Interview: Walter Sittler im Gespräch
Kurz vor der 109. Vorstellung des Szenischen Einakters mit Musik „Als ich ein kleiner Junge war” – die Lebenserinnerungen von Erich Kästner hat Walter Sittler noch Zeit, bei einer Portion Spaghetti Hallo-Sonntag Mitarbeiterin Annette Hartmann und Redakteur Clemens Niehaus interessante Details über Theater und Fernsehen im allgemeinen und den Schauspieler Sittler im Besonderen zu verraten.
hallo Sonntag: Eines der ersten Bücher, die ich gelesen habe, war "Das doppelte Lottchen". Wie war das bei Ihnen? Gehörte Kästner auch zu ihrer Kindheit?
Walter Sittler: Mein Vater war zwar ein Literaturmensch aber die modernere deutsche Literatur war nicht sein Gebiet. Nein, Kästner ist mir erst später in der Schule in den oberen Klassen begegnet - dann wieder verschollen und erst wieder aufgetaucht, als meine eigenen Kinder soweit waren, dass man ihnen Kästner vorlesen konnte
Dass Kästner Ihnen in der Schule begegnet ist, ist eher ungewöhnlich, normalerweise findet man Kästner kaum in Schulbüchern.
Das stimmt. Aber wenn der Lehrer das will, macht er das. Mein Lehrer mochte Kästner, vor allem seine klare, einfache Sprache. Aber normalerweise ist Kästner in den Schulbüchern nicht vorhanden, weil er da absichtlich raus gelassen wird. Er ist ja während der Zeit des Nationalsozialismus nicht märtyrerhaft ins Ausland gegangen sondern in Deutschland geblieben und damit war er in einer deutlichen Minderheit. Das hat er später - fälschlicherweise - deutlich zu spüren bekommen.
Wie kam es zu der Idee, ausgerechnet das Buch "Als ich ein kleiner Junge war" auf die Bühne zu bringen?
Martin Mühleis, der Impresario des Abends, wollte das als Lesung mit Musik haben, in seinem Kulturwinter in Gschwend, wo ich auch schon oft war, und dann haben wir das gemacht, und das war sehr erfolgreich. Dann haben wir es noch an ein paar Orten gemacht, und es war immer sehr erfolgreich. Da hat dann Martin zu mir gesagt: 'Pass auf, du lernst das bisschen *lacht*, der Libor Sima schreibt eine Musik dazu und dann eine richtige Bühne und dann erzählst du das mal'. Ich war zu erst sehr skeptisch. Aber mittlerweile sind wir in der dritten Spielzeit und erfolgreich, wo immer wir hinkommen. Man weiß es ja nicht, wenn man so etwas macht, was noch nie jemand vorher gemacht hat, wie das ankommt. Kann ja sein, dass die Leute sagen 'Ja, spinnt ihr? Das kann ich doch auch lesen'. Viele Kollegen von Ihnen sprechen auch immer noch von einer Lesung, obwohl im ganzen Stück nicht ein Wort gelesen wird. Das Problem ist, es gibt keine richtige Bezeichnung dafür - es ist eine szenische Erzählung mit Musik - okay aber das klingt natürlich sehr literaturwissenschaftlich. Aber es ist original Kästner und den kann man nicht verbessern. Vor drei Jahren war die Premiere in Dresden (Kästners Heimatstadt, Anm. d. Red.). Seitdem läuft es erfolgreich immer im November, Dezember, Januar. In Hannover haben wir die 109. Vorstellung.
Wer kommt denn in die Vorstellungen?
Das ist sehr unterschiedlich. In Berlin haben wir ein sehr junges Publikum gehabt, in Stuttgart ist es gemischt, in St. Augustin waren sie eher älter, in Köln wieder gemischt. Das Publikum als solches ist unterschiedlich.
Man hätte ja auch Kästners Leben verfilmen können.
