Interview: Vince Ebert im Gespräch
Weil es dem Diplom-Physiker Vince Ebert im Labor bei den Messdaten zu eintönig wurde flüchtete er auf die Showbühne und behauptete: „Physik ist sexy!“ Das fanden dann weder er noch sein Publikum langweilig – und so wurde aus dem Wissenschaftler ein gefragter Kabarettist. Auch sein neues Programm „Denken lohnt sich“ bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen String-Theorie und String-Tanga und fordert sowohl physikalisches Denken als auch die Lachmuskeln heraus. Am 18. Dezember war Ebert zu Gast bei der NDR-Talkshow „Tietjen und Hirschhausen – und nahm sich zuvor Zeit für ein Interview mit hallo Sonntag-Mitarbeiterin Annette Hartmann.
hallo Sonntag: Physik studiert — und nie als Physiker gearbeitet ...
Vince Ebert: Doch, ich arbeite in dem Beruf. In der Erwachsenenbildung *lacht*
Okay gewissermaßen — aber trotzdem — irgendwas an Physik muss ja doch ganz schrecklich gewesen sein, dass Ihnen nur die Flucht auf die Bühne blieb?
Im Gegenteil, Physik ist alles andere als schrecklich — es ist nur so, dass ich wahrscheinlich ein sehr schlechter Wissenschaftler geworden wäre. Ich habe das bei meiner Diplomarbeit gemerkt: man sitzt bei gedimmten Laserlicht vor einer Riesenapparatur, misst irgendwas, was vielleicht 30 Leute weltweit interessiert und nach 20 Jahren Messen kommt raus, dass nichts rauskommt. Ich hatte dazu einfach nicht diese Geduld und diese Akribie. Auch im Studium haben mich eigentlich nur die großen Zusammenhänge interessiert — insofern wäre ich wohl vor 100 Jahren besser dran gewesen. Da war es noch möglich, Erkenntnisse über alle großen Bereiche zu bekommen, weil einfach noch nicht so viel erforscht war — heute muss man ganz engmaschig und ganz tief in Details reingehen wenn man etwas erforscht — das ist für mich einfach unspannend.
Die große vereinheitlichende Weltformel ist aber noch nicht gefunden — wäre das nicht doch eine gewisse Herauaforderung?
Ja, schon — aber das müssen andere machen — ich kann mich ja nicht um alles kümmern.
Nur mal angenommen, man böte Ihnen jetzt einen hochinteressanten Job in der Forschung oder wo auch immer an: würde sie das nicht reizen?
Nicht wirklich. Abgesehen davon, dass es utopisch wäre — ich bin mehr als 10 Jahre aus dem Job raus. Ich habe neulich meine Diplomarbeit wieder angeguckt — und habe nur gedacht 'Mensch — das konnte ich mal RECHNEN?!?' Man sagt zwar immer, mit dem Rechnen ist es wie mit Fahrrad fahren, das verlernt man nicht — aber da bin ich mir nicht so sicher.
Wobei man ja vielen Physikern nachsagt, sie könnten nicht rechnen...
Tja, Mathematik ist die Kunst, Rechnen zu vermeiden — aber trotzdem hätte ich so meine Probleme damit.
Physik ist auch in der Schule nicht gerade das beliebteste Fach — jedenfalls bei vielen. Liegt es tatsächlich nur daran, dass Physik einfach sehr schwierig?
Es hängt sicher damit zusammen, dass man sich in einigen Fächern mit etwas Halbwissen durchmogeln kann — in Physik oder auch Mathematik muss man das ganze Ding kapiert haben, um Aufgaben zu lösen. Okay, ich könnte jetzt auf die Lehrer draufschlagen und behaupten, es würde falsch vermittelt. Aber das ist sicher nicht der Grund — es gibt auch da gute und schlechte Lehrer, wie in allen anderen Fächern auch. Du guten Lehrer machen alles richtig und wecken die Begeisterung für das Fach. Physik hat ja nicht nur was mit rechnen und Formeln zu tun sondern vor allem mit hochinteressanten Fragen, die man sich stellt.
Einstein hat sich gefragt, wie sähe die Welt aus wenn ich auf dem Rücken eines Lichtstrahls reiten könnte. Gut, dann kamen irgendwann die trockenen Rechnungen — aber alle großen Theorien basieren auf faszinierend einfachen Fragen.
In vielen anderen Fächern ist das einfacher zu vermitteln. Musik ist da ein gutes Beispiel Man hört Musik, möchte genauso gut spielen können — also setzt man sich hin und übt. So ist der normale Ablauf und nur so kann man es auch lernen. In Physik wird eher vermittelt: ich gebe euch jetzt ganz tolle Formeln — und damit könnt ihr was ganz Tolles mache. Das ist ungefähr so als würde man den Kindern ein paar Jahre Partituren vorlegen und ihnen sagen: wenn ihr die könnt — dann spiele ich euch vor, wie es klingt.
Oder gelten Physiker vielleicht auch als etwas uncool?
Ein gut gekleideter Physiker ist ein Messfehler. Das Klischee Birkenstock und Zahlenschlosskoffer stimmt größtenteils. Aber auch das ist kein Zufall — die Denkweise des Physikers ist halt sehr uneitel. Man kann einfach keine Punkte machen indem man schlau daherschwätzt — es wird knallhart die Theorie überprüft — und wenn die nicht stimmt, kann der Physiker einpacken. Mit Optik und coolen Sprüchen kann man sich nicht rausreißen.
