Interview: Sophie van der Stap im Gespräch

von Clemens Niehaus | am 06.04.2010 | 602 mal gelesen | 1 Bild

Mit 21 Jahren wird bei Sophie van der Stap ein Rhabdomyosarkom, eine besonders aggressive Krebsform, diagnostiziert. Sophie van der Stap, die junge holländische Autorin stellte in Lehmanns Buchhandlung in Hannover ihr Buch „Heute bin ich blond - das Mädchen mit den neun Perücken“ vor, in dem sie von ihrer Krebserkrankung und dem langen Weg zurück ins Leben erzählt. Hallo Sonntag-Redakteur Clemens Niehaus traf die sympathische Frau vor ihrer Lesung.

hallo Sonntag: Hallo Sophie, willkommen in Hannover. Du bist jetzt krebsfrei und giltst als geheilt. Musst Du noch regelmäßig ins Krankenhaus zur Untersuchung?

Sophie van der Stap:
Ja, alle drei, vier Monate gehe ich, meine Ärzte besuchen *lacht* naja besuchen, zur Kontrolle. Aber die wirklichen Untersuchungen mit CT-Scans und so werden weniger und weniger. Im Moment sind sie alle fünf, sechs Monate, vorher waren es alle zwei Monate, dann alle drei Monate. Bei den anderen Besuchen testen sie nur mein Blut und wir sprechen über meine allgemeine Gesundheit. Und ich merke auch, wie ich immer kräftiger werde. Ich war die beiden ersten Wochen im Februar schon in Deutschland und habe ein intensives Sprachtraining gemacht. Und da hatte ich eigentlich gedacht, dass das zuviel für mich wird. Aber es hat gut geklappt und mir auch Kraft gegeben, so jeden Tag um sieben aufzustehen und das alles zu machen. Da hab ich gedacht, 'wow, ich hab wieder Energie'. Was aber noch immer anders als vorher ist, ist, wenn ich mit vielen Leuten in einem Raum bin, kann mich das sehr müde machen.

Du bist ja gerade auf Lesereise. Macht Dir das Spaß und wie anstrengend ist das für Dich?

Es macht viel Spaß. Es ist sehr aufregend für mich. Der Erfolg hier ist wunderbar. Manchmal sind die Fotografen aber sehr anstrengend, sie wollen dass ich dies mache und das mache, und das ist manchmal anstrengend. Ich bin ein bisschen ein Paradepferd geworden *lacht*. Es ist aber schön, dass es so viel Aufmerksamkeit für mein Buch gibt. Das gibt mir die Chance, weiterzuschreiben und das Leben einer Autorin zu führen. Und dafür bin ich auch dankbar. Aber die Lesungen sind natürlich auch sehr anstrengend. Andererseits mache ich die Lesungen mit Margarete (NDR-Moderatorin Margarete von Schwarzkopf, Anm. d. Red.), einer sehr netten Moderatorin, und wir wir sprechen, sind alle anderen Leute still *lacht*. Das ist natürlich etwas anderes, als wenn alle ständig am Reden sind, wie auf einer Party. Aber gestern nach der Lesung war ich in der Tat etwas müde. Die Leute sind sehr interessiert, betroffen und gerührt. Das ist oft auch sehr emotional für die Leute, die zu meinen Lesungen kommen. Und der Kontakt ist dann sehr besonders. Das gibt mir viel Energie aber es nimmt mir auch viel Energie. Und dann bin ich danach total müde und kaputt *lacht*

Hast Du durch deine Krankheit ein anderes Verhältnis zu der Zeit bekommen?

Ja, total. Ich gehe jetzt sehr bewußt mit meiner Zeit um. Ich verbringe sie jetzt mit Menschen, die mir wichtig sind und mit meiner Arbeit, die mir wichtig ist. Das hat sich geändert.

Versuchst Du, deine Pläne, Ziele und Wünsche jetzt immer gleich umzusetzen und nicht nach hinten zu schieben?

Ja, wenn ich einen Traum habe oder einen Plan, dann mache ich das sofort, das verschiebe ich nicht. Aber alles, was ich mache, muss auch einen Sinn für mich haben. Ich bin total nicht gut im Small Talk, blablabla im Café ist nicht mehr mein Ding. Ich bin in diesem Sinn auch weniger sozial geworden. Und ich bin wählerischer geworden, mit wem und mit was ich meine Zeit verbringe. Vor der Krankheit war ich total gestreut. *lacht* Ich bin immer sehr neugierig gewesen, hab hier und da geguckt. Neugierig bin ich immer noch und ich mache auch viele Pläne, aber jetzt konzentriere ich mich auf die mir wichtigen Dinge.


Du bist als das "Mädchen mit den neun Perücken" bekannt geworden. Stört Dich das manchmal, dass Du so auf die Perücken reduziert wirst?

