Interview: Nazan Eckes im Gespräch

Nazan Eckes, Foto: niehaus
 
Nazan Eckes, Foto: niehaus

Moderatorin Nazan Eckes ist für RTL um die Welt gereist, war sogar als Nachfolgerin für Günther Jauch bei Stern TV im Gespräch. Bei Lehmanns stellte die Deutsch-Türkin kürzlich ihr Buch „Guten Morgen, Abendland“ vor. hallo Sonntag-Redakteur Clemens Niehaus sprach mit Nazan Eckes vor ihrer Lesung.


hallo Sonntag: Du erzählst in deinem Buch „Guten Morgen, Abendland“ die Geschichte deiner Familie. Gab es ein besonderes Ereignis an dem du beschlossen hast, jetzt ist es Zeit, die Geschichte mal zu erzählen?

Nazan Eckes:
Es gab keinen konkreten Anlass. Ich hatte nur irgendwann tatsächlich das Gefühl, dass immer nur über die Menschen gesprochen wird, sie selbst aber kommen sehr selten zu Wort. Ich wollte einen kleinen Einblick in eine Familiengeschichte geben und zeigen, wie eine völlig normale, ganz einfache, türkische Familie in Deutschland lebt. Zudem wurde ich während meiner Laufbahn immer wieder gefragt ‚Frau Eckes, wie war das denn bei Ihnen? Was das nicht schwierig, mussten Sie sich nicht anpassen, mussten Sie auf etwas verzichten?‘ Und das alles hat dazu geführt, dass ich irgendwann beschlossen hatte, ein Buch zu schreiben. Und es ist gleichzeitig auch ein Geschenk an meine Eltern, weil sie oft sehr traurig darüber waren, dass gerade die erste Generation heftig kritisiert wird und absolut in Vergessenheit geraten ist, wie schwierig es damals war. Es war gerade für die erste Generation nicht einfach, in Deutschland Anschluss zu finden.

Dein Vater hat, kaum dass er hier war, beschlossen, die Sprache zu lernen. Ist die Sprache ein zentraler Punkt für Integration?

Ohne geht es auf gar keinen Fall. Deswegen finde ich die Forderung, die Sprache zu erlernen, sehr sehr wichtig, und ich halte es auch für wichtig, dass diese Forderung einmal ganz klar formuliert wird – bisher war das immer so schwammig. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass ich als Kind türkisch ausschließlich in meiner Familie gelernt habe, wo wir auch nur türkisch gesprochen haben, und deutsch ausschließlich im Kindergarten und in der Schule. Wobei ich und meine Schwester die einzigen türkischen Mädchen im Kindergarten waren. In der Schule gab es im Jahrgang zwar noch einige türkische Kinder mehr, aber in der Klasse war ich die einzige. So war ich gezwungen, in der Klasse, im Unterricht und auf dem Pausenhof deutsch zu sprechen. Das halte ich für das absolut Wichtigste. Dazu kam, dass mein Vater sehr sehr streng war und immer darauf geachtet hat, dass wir bloß nicht auf die Idee kamen, die Schule zu schwänzen und wir unsere Hausaufgaben machten und er war bei jedem Elternabend dabei. Meine Mutter hat wiederum einen ganz anderen Beitrag geleistet. Sie war immer ein geselliger Mensch, und hat Geburtstage organisiert, zu denen dann auch unsere deutschen Freundinnen eingeladen wurden. Und ich durfte meine deutschen Freundinnen auch zu Hause besuchen. Ich finde diese Vermischungen im Kindesalter wahnsinnig wichtig. Kinder haben keine Angst aufeinander zuzugehen, sie haben keine Vorurteile. Sie finden sich entweder doof oder nett, was anderes gibt es da nicht. Und wenn da schon eine Vermischung stattfindet, hat man später erst recht keine Angst vor fremdem Kulturen – und man lernt da spielerisch die Sprache.

Hältst du eine Kindergartenpflicht für sinnvoll?