Ja, aber dann hätte ich den Kästner nicht spielen können weil der nur halb so groß war wie ich bin. Und auch ganz anders aussah. Im Theater ist diese Ähnlichkeit nicht so wichtig. Da ist mehr die Frage: kommt der Gedanke rüber, kommt das Gefühl rüber und kommt darüber, was Kästner mit dir macht: er nimmt die an die Hand und du erlebst mehr, als du liest. Weil das so sauber geschrieben ist bringt es die Phantasie zum Klingen. Völlig unkitschig vor allem. Kästner ist absolut kitschresistent. Und deshalb geht es auch so tief rein - man weiß gar nicht warum, aber plötzlich weint man.
Damit ist die nächste Frage schon fast beantwortet: Kästner ist über 30 Jahre tot und gehört immer noch zu den beliebtesten Kinderbuchautoren er wird immer wieder neu aufgelegt und verfilmt ...
... weil er beschreibt, was die Menschen bewegt und das hat sich seit 10.000 Jahren nicht geändert. Die Umstände haben sich geändert, aber die Probleme groß zu werden, die Abgrenzungsprobleme, die Unterdrückung von außen das ist immer das selbe, egal wo man hingeht und er beschreibt das. Und seine Sprache ist nicht altmodisch. Es gibt ja Autoren aus der Zeit wo man denkt 'na ja, das war schön damals' aber heute klingt es zu wolkig, zu kitschig, übertrieben. Kästner hingegen ist niemals wolkig. Dadurch, dass er nicht kindgerecht schreibt, sondern so, dass Kinder und Erwachsenen es lesen können liest man es auch als Erwachsener gern. Und wenn man seine Texte fünfmal liest, entdeckt man fünfmal was Neues. Wir haben Zuschauer, die kommen dreimal, fünfmal in die Vorstellung. Mir geht es selbst auch so. Ich habe es über 100mal gespielt und obwohl wir kein Wort ändern, entdecke ich immer noch was Neues. Es ist einfach richtig gute Literatur.
Der Kästner für Erwachsen ist dagegen heute so gut wie vergessen. Seine Romane, seine Gedichte kennt man fast nicht mehr.
Er gehörte ja zu den verbotenen Autoren, zu den 24 Schriftstellern, deren Werke 1933 verbrannt wurden. Die sind bis auf wenige Ausnahmen von der Bildfläche verschwunden. Und ihm fehlen zwölf Jahre Arbeit. Dadurch hat ihm, und das sagt er selber auch, der Anschluss an die moderne Literatur gefehlt, weil ihm zwölf Jahre Auseinandersetzung gefehlt haben.
Und nach dem Krieg ...
Es gibt schon Literatur von ihm nach dem Krieg sein "Notabene" zum Beispiel. Da beschreibt er schonungslos, ohne es schonungslos zu meinen. Er war ja auch als einziger Autor bei der Bücherverbrennung anwesend und das beschreibt er sehr sachlich, beobachtend. Also, er war nicht feige. Aber er wurde von der äußerst konservativen Nachkriegskulturpolitik der Republik weiterhin als Vaterlandsverräter angeguckt, wie alle anderen verbannten Dichter auch übrigens. Und die Gruppe 47 hat nichts daran geändert. Vielleicht waren sie neidisch, weil er eben nicht feige war oder sie haben vermutet, dass er ein Kollaborateur war, weil er überlebt hatte. Er war immer unkonventionell und nicht bestechlich. Er hat einfach zur falschen Zeit gelebt. Und das ist ganz brutal: wenn man sich vorstellt: er ist 34 als es losgeht und ist ab da für zwölf Jahre mundtot. Das ist eine Katastrophe. Wenn die Kulturpolitik Kästner in die Schulbücher gebracht hätte, wäre er bekannt. Aber man hat ihn auf den Kinderbuchautor reduziert. Das war's.
Ein Roman wie "Fabian" ist natürlich in den 50er Jahren vollkommen undenkbar gewesen in seiner Freizügigkeit.
Richtig. Aber warum eigentlich? Warum ignoriert die Literaturwissenschaft ihn komplett? Es gibt keine einzige kritische Gesamtausgabe. Warum nicht?
