Interview: Oswalt Kolle im Gespräch

von Clemens Niehaus | am 21.07.2010 | 1082 mal gelesen | 1 Bild

Oswalt Kolle ist spät dran. In einer guten halben Stunde soll er bei Bettina Tietjen und Yared Dibaba in der Talkshow sitzen. Trotz alles Hektik fand der frischgebackene 80jährige Zeit für ein kurzes Gespräch mit Hallo Sonntag-Redakteur Clemens Niehaus und Mitarbeiterin Annette Hartmann. Da nahm der dynamische Aufklärer kein Blatt vor den Mund und sparte nicht mit Kritik.

Hallo Sonntag: Herr Kolle, Sie wollten schon zur letzten Sendung da sein - aber sie hatten einen Unfall - wie geht es Ihnen?

Oswalt Kolle:
Ganz gut wieder - mein Rücken tut noch etwas weh, die Rippen, beim durchatmen - aber die Hand ist wieder einigermaßen, der Gips ist ab - also es geht schon. Aber es war sehr unangenehm - das Auto hat einen Totalschaden.

Wenn sie die heutige Sexlandschaft betrachten - Internet, die Pornoszene, alles was so dazu gehört - wie geht es Ihnen damit?

Also, mit dem Internet, soweit es Pornos betrifft habe ich nichts zu tun. Das finde ich auch gefährlich - manche Menschen werden süchtig danach, die können da gar nicht mehr loslassen, kümmern sich nicht um Partnerschaften und das finde ich bedrohlich. Das ergab auch unsere letzte Umfrage - eine richtig große Rakete, mit 60.000 Menschen.
Wir können den ganzen Porno-Scheiß einfach mal weglassen, und, wie ich es immer getan habe, uns um die 85 Prozent der - sagen wir mal normal Sexualität betreibenden Menschen kümmern. Natürlich gibt es rechts oder links davon auch Extremisten. Das sind auf der einen Seite Leute, die jeden zweiten Tag in so einen Club gehen, wo alle durcheinander vögeln und die ganze SM-Szene und was nicht alles. Das ist ein ganz kleiner Prozentsatz, das wissen wir schon lange. Das waren früher, in den 60er Jahren fünf Prozent, heute sind es vielleicht sieben Prozent oder acht Prozent, die das machen. Und auf der anderen Seite die totalen Extremisten die Sexualität als einen reinen Mechanismus sehen, dass irgendwo ein Glied in irgendeine Vagina gesteckt wird und - genauso zu verurteilen - die "Katholiken", die sagen "Wahre Liebe wartet". Wieso? Auf was eigentlich? Auf irgendeinen Ehering? Und dann benutzen sie ihren Partner als Übungsmaterial um ihren Penis daran zu wetzen. Also, das lehne ich genauso ab - lehne ich mehr ab als die andere Seite, wo Menschen ihre Freiheit ausleben.
Dazwischen, das hat unsere Umfrage bewiesen, und das ist eine ganz tolle Sache, ist die Mehrheit, auch der ganz jungen Leute, die eine lebenslange Partnerschaft haben wollen. Und sie sind völlig gefangen in dieser wundervollen Illusion. Obwohl sie überall Partnerschaften weg brechen sehen. Also, gerade bei der Jugend gibt es eine große Gelassenheit in der Sexualität - die viele Erwachsene immer noch nicht haben. Da haben viele immer noch diese Angst aus den 50er Jahren, die ihnen Kirchenfürsten eingeredet haben; dass die Sexualität, wenn man sie loslässt einem brechenden Deich gleicht, uns fluten wird, alle Menschen werden nackt auf den Straßen herumliegen und sich miteinander paaren das hat man mir damals vorgehalten.
Und jetzt kommen dieselben Leute und sagen zu mir - wie neulich bei bei einer Talkshow mit Frau Maischberger, so ein Kirchenfürst, wo sie den aufgetrieben haben, weiß ich bis heute noch nicht. Der wirft mir jedenfalls das genaue Gegenteil vor: Weil ich zur freien Sexualität aufgerufen habe, hätten die Leute alle keine Lust mehr. Den haben sie extra irgendwo aus Österreich holen müssen, weil in Deutschland gar keiner mehr wagt, so etwas zu sagen.

Was ja auch nicht stimmt...

Beides ist natürlich totaler Unsinn. Und das hat sich auch in diesen ganzen Jahren bewiesen. Wir haben eine sehr vernünftige Entwicklung, wir haben in den letzten 15 Jahren etwas mehr sexuelle Betätigung. Es ist insgesamt etwa 30 Prozent mehr als vor 20 oder 30 Jahren. Die Leute haben mehr Spaß daran, wir haben eine viel höhere Orgasmusquote bei Frauen, die fast der Orgasmusquote der Frauen in der früheren DDR entspricht - die wir hier bisher nie erreicht haben.

Sie stammen aus einem sehr liberalen Elternhaus - wurden sie auch zu hause aufgeklärt - oder wie war das damals?