Jetzt ist das hier in Deutschland manchmal komisch. Ich habe gerade eine Dokumentation für 37 Grad (im ZDF) gemacht. da musste ich alles wieder erleben. Das kann ich einmal machen, aber nicht zweimal. Das ist sehr anstrengend für mich. Ein anderer Sender wollte das auch machen, hat gesagt 'da gehen wir ins Krankenhaus und machen das und das und mit deinen Perücken.' Da hab ich gesagt 'NEIN, total nicht!' *lacht* Das wäre in dem Moment Schauspielerei für mich. Aber letztendlich ist das alles großartig für mich. Und ich bin auch dankbar dafür. Es ist aber nicht schwierig für mich, das Mädchen mit den neun Perücken in Holland zu sein, da kenne sie mich, glaube ich, auch ohne Perücken. Und ich bin auch immer noch ein bisschen das Mädchen mit den Perücken, ich trage sie auch noch gerne. Sie haben für mich der Krankheit ein ãgutes Gesicht gegeben. Und sie haben mir persönlich soviel bedeutet. Sie sind auch wirklich ein bisschen meine Freundinnen.


Dein Buch kam ja in Holland schon vor eineinhalb Jahren auf den Markt. Ist es schwer für Dich, jetzt die ganze Geschichte wieder und wieder zu erzählen.

Nein, das ist nicht schwer. Aber ich glaube nicht, dass ich eine gute Schauspielerin bin *lacht*. Aber darüber zu reden ist total nicht schwer. Ich bin ja emotional nicht mehr betroffen. Ich erlebe das nicht wieder, ich bin nicht wieder im Krankenhaus.

Welche Deiner Perücken war dir die liebste, welche hatte das meiste von dir selbst?

Pam, ganz klar. Das ist die siebte gewesen. Ich nenne sie auch schon die "lucky number seven" *lacht*. Ich glaube, dass meine Suche nach mir selbst, mit Pam aufgehört hat. Die achte hab ich geschenkt bekommen und die neunte habe ich in einem spontanen, besonders emotionalen Moment gekauft. Aber Pam sah wirklich so aus, wie ich sein wollte oder vielleicht auch bin - so ein liebes, süßes Mädchen *lacht* und sehr sympathisch.

Ist das schön, wenn man sich einen "anderen Kopf" aufsetzen kann und einfach jemand anders sein kann. Ist das nicht doch auch so eine Art Schauspielerei?

Jaa, natürlich. Das hat schon ein bisschen mit Schauspielerei zu tun, aber für mich war das in dem Moment keine Schauspielerei. Das hat mir so viel Kraft gegeben. Dies total nackte Gesicht, ohne Wimpern und Augenbrauen, dies Gesicht langsam zu schminken und dann eine Perücke - da sah ich ein total anderes Mädchen im Spiegel. Aber das war ich, das war Sophie. Die verschiedenen Perücken sahen so stark aus und da sah ich ein starkes Gesicht im Spiegel und fühlte mich dann auch so. Das war total super und hat geholfen mich meiner Krankheit zu stellen. Ich hab das nicht gemacht, um zu schauspielern, obwohl ich manchmal schon ein wenig gespielt habe. Wenn ich eine Perücke auf hatte, war der Krebs zwar noch da, weil ich ja früher keine Perücken getragen hatte, aber der Krebs war in diesem Moment total nicht schlimm. Und die Traurigkeit und die Angst waren weg, wenn ich eine Perücke auf dem Kopf hatte.

Haben sich Deine Träume verändert?

Ja und nein. Ich hatte immer zwei Träume. Einmal zum Mond fliegen - den hab ich noch immer *lacht* und die ganze Welt sehen. Meine Träume sind vielleicht etwas kleiner geworden. Früher wollte ich sehr gerne eine große Karriere machen, bei der UN oder der Weltbank, um gegen die Ungerechtigkeit in der Welt zu kämpfen. Das will ich zwar noch immer, aber jetzt will ich das ganz anders praktizieren. Ich träume von einem direkten Kontakt mit den Leuten und ich habe inzwischen einen Weg gefunden, das zu machen. Meinen anderen Traum hab ich mir inzwischen erfüllt. Nach meiner 'Genesung' hab ich sehr verrückt gelebt. Ich denke ich war noch so ängstlich, hatte Angst davor, dass der Krebs zurückkommen könnte und dann bin ich durch die ganze Welt gereist und hab in einem Jahr mein ganzes Geld verprasst *lacht*. Ich konnte nur in Minuten und dem 'jetzt' denken, aber nicht planen und nicht im Morgen. Das kann dann schnell zuviel werden, man muss auch sagen können, ok, es gibt auch ein Morgen, und wir haben keine Eile. Aber letztendlich sind meine Träume kleiner geworden.


Was war denn für dich während deiner Krankheit der schönste beziehungsweise der traurigste Moment?

Also, der schönste Moment war, als man mir gesagt hat, dass ich wieder 'rein' war. Aber das war auch total komisch. Ich habe sehr viel gute Erinnerung an die Zeit, weil, als ich nicht im Krankenhaus war, konnte ich den ganzen Tag machen was ich wollte und musste ihn nicht mit unwichtigen Dingen verschwenden.
Das schlimmst waren unbedingt die ersten Wochen. Jeden morgen, wenn ich aufwachte, erlebte ich den Albtraum wieder. Ich fühlte mich so leer. Ich brauchte wirkliche einige Wochen Trostlosigkeit und Tränen bevor ich mir selber sagen konnte ''das ist jetzt genug, jetzt kämpfen wir und schaffen das'.

"Heute bin ich blond - das Mädchen mit den neun Perücken" ist im Droemer Knaur Verlag erschienen.

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