Interview: Walter Sittler im Gespräch

 

Bekannt wurde er als Dr. Schmidt in der TV-Serie „Nikola“, er hat ein Faible für Erich Kästner und geht gegen Stuttgart 21 auf die Barrikaden: Walter Sittler. Bevor er in der NDR Talkshow „Tietjen und Hirschhausen“ Platz nahm sprach hallo Sonntag-Redakteur Clemens Niehaus mit dem sympathischen und engagierten Streiter.

hallo Sonntag: Sie sind das prominente Gesicht der Stuttgart 21-Bewegung. Wann haben sie entschieden, sich aktiv in dem Widerstand zu engagieren?

Walter Sittler:
So vor etwas über einem Jahr. Da habe ich dann soviel Informationen gehabt, und da wurde es so undurchschaubar. Da merkte man, dass vieles nicht wirklich so läuft, wie man es sich wünscht und wie es auch gesagt wurde, dass es gelaufen sei. Da dachte ich: „So geht das jetzt nicht, jetzt nehme ich da aktiv teil.“ Ich hab es immer verfolgt und wusste, was da los ist. Und ich habe gedacht, nach allem was ich weiss, müsste es eigentlich mit dem Transrapid zusammen im Orkus verschwinden. Das tat es aber merkwürdigerweise nicht. Und deswegen bin ich jetzt dabei.

Waren die beiden Dinge gekoppelt?

Nein, der Transrapid war auch so ein Riesenprojekt - einfach ein bisschen größenwahnsinnig. Ich verstehe, dass man dafür sein kann, aber es macht in der Realität keinen Sinn. In der Fantasie ist es ganz toll, aber in der Realität Blödsinn. Und so ging es mir mit Stuttgart 21 auch und ich war mir ziemlich sicher, dass das Ding stirbt, bevor da jemand anfängt zu graben. Aber das tat es nicht. Und dann war die Zeit gekommen, dass man sagte‚ ‚jetzt müssen wir schauen, ob wir noch was tun können‘, weil die von alleine nicht zur Vernunft gekommen sind.

Wo gibt es denn Politiker, die von alleine zur Vernunft kommen?

Doch, die gibt es, aber es sind seltene Exemplare. Und in Baden-Württemberg sind bei den derzeitigen Regierungsverantwortlichen scheinbar nicht sehr viele dabei.*lacht*

Wie wichtig war es für sie, selber tätig zu werden?

Ich bin erstmal nur als ganz normaler Bürger von Stuttgart da hingegangen und wollte einfach nur an den Demonstrationen teilnehmen, mich zeigen und noch mehr Informationen bekommen, weil die Zeitungen in Stuttgart - damals zumindest, das ist jetzt anders - noch nicht so informativ waren, wie sie eigentlich sein sollten. Dann sollte ich auf den Montagsdemonstrationen mal reden, was ich auch tat, dann im Juli nochmal, bei der ersten großen Demonstration im Schlossgarten. Und dann ist das so gekommen. Auch weil ich von Seiten der Stuttgarter Bevölkerung offenbar eine große Glaubwürdigkeit habe – von Seiten der derzeitigen Regierung allerdings gar nicht. *lächelt* Das ist das Glaubwürdigkeitsproblem, was die regierenden Politiker in Baden-Württemberg im Moment haben, dass viele Menschen ihnen einfach nicht mehr glauben, sondern, wenn sie was sagen, denkt man „was meinen die wirklich“. Und das ist ein großes Problem, das muss gelöst werden.

Das ist aber derzeit kein reines baden-württembergisches Problem...

Nein, aber dort ist es besonders, weil einfach so oft schlecht mit der Wahrheit umgegangen wurde. Selbst Fakten, die jeder weiss, wurden umgedreht. So wie am 30. September, wo mit bibbernder Stimme von Pflastersteinen gesprochen wurde, die auf die Polizisten geworfen worden sein sollen. Lächerlich. Jeder, der da war, weiss, es stimmt nicht. In Wirklichkeit waren es einige Kastanien, die die Wasserwerfer runtergeschossen hatte. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.

Man versucht also, dass Projekt im wahrsten Sinne des Wortes durchzuprügeln?

Ja. Und die Art, wie sie das machen, dass sie auf die Leute einprügeln, verbal und physisch, sie als Fortschrittsverweigerer bezeichnen, da sind sehr sehr viele Bürger nicht mehr bereit, das hinzunehmen.Und sie sind sehr gut informiert, und das ist ein großes Problem für die Landesregierung. Man hat das Gefühl, einige Bürger wissen mehr als die.

Wie sind sie denn mit der Arbeit von Schlichter Heiner Geissler zufrieden?

Ich weiß nicht, was heute (am 12,.November, Anm. d. Red.) passiert ist. Die letzten drei Mal, war das gut, fand ich. Ich glaube der Herr Mappus hat gedacht, der Heiner Geissler würde so arbeiten, dass am Ende die, die gegen Stuttgart 21 sind, von den Vorteilen überzeugt sind. Aber Heiner Geissler macht das anders. Er sagt, ich will beide Seiten hier haben, ich will, dass alles auf den Tisch gelegt wird und man wirklich darüber redet, was ist gut ist und was nicht. Und man muss auch mit diesen Beleidigungen aufhören, das bringt ja gar nichts. Wir hatten einen traurigen Höhepunkt mit Herrn Strobl (Thomas Strobl ist Generalsekretär der CDU in Baden-Württemberg und Vorsitzender des Ausschusses für Wahlprüfung, Immunität und Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages, Anm. d. Red.)…

... der hat sie ja persönlich angegriffen und sie als „jemand, der in Wahrheit mit unserer Demokratie nichts am Hut hat“ bezeichnet hat...