Jaja, sicher. Mit stand ja alle Literatur zur Verfügung. Mein Vater war Sexualitätsfachmann als Psychiater,

Konnten Sie dieses Wissen auch weitergeben - an Ihre Schulfreunde zum Beispiel?

Na ja - dann hat man nur Prügel gekriegt. Die Schulfreunde haben gesagt: "Wie, du willst sagen, dass meine Eltern solche Schweinereien machen?"

Ehrlich?

Ja, das ging gar nicht, das waren total unaufgeklärte Kinder. Später, als ich dann so 14, 15 war, hat sich das natürlich geändert - aber davor ging es überhaupt nicht. Man muss das immer wieder sagen: auch in den 50er, 60er und 70er Jahren gab es keinen Aufklärung. Ich war der einzige, der das gemacht hat, habe meinen Kopf hingehalten, bin beschimpft und besudelt worden, als Schweinehund. Das war die Situation. Es sollen nicht irgendwelche Leute kommen und jetzt behaupten, "Wir waren ja immer so frei". Das stimmt nicht. Es gab keine Aufklärung. Das einzige, war es gab, waren Bücher, die nur vor Sexualität gewarnt haben, gewarnt, gewarnt, gewarnt. Sexualität sei eine Art ansteckenden Krankheit, vor der man die Menschen bewahren müsse, auf jeden Fall bis zur Ehe - und auch in der Ehe bitte vorsichtig - nicht zuviel Lust, dass ist gefährlich und gegen Gottes Gebote.
So war die Situation. Und das macht mich heute ärgerlich, dass wir wieder auf demselben Stand sind mit der Jugend, es gibt auch heute keine echte Aufklärung, es wird in den Schulen nichts mehr gemacht. Die Eltern weigern sich, über Sexualität zu sprechen, die Kinder sind allein und bekommen durch diesen Pornoscheiß ein total falsches Bild von der Sexualität, das sie im Endeffekt unglücklich macht.

Woher haben sie damals den Mut und die Motivation hergenommen, so ein heißes Eisen anzufassen?

Ich hatte Wut. Meine Wut war immer da. Schauen, sie, ich bin aus diesem Krieg gekommen, ich war noch Soldat. Und ich habe gesagt: jetzt winkt uns die Freiheit - und dann ist genau diese Freiheit von den Katholiken zertrümmert worden. Man hat sie uns genommen. Ich habe eine Wut im Bauch, noch immer wenn ich daran denke. Neulich hat mich irgendwer angerufen und sagt zu mir: "Sie sind doch der Sex-Papst." Ich habe erwidert: "Passen sie auf: wenn Sie den Sex-Papst sprechen wollen, rufen Sie doch bitte im Vatikan an. Das ist der Sex-Papst. Der redet dauernd über Sex, in der miesesten, dreckigsten Weise - über das Schönste, was es im Leben gibt. Er, ein früherer Hitlerjunge, beschuldigt allen Ernstes Frauen, die in größter Not abtreiben - und vergleicht das mit dem Holocaust. Dass dieser Kerl in Rom es überhaupt wagt, dieses Wort in den Mund zu nehmen, als ehemaliger Hitlerjunge - das begreife ich nicht.

Hatten sie Mitstreiter damals - oder standen sie ganz allein auf weiter Flur?

Ja, die Wissenschaftler waren meine Mitstreiter. Alle Journalisten waren gegen mich, Erfolgsneid, das zweite Sexualorgan der Journalisten. Ich habe zwei bedeutende Mitstreiter gehabt: das war zum einen das große Publikum, welches in meine Filme gegangen ist, und meine Bücher gekauft hat, und zum anderen die Wissenschaftler.

Angenommen, sie wären in der heutigen Zeit noch mal zwanzig und ständen vor einer Berufswahl - wie würden sie sich heute entscheiden - genauso wie damals? Oder wofür würden sie heute kämpfen?

Oh, das weiß ich nicht. Ich habe ja damals einen ganz krummen Weg genommen. Ich wollte eigentlich in die Landwirtschaft, das war mein Traumberuf. Ich wollte studieren, das ging aber nicht, und so bin ich dann zum Journalismus gekommen - also, ich weiß es nicht. Keine Idee.

Und womit beschäftigt sich der Privatmann Kolle am liebsten in der Freizeit?

Ja, ich habe Musik sehr gerne, die Oper. Ich habe einen Schwiegersohn, der ein großer Bariton ist, ich habe viele seine Rollen gesehen. Und natürlich beschäftige ich mich viel mit meiner Familie, ich habe eine neue, große Liebe gefunden, vor sieben Jahren - das ist für mich sehr bedeutend - und natürlich meine Enkelkinder - 13 und 15 Jahre - die sind mir sehr, sehr wichtig.

Jetzt steht Weihnachten vor der Tür - wie feiern Sie das Fest?

Meine Kinder und Enkel kommen und wir feiern zusammen mit der ganzen Familie in einem Bauernhaus in Lüchow - mit einer Riesentanne, gutem Essen und gutem Wein.


Herr Kolle, haben sie vielen Dank für das interessante Gespräch.

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