Interview: Konzertveranstalterlegende Fritz Rau im Gespräch
Fritz Rau ist der Grand Seigneur der deutschen Konzertveranstalterszene. Der Anfang März 80 Jahre alt gewordene Rau hat die Rolling Stones nach Deutschland geholt, und Tina Turner, und Bruce Springsteen, und die Yardbirds mit Eric Clapton, und Jimi Hendrix - die Liste ließe sich beliebig verlängern. Kürzlich war Fritz Rau zu Gast in der Dr. Buhmann Schule, wo er auf Initiative seiner Enkelin Laura Scheibler, aus seinem Buch ”50 Jahre Backstage“ las. Zuvor sprach hallo Sonntag-Redakteur Clemens Niehaus mit der Musikikone.
hallo Sonntag: In 50 Jahren backstage gibt haben Sie sicherlich einiges erlebt, da gibts sicher einiges zu erzählen.
Fritz Rau: Ja, natürlich, aber am besten ist, man liest das Buch *lacht*
Gibt es Konzerte, an die Sie sich besonders gerne erinnern?
Natürlich, das gibt es. Ich habe ja soo viele Konzerte gemacht und es ist schwierig, Äpfel mit Birnen zu vergleichen - die Rolling Stones und Peter Alexander sind ja leicht verschieden *lacht* Aber wenn Sie mich fragen, 'was waren Ihre wichtigsten Konzerte', dann möchte ich sagen das war Jazz mit Ella Fitzgerald und Oscar Peterson, einerseits, denn damit begann mein musikalisches Dasein, und andererseits die Bluessänger vom American Folk Blues Festival, und in Nürnberg Bob Dylan und Eric Clapton. Wir haben unsere Bühne gegenüber der Hitler-Tribühne aufgebaut und 80.000 Menschen haben Hitler den Rücken zugedreht und sich Dylan zugewandt. Aber mein persönlich wichtigstes Konzert war die Produktion von "Tabaluga und Lilly" von und mit Peter Maffay. Aber auch jedes Rolling Stones-Konzert - und ich hab sie ja 22 Jahre machen dürfen - war etwas besonderes, oder Bruce Springsteen und AC/DC, die ich beide in kleinen Clubs aufgebaut hatte. Die Welt ist ja voller Konzerte. Aber auch mein ersten Konzert was ich organisiert habe, werde ich natürlich nie vergessen: Das war Albert und Emil Mangelsdorff und die Frankfurt All-Stars in der Heidelberger Stadthalle - das war 1955.
Sie haben Hitler schon erwähnt. Sie haben mal gesagt "Swing, Jazz und Blues" hätten sie entnazifiziert - können Sie das näher erklären?
Das ist sehr einfach. Ich war 1945 15 Jahre alt und war Jungvolkführer. Ich war ein junger Mann, der den Verführungen und Zwängen des Nationalsozialismus mit Begeisterung total erlegen ist - und darauf bin ich nicht stolz! Dann kam der Zusammenbruch und wir standen da voller Zukunftsangst und voller Enttäuschung. Und mit beginnender Scham, als wir dann so Stück für Stück erfahren mussten, was im dritten Reich geschehen ist. Wir waren verzweifelt. Ich habe mit 15 Jahren ein Gedicht geschrieben: "Wir sind das Strandgut unserer Zeit. Wir stehen nah am Nichts. Gebt uns nur ein paar Schritte weit - ins neue Leben das Geleit - und einen Schimmer Lichts." Aber das Licht war Klang - und kam aus dem Radio.*schnippt rhythmisch* Swing, Jazz, Blues. Das kam auf mich zu und hat alles auf den Kopf gestellt, was ich vorher gefühlt habe. Ein zackiger Marsch macht die Schwachen noch schwächer, die Protzigen noch protziger. Jazz, Swing und Blues bringt die Lahmen zum Gehen, die Schwachen holen tief Luft und kriegen Mut und die Protzigen marschieren ins Leere. Das habe ich an Körper, Geist und Seele erfahren. Der Jazz ist die Musik der Freiheit, der Improvisation und der Individualität der Menschlichkeit. Jazz ist nicht schwarz, der Jazz ist nicht weiß. Er ist eine Symbiose aus schwarzer Metrik und Rhythmik und europäischer Melodik und Harmonik - entstanden in Amerika. Jazz ist Barack Obama. Ich hoffe, er kann die großen Aufgaben vor denen er steht bewältigen. Das hat mich an Körper, Geist und Seele entnazifiziert. Der wichtigste Moment meines Lebens war nicht das Jahr meiner Geburt, sondern das Jahr 1945 der Zusammenbruch des Dritten Reiches. Dann hat mich Jazz immer weiter fasziniert und ich habe mir Platten vom Mund abgespart, und dann haben wir 1954 einen Existenzialisten- und Jazzkeller gegründet.- das Cave 54 in Heidelberg.
Wie kommt man denn aus dem Keller zu dem Organisieren von Konzerten?
Das ist doch das natürlichste der Welt *lacht* Die klassischen Konzertdirektionen waren an Jazz nicht interessiert - besonders nicht an "Negerjazz" und "Urwaldjazz". Und der Urwalt hat gerufen und ich bin gefolgt. Wir haben gesagt 'ok' wir wollen in Heidelberg zeigen,, was Jazz bedeutet und was deutsche Jazzmusiker bereits druff haben.Also hab ich nicht ein weiteres Kellerkonzert vor 80 Leuten gemacht, sondern bin in die Stadthalle gegangen mit 1400 Plätzen - das war Wahnsinn,, Größenwahnsinn. Aber ich hab es ausverkauft.
Gab es Künstler, die Sie gerne geholt hätten, was aber nicht geklappt hat?
Natürlich. Elvis Presley. Das hat nicht geklappt. Sein Konzertveranstalter in den USA, Jerry Weintraub, war einer meiner engsten Freunde, weil der auch Manager von Santana, Bob Dylan, John Denver und von Neil Diamond war. Der hat sich für mich eingesetzt, aber der Manager von Elvis, der Colonel Parker, hat das nicht zugelassen - er hatte wohl irgendwelche Bedenken. Dann hab ich davon geträumt, Barbra Streisand zu präsentieren. Aber sie hat gesagt, es gäbe 6 Millionen Gründe, nicht in Deutschland zu spielen. Das hab ich respektiert. Dann wollte ich Simon & Garfunkel machen, auch da gab es 6 Millionen Gründe. Dann habe ich Joan Baez, die mit den beiden sehr gut befreundet war, gebeten, mit mir nach Amsterdam zu fahren und da haben wir nach dem Konzert drei, vier Stunden diskutiert über den Holocaust und dann sind sie gekommen.
Die Stones, Dylan, Tina Turner - die sind ja alle noch unterwegs. Sind Sie da auch immer noch backstage?
Natürlich. Also erstmal bekomme ich natürlich den "goldenen Tourneepass". Da lege ich schon Wert drauf, weil ich da meine Enkelkinder mitbringen darf. Außerdem habe ich jetzt endlich Gelegenheit, die Konzerte zu sehen und kann mich endlich vorne reinsetzen.Letztes Jahr hab ich Udo Jürgens gesehen und er gibt fantastische Konzerte, oder jetzt Tina Turner - die Frau hat mit fast 70 Jahren noch richtig Power.