Gute Frage.
Kästner ist einer von denen, wo es sich nun wirklich lohnen würde. Daran sieht man, was passiert ist. Die Hochschule hat auch ihren Beitrag geleistet, dass er nicht bekannt wurde, im Nachhinein. Und dann hat er sich für die Sozialdemokraten eingesetzt in den 60ern - das hat man ihm übelgenommen - und als die dann endlich an der Regierung waren, hat er gesehen, dass die auch Mist machen und dann war er tot. Das muss man sich vorstellen: 1933 ist seine Zeit zu Ende gegangen, nach 1945 kam eine äußerst konservative Regierung bis 1969 ja, da war er dann auch 70 Jahre. Brutal. Also, nichts gegen die Wirtschaftswunderzeit, das ist ja alles wichtig gewesen. Aber in der Kulturpolitik war nicht alles so, dass man es gut finden konnte. Die kritische klare Auseinandersetzung mit sich selbst und der Geschichte war Kästners Ding das konnte er sehr gut. Aber das war überhaupt nicht angesagt in der Bundesrepublik, überhaupt gar nicht.
Wäre das nicht ein schönes Fernseh-Projekt? Der Republik den erwachsenen Kästner wieder nahe zu bringen?
Schwierig. Sie kriegen die Literatur nicht ins Fernsehen. Fernsehen ist dafür einfach das falsche Medium. Literatur hat im Fernsehen - außer wenn sie es gut verfilmen, was aber äußerst schwierig ist - kaum eine Chance. Also, kein Kästner in Serie.
Schade. Aber Stichwort Serien - die Serien haben sie bekannt und beliebt gemacht und es gibt eine Menge Zuschauer, die es sehr bedauern, dass Schluss ist mit "Girlfriends" und "Nikola". Haben sie schon eine neue Serie in der Schublade?
Nein. Ich sage Ihnen auch, warum. Serien sind ja nun ein sehr fernsehspezifisches Genre. Ich habe zwei sehr erfolgreiche Serien gehabt, das ist mehr als ein Schauspieler normalerweise in seinem Leben bekommt. Deshalb bin ich äußerst zurückhaltend mit einer weiteren Serie. Es gab Angebote aber die habe ich aber nicht angenommen genau aus dem Grund. Die Erfolgslatte hängt sehr hoch, da kommt man nicht mehr drüber. Zumindest nicht die nächsten zehn Jahre. Wenn dann wieder was kommt, gerne. Man muss auch ein bisschen realistisch bleiben und darf nicht denken, 'alles was ich anfasse wird zu Gold', das stimmt einfach nicht. Gerade Nikola lief von Anfang bis Ende gut und wir haben ein schönes Ende gefunden, ehe es bergab ging.
Wird es denn mehr vom Theaterschauspieler Sittler geben?
Hm, keine Ahnung. Ich bin ja auf Angebote angewiesen. Ich kann nicht so wahnsinnig viel selbst initiieren, die Produzenten haben die Bücher, die Intendanten haben die Theaterstücke.
Und es gibt keine Angebote?
Nicht vom Theater.
Tatsächlich? Da könnte man dem Schauspielhaus Hannover direkt mal einen Tipp geben.
Ich bin schon lange nicht mehr beim Theater. Wenn jemand jahrelang nicht mehr auftaucht, ist er eben weg. Und dann ist es immer noch so, dass Intendanten Leute, die im Fernsehen waren, nicht beschäftigen wollen. Die meinen das nicht so abfällig, wie es klingt aber sie wollen keine Fernsehnasen. Über viele Jahrzehnte war die Kunst hehr und die Unterhaltung Mist. Und das ist immer noch in vielen Köpfen. Man hat sich dem Fernsehen in die Arme geworfen und dann darf man eben kein Shakespeare mehr spielen.
Bedauern sie das, dass sie kein Theater mehr machen?
