hallo Sonntag: Herr Niedecken, können sie sich noch an den 2. November letzten Jahres erinnern?
Wolfgang Niedecken: Klar, ich saß bei mir zuhause im Sessel und habe „Licht im August“ von William Faulkner gelesen. Plötzlich merkte ich, dass ich mich nicht mehr konzentrieren konnte. Ich habe zwei, drei Seiten gelesen, nichts kapiert, zurückgeblättert und nochmal gelesen. Dabei ist das kein schweres Buch. ‚Bist du wohl noch müde‘, dachte ich und habe dann kurz die Augen zugemacht und als ich sie wieder aufmachte, kam das Bücherregal von hinter mir über mich, die Bilder kamen auf mich zu, der Teppich war oben – das war wie ein Trip, obwohl ich nie einen genommen habe, aber so, muss sich ein Trip ungefähr anfühlen. Ich wollte raus auf den Balkon und traf auf dem Flur meine Frau, die sofort den Notarzt gerufen hat. Da konnte ich schon nicht mehr sprechen. Auch im Notarztwagen konnte ich nichts sagen. Als wir an der Uniklinik angekommen waren, hatte sich wohl etwas gelöst, jedenfalls konnte ich plötzlich wieder reden und das erste, was ich gesagt hatte war ‚wie lange das Theater denn noch dauern würde, ich hätte ne Tour vor der Brust‘ *lacht*
Und was hat der Arzt da gesagt?
Nun ja, ein bisschen gedulden müsste ich mich da schon noch*lacht* Ich war der Meinung, ich könnte drei, vier Tage später schon wieder raus aus dem Krankenhaus. Ok, dann hätte ich mir die Proben geschenkt, aber die Tour, das würde schon gehen.
Was passierte dann?
In der Uniklinik wurde ich erstmal gründlich untersucht, mein Blut wurde verdünnt, um das Blutgerinnsel aufzulösen. Aber das Gerinnsel wanderte in Richtung Hirn, deshalb wurde ich zu diesem Eingriff, der „Angio“ heißt, in die Neurochirurgie gebracht. Ich dachte noch, ‚jetzt hältst du mal besser ganz still, die wissen schon, was sie tun‘. Und als ich wieder aufwachte, standen meine Mädels genauso wieder da, wie zu beginn der Narkose und ich dachte nur – boah ist das geil, es gibt noch ne Zugabe *lacht*
Ab wann kamen denn die Pläne wieder?
Nach zwei Wochen konnten wir wieder planen. Aber die BILD war beleidigt weil wir sie nicht informiert hatten und sprach in einer Schlagzeile von „Wunderheilung“ und „Blitzgenesung“. Die waren erstaunlich gut informiert, hatten sogar die genaue Zeit von dem Notruf meiner Frau. Die standen auch wochenlang vor dem Krankenhaus – das war Scheiße für meine Kinder, denn es hätte ja auch alles viel schlimmer kommen können. Die Kinder haben immer versucht, höflich zu bleiben und kamen sich schon blöd vor, wenn sie ‘kein Kommentar‘ gesagt haben.
Hatte die ganze Sache denn auch etwas Positives?
Naja, ich habe das halbe Jahr genutzt, um mir über manches Klar zu werden, zum Beispiel musste mir eingestehen, dass ich eben doch schon 61 Jahre alt bin, das ist eben so. Da wurden jetzt ein paar Stellschrauben nachjustiert und jetzt geht es weiter mit Musik – das war mein Hauptziel. Ich habe keine Lust, auf ewige Zeiten der Typ zu sein, der außer „Verdamp lang her“ nur noch einen Schlaganfall überlebt hat – das wär‘ mir auf Dauer doch zu wenig.
Wie war denn der Zuspruch von den Kölnern, als sie wieder gesund waren?