Wie ist denn das mit ihren Ex-Kollegen — finden die das lustig, was sie machen — oder sind die eher angesäuert wenn sie Ihre Show sehen?
Anfangs hatte ich echt Bedenken. Aber ich habe dann gemerkt, dass die sehr schnell begreifen, worum es mir geht: dass mir diese Denkweise und dieses Fach einfach wichtig ist und ich deshalb versuche, das mit Humor zu vermitteln. Ich sehe mich schon in der Vermittlerposition zwischen dem wissenschaftlichen Laien, der sagt: "Damit kann ich nichts anfangen" und auf der anderen Seite den Wissenschaftlern, die meinen: "Das braucht die Bevölkerung nicht zu wissen, was wir da machen."
Das finden die Physiker gut — sie erkennen, dass ich Werbung für das Fach mache.
"Denken lohnt sich" — "Denken Sie selbst" — so der Namen von Ihrem Showprogramm bzw. Buch. Auf der Bühne geht die Rechnung auf aber in echt? Manchmal hat man eher den Eindruck, ohne allzuviel Denken kommt man besser durchs Leben.
Nun, man muss schon unterscheiden — es gibt auch Fälle, da ist die Ratio nicht so gefragt und die Intuition die bessere Wahl ist. Wenn der Säbelzahntiger um die Ecke kommt, bringt es wenig zu denken: "Oh, das Universum ist so groß und der Tiger hat scharfe Zähne und wenn der jetzt — Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel — auf mich zugerast kommt" Also, da ist Intuition sicher besser als zu viel und zu lange nachzudenken.
Wenn man aber wirklich wissen will, was hinter den Dingen steckt, dann kommt man am Denken nicht vorbei. Das Bauchgefühl spielt einem zu häufig einen Streich. Jahrhundertelang hat man geglaubt, dass sich die Sonne um die Erde dreht — weil es einfach so aussieht. Da ist es schon sehr wichtig, kritisch zu hinterfragen und skeptisch zu sein — die Realität verhält sich oft sehr anders als wir gedacht haben. Und da lohnt sich einfach das Denken!
Sie sind enorm vielseitig — studierter Physiker, Kabarettist, Autor und auch noch Sänger...
*unterbricht* Nein, also Singen - ich hab einen Schlusssong bei meinem Showprogramm - eine ziemlich schräge Nummer. Die mache ich total gerne, weil ich schon den Hang habe, mich ab und zu zum Affen zu machen — und das mögen die Leute auch. Das habe ich eigentlich Eckart (von Hirschausen, Anm.d. Red.) zu verdanken. Er hat den Songtext beigesteuert — und seitdem muss ich das singen. Ich mache es eigentlich nur Eckart zuliebe.
Aber das ist trotzdem ziemlich viel — was können Sie denn nicht?
Ich kann eine ganze Menge nicht. Ich bin Info- und Lesejunkie und sauge Informationen auf — aber immer ist es so: je mehr man über eine Sache liest und erfährt desto mehr wir einem klar, dass man eigentlich nichts weiß, desto mehr Fragen tauchen auf. Schon etwas frustrierend manchmal. Das ist auch der generelle Frust, mit dem Wissenschaftler und wissenschaftsinteressierte Menschen häufig zu kämpfen haben.
Aber ganz konkret: ich würde sehr gerne Klavier spielen können!. Ich habe es mal angefangen, vor ein paar Jahren, habe unterricht genommen und gute Fortschritte gemacht — na ja, dann fehlte die Zeit — aber es ist mein Plan, wenn ich älter bin und die Auftritte weniger werden fange ich noch mal mit Klavierspielen an
Aber im Moment haben Sie ja reichlich zu tun. Gibt es eigentlich schon neue Projekte?
Auf jeden Fall wird es nächstes Jahr eine neues Buch und ein neues Showprogramm geben. Es wird bei beiden das Thema Freiheit sein — ein richtig großes Thema in allen seinen Facetten. In der Wissenschaft ist es ja schon sehr, sehr wichtig, offen zu sein und Denkfreiheit zu haben — nur dann kommen die guten Ideen. Gleichzeitig ist Freiheit aber auch schwer auszuhalten, besonders wenn man zuviel davon hat. Die Finanzkrise ist ein schönes Beispiel: Jeder will sich unbedingt im Leben selbst verwirklichen — aber wenn es dann schief geht rufen alle 'Aber der Staat muss es doch richten'
Das find ich ein ungeheuer spannendes Thema in allen Bereichen. Es wird, genau wie beim Denk-Thema, um verschiedene Bereiche gehen - Freiheit im Denken, die Hirnforschung kommt vor, es geht um politische Freiheit, sexuelle Freiheit wird ein Thema sein, und natürlich auch die wissenschaftliche Freiheit.
Klingt spannend!
Das ist auch spannend — und ein Riesending. Da hab ich mir wirklich was aufgebürdet! Aber man muss sich ja auch weiterentwickeln.
Dann weiterhin frohes Schaffen und herzlichen Dank für das nette Gespräch!