Ja, es ist schon schade, das so zu begrenzen. Nicht, weil man es nicht kann, sondern weil es Vorurteile gibt. Ich bedauere Vorurteile jeglicher Art. Weil das idiotisch ist. Man kann versuchen, sie abzubauen. An dem Kästner Abend geht das ja auch so einigermaßen - nur, von den Intendanten kommt keiner und sieht sich das an weil sie sich sagen 'das ist doch der aus dem Fernsehen'.
Das ist ja schon ziemlich engstirnig.
Ja, ist es. Wenn man natürlich die inhaltlich schwierigeren Filme spielt dann ist die Grenze nicht da. Also, wenn sie bei "RAF" mitgespielt haben, dann können sie auch auf der Bühne stehen. Ich bedauere das persönlich nicht unbedingt, aber ich bedauere, dass es diese Vorurteile gibt. Dass ist das, was am meisten Probleme bereitet alles übrige eigentlich nicht.
Gibt es denn noch so was wie Traumrollen? King Lear, Macbeth ...
Im Theater kann ich ihnen das sagen, weil es da die Stücke schon gibt. Also, es gibt bei Tschechow ein paar schöne Rollen, die ich gern spielen würde ja, und wer würde King Lear nicht spielen wollen? Aber das dauert noch. Im Moment ginge das noch gar nicht. Da fehlt mir noch ein bisschen Lebenserfahrungen - so mit 70 vielleicht. Wenn man bei Verstand bleibt bis dahin wäre das sehr schön. Was jetzt gerade noch ginge wäre Macbeth, wenn man schnell macht. In zwei Jahren geht es auch schon wieder nicht mehr, dann bin ich zu alt. Oder der Regisseur hat eine sehr wahnsinnige Vorstellung. Aber Macbeth darf nicht zu alt sein.
Neben dem Schauspieler Sittler gibt es auch noch den Autor. Sie haben ein Kinderbuch geschrieben.
Ja, aber das ist eigentlich kein Buch, das sind die Geschichten, die ich meinen Kindern auf der Tournee erzählt habe. Also, ich habe mich nicht hingesetzt und ein Buch geschrieben, ich hab alle zwei Tage eine Geschichte geschrieben, damit ich bei meinen Zwergen im Herzen vorhanden bleibe. Die Briefe hat meine Frau dann vorgelesen und die Kinder warteten schon immer auf die Fortsetzung. Kästner sagte es ja auch: Man fängt an, weiß nicht so ganz genau wo es hingeht und irgendwie entwickelt es sich dann. Und ich musste es irgendwie, bevor ich nach Hause kam, zu Ende bringen. Das war der schwierigste Teil von allen. Und dadurch, dass es keine Persönliche Briefe sind, kann man das veröffentlichen. Und es verkauft sich einigermaßen gut.
Wird es eine Fortsetzung geben?
Nein. Ich bin kein Schriftsteller - ich lese gerne gute Sachen vor und habe eine große Achtung vor Schreibern, die gut schreiben können, aber da gehöre ich nicht dazu.
Was lesen sie selbst denn gerne?
Och, das ist verschiedenen. Eine ganze Zeit hat mich "Nachtzug nach Lissabon" begleitet, jetzt habe ich Fernando Pessoa mit und ich lese gerne Sachen von Tschechow.
Und ein allerletzte Frage: wie wird im Hause Sittler Weihnachten gefeiert?
Wir haben einen deckenhohen Tannenbaum mit echten Kerzen. Wir sitzen am Baum, es gibt Musik - Weihnachtslieder natürlich - dann werden die Geschenke ausgepackt. Nach dem Essen sitzen wir zusammen, schwätzen, spielen. Nachmittags, am 24., gehen wir auf den Friedhof - der Patensohn meiner Frau ist vor 22 Jahren gestorben - und da treffen wir uns jeden Heiligabend um halb drei mit der Familie. Dann steht man da, tut Kerzen hin, und Blumen - das ist immer irgendwie schön. Dadurch wir der Friedhof zu einem wirklich friedlichen Ort.
Wir wünschen Ihnen und der ganzen Familie ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch.
