Interview: Wolfgang Niedecken im Gespräch

Der 2. November 2011 wird Wolfgang Niedecken noch lange im Gedächtnis bleiben – da erlitt der BAP-Chef einen Schlaganfall, der die geplante Tour der Kölschrocker jäh stoppte. Kaum ein halbes Jahr später ist Niedecken wieder auf den Beinen, mehr noch, er holt die ausgefallene Tour umgehend nach. Am 18. April war Niedecken zu Gast in der NDR Talkshow „Tietjen und Hirschhausen“ und fand zuvor Zeit für ein kurzes Gespräch mit hallo Sonntag-Redakteur Clemens Niehaus.

hallo Sonntag:
Herr Niedecken, können sie sich noch an den 2. November letzten Jahres erinnern?
 
Wolfgang Niedecken: Klar, ich saß bei mir zuhause im Sessel und habe „Licht im August“ von William Faulkner gelesen. Plötzlich merkte ich, dass ich mich nicht mehr konzentrieren konnte. Ich habe zwei, drei Seiten gelesen, nichts kapiert, zurückgeblättert und nochmal gelesen. Dabei ist das kein schweres Buch. ‚Bist du wohl noch müde‘, dachte ich und habe dann kurz die Augen zugemacht und als ich sie wieder aufmachte, kam das Bücherregal von hinter mir über mich, die Bilder kamen auf mich zu, der Teppich war oben – das war wie ein Trip, obwohl ich nie einen genommen habe, aber so, muss sich ein Trip ungefähr  anfühlen. Ich wollte raus auf den Balkon und traf auf dem Flur meine Frau, die sofort den Notarzt gerufen hat. Da konnte ich schon nicht mehr sprechen. Auch im Notarztwagen konnte ich nichts sagen. Als wir an der Uniklinik angekommen waren, hatte sich wohl etwas gelöst, jedenfalls konnte ich plötzlich wieder reden und das erste, was ich gesagt hatte war ‚wie lange das Theater denn noch dauern würde, ich hätte ne Tour vor der Brust‘ *lacht*
 
Und was hat der Arzt da gesagt?
 
Nun ja, ein bisschen gedulden müsste ich mich da schon noch*lacht* Ich war der Meinung, ich könnte drei, vier Tage später schon wieder raus aus dem Krankenhaus. Ok, dann hätte ich mir die Proben geschenkt, aber die Tour, das würde schon gehen.

Was passierte dann?

In der Uniklinik wurde ich erstmal gründlich untersucht, mein Blut wurde verdünnt, um das Blutgerinnsel aufzulösen. Aber das Gerinnsel wanderte in Richtung Hirn, deshalb wurde ich zu diesem Eingriff, der „Angio“ heißt, in die Neurochirurgie gebracht. Ich dachte noch, ‚jetzt hältst du mal besser ganz still, die wissen schon, was sie tun‘. Und als ich wieder aufwachte, standen meine Mädels genauso wieder da, wie zu beginn der Narkose und ich dachte nur – boah ist das geil, es gibt noch ne Zugabe *lacht*
 
Ab wann kamen denn die Pläne wieder?
 
Nach zwei Wochen konnten wir wieder planen. Aber die BILD war beleidigt weil wir sie nicht informiert hatten und sprach in einer Schlagzeile von „Wunderheilung“ und „Blitzgenesung“. Die waren erstaunlich gut informiert, hatten sogar die genaue Zeit von dem Notruf meiner Frau. Die standen auch wochenlang vor dem Krankenhaus – das war Scheiße für meine Kinder, denn es hätte ja auch alles viel schlimmer kommen können. Die Kinder haben immer versucht, höflich zu bleiben und kamen sich schon blöd vor, wenn sie ‘kein Kommentar‘ gesagt haben.

Hatte die ganze Sache denn auch etwas Positives?
 
Naja, ich habe das halbe Jahr genutzt, um mir über manches Klar zu werden, zum Beispiel musste mir eingestehen, dass ich eben doch schon 61 Jahre alt bin, das ist eben so. Da wurden jetzt ein paar Stellschrauben nachjustiert und jetzt geht es weiter mit Musik – das war mein Hauptziel. Ich habe keine Lust, auf ewige Zeiten der Typ zu sein, der außer „Verdamp lang her“ nur noch einen Schlaganfall überlebt hat – das wär‘ mir auf Dauer doch zu wenig.
 