… das verbreitet er immer noch. Vorher hat er mich mal als Nazipropagandist bezeichnet. Das hat er aber inzwischen mit Entschuldigung zurückgenommen. Das hab ich auch angenommen. Aber mit der Demokratie, wie Herr Strobl das meint, dass man – wie gesagt - verbal und physisch auf die Leute einprügelt, ohne sich zu entschuldigen, und dann auch noch sagt, das sei verhältnismäßig – mit dieser Art von Demokratie hab ich tatsächlich nichts am Hut, das stimmt!

Kann es eine Lösung für Stuttgart 21 geben?

Es gibt nur die Lösung „entweder - oder“. Aber das Wichtige ist, wenn man sich einigt: es geht nicht darum, die Partei, die dann abrücken muss von ihrer Position, zu vernichten. Darum geht’s gar nicht. Es geht meiner Meinung nach um eine Entscheidung, die vor 15 Jahren unter ganz anderen Voraussetzungen, ohne zu wissen, was es bedeutet, gefällt wurde. Herr Ingenhofen hat einfach einen Tiefbahnhof geplant – ob das effektiv ist oder nicht, war gar nicht sein Problem. Er ist Architekt und nicht Bahnmann. Dass das alles nicht effektiv ist, ist nachher erst rausgekommen. Insofern hoffe ich, dass man soweit kommt, dass man sagt, das, was wir hier an Mitteln einsetzen, hat nicht den Effekt, den wir erhofft haben. Deswegen versuchen wir, die Befürworter von K21, ein Projekt durchzusetzen, bei dem wir die Vorteile, die wir haben wollen, bekommen, ohne uns in ein Milliardengrab zu stürzen. Die Bedürfnisse und die Wünsche der Benutzer, die müssen ebenso wichtig sein, wie die Bedürfnisse der Konzerne, die das bauen. Deren Interessen dürfen nicht über denen der Bürger stehen.

Auch im Hinblick auf die Atomproteste, gibt es in Deutschland eine neue Streitkultur?

Also eine Streitkultur nicht. Wenn man aber von einer Demonstrations- oder Protestkultur redet, die hat sich in der Tat ein bisschen geändert. Was jetzt hochkommt ist eine relativ breite Unzufriedenheit mit der Verlässlichkeit unserer regierenden Leute, die demokratisch gewählt sind. Man hat nicht das Gefühl, dass das Interesse, und die Wünsche und die Bedürfnisse der Bürger gleichberechtigt neben denen der Wirtschaft stehen. Die Menschen sind inzwischen sehr viel informierter. Und, das möchte ich betonen, die friedliche Unerbittlichkeit ist stärker geworden, als sie es früher war. Und das finde ich sehr gut. Und die Bürgerinnen und Bürger sind widerborstiger, und das ist auch richtig.

Themenwechsel: Ihr neues Bühnenprogramm „Von Kleinmaleins des Seins“ ist die Fortsetzung von ihrem Erich Kästner-Stück „Als ich ein kleiner Junge war“ - gibt es Unterschiede in der Präsentation?

Die Besetzung ist dieselbe. Wir haben natürlich ein neues Bühnenbild, neue Musik, einen völlig anderen Text, mit viel mehr Lyrik dabei. Und es ist natürlich, weil es der erwachsene Kästner ist, politischer. Ich gehe, salopp gesagt, hin und her und rede einen original Kästnertext und die Musiker spielen, so. So einfach ist es. Wir haben keine Rauch, keinen Nebel, keine Blitze. Aber die von uns gar nicht so beabsichtigte Aktualität - wir haben das ja schon vor zwei Jahren konzipiert - hat sich jetzt eingestellt durch die Entwicklung in der politischen Landschaft – und die ist frappierend. Man braucht nur den Blick zu heben, zwar ist die Situation nicht vergleichbar, aber prinzipiell geschieht genau das selbe – ihr werdet vorgeführt, ihr werdet an der Nase rumgeführt, ihr werdet gezwungen, Sachen zu machen, die ihr nicht wollt...

Hätte Kästner das gefallen, was gerade passiert?

*überlegt kurz* Der Protest hätte ihm gefallen, ja. Vor allem in der Form, wie er stattfindet. Was ihm nicht gefallen hätte, glaube ich, dass es hässliche Bezeichnungen gibt auf beiden Seiten. Die sind aber der Frustration geschuldet.

„Als ich ein kleiner Junge war“ war ein große Publikumserfolg, hat sie der Erfolg überrascht?

Ich war sehr überrascht, dass es so ein Erfolg wurde. Ich dachte: ‚da geht ja nur einer hin und her und redet‘. Aber es stellte sich raus, dass es eine Sehnsucht danach gibt, gute Geschichten in Ruhe erzählt zu bekommen, und zwar so, dass man einfach zuhören darf und nicht überwältigt wird von Effekten.... Viele Dinge sind so ein Event, ganz schnell, mit viel Licht und Musik und zack...das ist auch in Ordnung. Wir erzählen ganz ruhig und man kann einfach nur zuhören. Und die Sprache von Kästner ist sehr reich, und trotzdem leicht verstehbar – für jeden. Die Klarheit des Denkens ist beeindruckend. Und er macht Mut und - das ist das Entscheidende - ohne zu sagen,‘du musst mutig sein. Er macht durch die Art, wie er die Dinge betrachtet, und wie er drüber redet, Mut. Da gehen die Menschen bereichert nach Hause.

Wo Walter Sittler mit seinem Programm „Vom Kleinmaleins des Seins“ auftritt gibt’s unter http://www.sagas-produktionen.de/index.php?id=126

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