Ich halte das für sehr sinnvoll. Natürlich ist das Wort „Zwang“ negativ behaftet, wer will schon zu irgendwas gezwungen werden. Aber ich habe im Rahmen der aktuellen Migrationsdebatte mit vielen Menschen der ersten Generation gesprochen und viele haben gesagt, ‚wenn es das damals Deutschunterricht gegeben hätte, und wenn das Pflicht gewesen wäre, wären wir auch hingegangen‘. Viele Menschen haben diesen eigenen Antrieb nicht, viele sehen vielleicht auch die Notwendigkeit nicht. Ich finde es nicht falsch, wenn man dafür sorgt, dass die Kinder die Sprache lernen und dadurch den Anschluss an die Gesellschaft finden. Ich halte es für wahnsinnig wichtig, dass man mit drei, vier Jahren nicht nur die eigene Familie kennt, sondern auch den Umgang mit anderen menschen kennenlernt. Ich halte das Erlernen der Sprache für den einzigen richtigen Weg.

Haben wir überhaupt ein Integrationsproblem, oder ist das nur medial aufgebauscht? Sind nicht die meisten „Ausländer“ hier integriert und fühlen sich ganz wohl in Deutschland?

Ich halte das in der Tat auch für ein Darstellungsproblem. Es ist natürlich so, dass negative Geschichten in den Medien eine größere Aufmerksamkeit bekommen, als positive. Niemand schreibt zum Beispiel über Ahmet, der mit 22 Jahren den Gemüseladen seines Vaters erfolgreich weiterführt oder über Hatice, die mit 25 Jahren ihr Studium abgeschlossen hat. Darüber wird nicht geschrieben, weil es selbstverständlich ist, weil das einfach stattfindet und weil es gut sind. Natürlich gibt es Probleme mit Jugendlichen, die sich nicht integrieren wollen, die die Sprache nicht lernen wollen, die gewalttätig sind, aber ich glaube auch, dass das ein kleiner Teil der Realität ist. Ich sehe es in meinem Umfeld, da gibt es sehr viele Menschen, die Deutschland als ihre Heimat angenommen haben, die sehr viel auch zu dieser Gesellschaft beitragen – und die aber auch so behandelt werden wollen. Ich hoffe, dass man in der Öffentlichkeit auch viel mehr über diese Menschen redet.

Da wurde früher viel falsch gemacht. Man hat die Menschen in Ghettos am Stadtrand abgeschoben, damit sie schön unter sich blieben. Dass da Aggressionen entstehen, ist auch ein Stück weit nachvollziehbar...

Ja, das ist nachvollziehbar. Und ich weiß auch, wo da die Ursachen liegen. Es ist so, dass wenn sie das Gefühl haben, in der Gesellschaft keine Anerkennung zu bekommen, suchen sie sich Gruppen, in der sie Anerkennung und Respekt bekommen, wo sie sich stark fühlen können. Und in diesen Gruppen setzt man sich eben nicht mit Worten und dem Hirn durch sondern ausschließlich mit Muskeln. Das finde ich besorgniserregend und auch ganz schrecklich, weil glaube, dass auch da wahnsinnig viele talentierte Jugendliche dabei sind, die kein Mensch fördert und die oft selbst nicht wissen, welche Talente sie haben.

Angela Merkel hat kürzlich gesagt „Multikulti ist gescheitet“, aber wenn ich mir die Deutsche Fußballnationalmannschaft ansehe, denke ich nicht, dass sie recht hat, wie siehst du das?

Ich weigere mich auch, das anzuerkennen. (lacht)

Wie wichtig ist gerade der Sport für die Integration von Jugendlichen?

Sport ist wahnsinnig wichtig. Viele Menschen sind für Aussagen von „oben“ überhaupt nicht empfänglich. Der Fußball dagegen ist eine Sprache, die einheitlich gesprochen wird, er ist eine Sprache, bei der die Herkunft völlig zweitrangig ist sondern wo nur die sportliche Leistung zählt. Da kann man sehen, wie ein Projekt funktionieren kann, wenn jeder seinen Job da erfüllt – wenn der Stürmer stürmt, der Torwart die Bälle hält und auch alle anderen ihre Funktion ausüben. Ich finde, was beim Fußball gelingt, muss doch auch in der Gesellschaft gelingen können.


„Guten Morgen, Abendland“, Bastei-Lübbe Verlag, ISBN 978-3-7857-6041-3

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