersonen da sind. In den 20ern, wenn man dann sein Berufsbild versucht durchzusetzen, und sein eigenes Leben leben muss, da geht es einem manchmal auf die Nerven – da sucht man seine eigene Identität. Aber mit zunehmendem Alter, und wenn man dann selber Kinder hat, merkt man schon, dass man da her kommt und man sich in einem großen Familienrahmen am wohlsten fühlt.
Wie sehen die Pläne bei Ihnen aus, gibt es was Neues von der Musikerin Jasmin Tabatabai?
Ja, wenn alles gut läuft mache ich nächstes Jahr wieder eine Platte.
Und eventuell ein weiteres Buch?
Das möchte ich nicht ausschließen, denn es hat mir großen Spaß gemacht. Es ist eine ganz tolle Tätigkeit und ich habe wahnsinnigen Respekt vor Autoren, denn es ist ja doch etwas anderes, einen Roman zu schreiben und sich Figuren auszudenken, als jetzt ein Sachbuch zu schreiben. Das ist zwar auch eine Geschichte, aber da wollen wir den Ball mal ganz flach halten *lacht*. Aber vielleicht ein Drehbuch oder Buch – irgendwas werde ich irgendwann schon mal bestimmt noch mal schreiben.
Wie ist denn die Resonanz auf ihre Lesungen?
Super.
Überrascht Sie das ein bisschen?
Jaaa. Aber ich bin weniger überrascht, als erfreut. Man kann das immer nicht einschätzen, was gerade für eine Atmosphäre im Land ist, interessiert das überhaupt. Aber ich merke – abgesehen davon, dass die Lesungen immer voll sind –, dass ein irrsinniges Interesse da ist, einfach mal was anderes zu hören, und speziell aus diesem Land, mal eine menschliche Geschichte zu hören, etwas über die Menschen und über die Riten, zu erfahren, ohne dass es belehrend daherkommt. Oder dass wieder jemand den Iran politisch erklären will – was meines Erachtens gar nicht möglich ist, weil es viel zu kompliziert ist. Ich merke manchmal auch eine richtige Erleichterung darüber, dass es im Iran auch lustig ist. Und letzenendes geht ja auch darum, die Menschen ein wenig kennenzulernen und vielleicht die eine oder andere Gemeinsamkeit zu finden.
„Rosenjahre“ ist im Ullstein-verlag erschienen (ISBN-13: 9783550088377)