Wie war denn der Zuspruch von den Kölnern, als sie wieder gesund waren?
 
Momentan ist das so, wenn ich unter Minderwertigkeitskomplexen leiden würde, bräuchte ich nur einmal durch die Schildergasse zu gehen – das ist wie eine La Ola *lacht* Es kommen Leute auf mich und sagen ‚Herr Niedecken, schön dat se wieder dabei sin“, oder „Jet et denn wieder?“ Das ist so toll.

Müssen sie denn jetzt nicht einen Gang zurückschalten?

Mein Kardinalsfehler war, dass ich in unserem Jubiläumsjahr die Termine so eng gelegt hatte, dass ich keine Zeit für Sport hatte. Normalerweise fahre ich bei Wind und Wetter morgens mit dem Fahrrad meine 15 Kilometer den Rhein hoch und dann wieder 15 Kilometer den Rhein runter, dann bin ich gut durchgeschwitzt und fit. Das mache ich seit zehn Jahren und in dieser Zeit hatte ich nicht eine einzige Erkältung. Nur in dem Jahr habe ich das nicht gemacht und mir prompt in den USA nen Husten eingefangen. Und durch das ständige Pressen wurde die Halsschlagader unter meinem linken Ohr verletzt, die dort offenbar in einer ziemlich engen Kurve verläuft. Von da ist, so habe ich mir das erklären lassen, ein Blutgerinnsel zum Gehirn hochgewandert.

Wenn ich mir den Tourplan so ansehe, nach Schonung sieht das nicht aus...

Das war früher noch viel enger – heute gibt es nach zwei Tagen ne Pause, früher hatte ich mir in die Pausen noch ne Lesung gelegt, weil das sonst zu langweilig war.

Sie haben schon „Verdamp lang her“ angesprochen – das klang ein bisschen wie nach einer Hassliebe zu dem Song – ist das so?

Nöö. Das kann man so nicht sagen. Das Problem bei dem Lied ist, dass es immer genutzt wird, wenn es im Fernsehen um BAP geht. Da kann dann schon der Eindruck entstehen, BAP sei nur ein One-Hit Wonder – dabei haben wir jede Menge andere große Songs und sogar Radiohits.

Also ist „Verdampt lang her“ quasi das „Satisfaction“ von BAP?

Das ist so, ja. Ich zappe bei einer Stones-DVD immer gerne weiter wenn „Satisfaction“ kommt. Obwohl das eine tolle Nummer ist. Aber ich finde „Get off of my Cloud“ eigentlich noch besser. Das ist eine Hammernummer. Dieser nicht voraussehbare Hook vom Schlagzeug, unerreicht.

Keith Richards ist ja scheinbar auch nicht so ganz gesund – man munkelt, er habe auch nen Schlaganfall oder ähnliches gehabt.

Ehrlich gesagt, wer die Nummer mit der Palme oder mit dem Bücherregal glaubt, der glaubt auch alles. Ein Schlaganfall ist eben nicht unbedingt Rock‘n‘Roll. Aber warum eigentlich nicht? Ich hatte eine Schlaganfall – so what. Es gibt Schlimmeres.

Wie wichtig war ihnen in dem Zusammenhang der ECHO fürs Lebenswerk? Wissen sie noch, was ihnen als erster Gedanke durch den Kopf gegangen ist?

Das erste, was ich gedacht hab war ‚hoffentlich darf ich das schon‘. Weil das im November angefragt wurde. Aber der Arzt meinte, das sei schon in Ordnung, das sei ja kein ganzer Auftritt. Und dann war mir klar, eine bessere Möglichkeit mich zurückzumelden als den ECHO, gibt es ja gar nicht. Das hat schon alles hervorragend gepasst. Und er bedeutet mir insofern viel, als dass das Lebenswerk der einzige unkommerzielle Preis beim ECHO ist – da geht nicht um Verkäufe. Und da der Udo Lindenberg den schönen Satz geprägt hat ‚Hinter‘m Lebenswerk geht’s weiter“ ist das alles in Ordnung.