Momentan ist das so, wenn ich unter Minderwertigkeitskomplexen leiden würde, bräuchte ich nur einmal durch die Schildergasse zu gehen – das ist wie eine La Ola *lacht* Es kommen Leute auf mich und sagen ‚Herr Niedecken, schön dat se wieder dabei sin“, oder „Jet et denn wieder?“ Das ist so toll.
Müssen sie denn jetzt nicht einen Gang zurückschalten?
Mein Kardinalsfehler war, dass ich in unserem Jubiläumsjahr die Termine so eng gelegt hatte, dass ich keine Zeit für Sport hatte. Normalerweise fahre ich bei Wind und Wetter morgens mit dem Fahrrad meine 15 Kilometer den Rhein hoch und dann wieder 15 Kilometer den Rhein runter, dann bin ich gut durchgeschwitzt und fit. Das mache ich seit zehn Jahren und in dieser Zeit hatte ich nicht eine einzige Erkältung. Nur in dem Jahr habe ich das nicht gemacht und mir prompt in den USA nen Husten eingefangen. Und durch das ständige Pressen wurde die Halsschlagader unter meinem linken Ohr verletzt, die dort offenbar in einer ziemlich engen Kurve verläuft. Von da ist, so habe ich mir das erklären lassen, ein Blutgerinnsel zum Gehirn hochgewandert.
Wenn ich mir den Tourplan so ansehe, nach Schonung sieht das nicht aus...
Das war früher noch viel enger – heute gibt es nach zwei Tagen ne Pause, früher hatte ich mir in die Pausen noch ne Lesung gelegt, weil das sonst zu langweilig war.
Sie haben schon „Verdamp lang her“ angesprochen – das klang ein bisschen wie nach einer Hassliebe zu dem Song – ist das so?
Nöö. Das kann man so nicht sagen. Das Problem bei dem Lied ist, dass es immer genutzt wird, wenn es im Fernsehen um BAP geht. Da kann dann schon der Eindruck entstehen, BAP sei nur ein One-Hit Wonder – dabei haben wir jede Menge andere große Songs und sogar Radiohits.
Also ist „Verdampt lang her“ quasi das „Satisfaction“ von BAP?
Das ist so, ja. Ich zappe bei einer Stones-DVD immer gerne weiter wenn „Satisfaction“ kommt. Obwohl das eine tolle Nummer ist. Aber ich finde „Get off of my Cloud“ eigentlich noch besser. Das ist eine Hammernummer. Dieser nicht voraussehbare Hook vom Schlagzeug, unerreicht.
Keith Richards ist ja scheinbar auch nicht so ganz gesund – man munkelt, er habe auch nen Schlaganfall oder ähnliches gehabt.
Ehrlich gesagt, wer die Nummer mit der Palme oder mit dem Bücherregal glaubt, der glaubt auch alles. Ein Schlaganfall ist eben nicht unbedingt Rock‘n‘Roll. Aber warum eigentlich nicht? Ich hatte eine Schlaganfall – so what. Es gibt Schlimmeres.
Wie wichtig war ihnen in dem Zusammenhang der ECHO fürs Lebenswerk? Wissen sie noch, was ihnen als erster Gedanke durch den Kopf gegangen ist?
Das erste, was ich gedacht hab war ‚hoffentlich darf ich das schon‘. Weil das im November angefragt wurde. Aber der Arzt meinte, das sei schon in Ordnung, das sei ja kein ganzer Auftritt. Und dann war mir klar, eine bessere Möglichkeit mich zurückzumelden als den ECHO, gibt es ja gar nicht. Das hat schon alles hervorragend gepasst. Und er bedeutet mir insofern viel, als dass das Lebenswerk der einzige unkommerzielle Preis beim ECHO ist – da geht nicht um Verkäufe. Und da der Udo Lindenberg den schönen Satz geprägt hat ‚Hinter‘m Lebenswerk geht’s weiter“ ist das alles in Ordnung.
BAP tritt im Rahmen der „Die Klassiker“-Tour am 16. Mai in Hannover im Capitol auf.