BAP tritt im Rahmen der „Die Klassiker“-Tour am 16. Mai in Hannover im Capitol auf.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen Webseiten

Meistgelesene Beiträge des Autors

2 Bilder

Interview: David Garrett im Gespräch

Clemens Niehaus | am 21.07.2010 | 5005 mal gelesen

Er ist Weltrekordler, Ex-Model und der zur Zeit erfolgreichste Geiger: David Garrett. Der gebürtige Aachener und Heavy Metal-Fan war Stargast bei der Premiere des Audi Q5 in Hannover. Nach seinem Auftritt hatte er noch Zeit, sich mit mit hallo Sonntag-Redakteur Clemens Niehaus und Mitarbeiterin Annette Hartmann zu unterhalten. Hallo Sonntag: Hallo David, nett, dass Du dir ein bisschen Zeit für uns nimmst. Es ist ja etwas...

Hannover Olé: Die Schlager- und Pop-Party auf dem Messegelände

Clemens Niehaus | am 23.11.2012 | 2922 mal gelesen

Hannover: messegelände | Vor kurzem wurde das Expo-Holzdach in Hannover mit dem Location Award 2012 ausgezeichnet, schon steht fest, dass das größte zusammenhängende Holzdach der Welt im kommenden Sommer das größte Sommerfest Niedersachsens überdachen wird. Die Sensation ist perfekt, Veranstalter des Jahres Markus Krampe, der mit seinen „Olé-Festivals“ deutschlandweit für Begeisterung sorgt, macht 2013 Station auf dem Messegelände in...

1 Bild

Interview: Frida Gold im Gespräch

Clemens Niehaus | am 21.06.2012 | 2420 mal gelesen

Frida Gold sind weiter auf dem Weg nach oben. Wo Alina Süggeler, Andreas Weizel, Julian Cassel und Thomas Holtgreve auch auftreten: den vier Musikern, die sich 2008 als „Frida Gold“ formierten, fliegen die Herzen zu. Nach Touren mit Polarkreis 18, den Söhnen Mannheims, Mando Diao und Revolverheld folgte 2011 einer der Bandhöhepunkte: Frida Gold begleiteten Superstar Kylie Minogue auf ihrer Deutschlandtournee im...

Ähnliche Beiträge

1 Bild

Interview: Anna Depenbusch im Gespräch

Clemens Niehaus | am 15.12.2012 | 707 mal gelesen

Sie liebt den Winter und kommt mit Sommersongs auf Tournee. Ein Gegensatz? Nur auf den ersten Blick. Denn im Gespräch mit der deutschen „Chansonette“ Anna Depenbusch ergibt sich ein homgenes Bild über eine Frau, die ganz genau weiß, was sie will und das auch tut. Jeanine Cujé-Bartsch und Clemens Niehaus trafen die Sängerin im Pier 51 auf ein kurzes Gespräch. Warum gehst du mit Sommersongs (die aktuelle CD heißt „Sommer aus...

1 Bild

Interview: Silbermond im Gespräch

Clemens Niehaus | am 15.12.2012 | 800 mal gelesen

Volkswagenhalle Braunschweig. Silbermond sind beim Soundcheck und plötzlich wird Ulf gesucht. Ob er gefunden wurde, interessierte auch hallo Sonntag Redakteur Clemens Niehaus, der beim anschließenden Interview mit Stefanie Kloß, Andreas Nowak sowie Johannes und Thomas Stolle einfach nachgefragt hat. Ist Ulf denn wieder aufgetaucht? Silbermond: Ja, er ist dann gefunden worden. Das Problem ist ja, dass wir zwei Ulfs...

1 Bild

Interview: Elisa Schmidt Im Gespräch

Clemens Niehaus | am 28.03.2013 | 248 mal gelesen

„Man sollte doch jeden Tag so leben, als wäre er ein ganzes Leben wert“, sagt Elisa Schmidt. Dass dieser Satz lebensklug und wahr ist, verwundert nicht. Dass er aus dem Mund einer 23-Jährigen kommt, schon. „Schmidt“ wie sie sich ganz unprätentiös als Künstlerin nennt, ist das neue Frolleinwunder am Musikhimmel. Ihr erstes Album „Femme Schmidt“ schlug ein wie eine Bombe. Der Tatort-Song „Heart Shaped Gun“ stammt von ihr. Bei...