„Wir haben einen Lauf!“

Im Gespräch mit 96-Spieler Jan Schlaudraff über Tore und Dortmund

Jan Schlaudraff wurde am 18. Juli 1983 in Waldbröl geboren. Über Gladbach, Alemannia Aachen und Bayern München führte den dreimaligen Nationalspieler sein Weg im Juli 2008 zu Hannover 96. Doch so richtig angekommen scheint er erst in dieser Saison zu sein. Das Wochenblatt sprach mit Jan Schlaudraff vor dem Spitzenspiel der Roten am Sonnabend (15.30 Uhr) bei Spitzenreiter Borussia Dortmund.

Gestern spielte die Nationalelf. Sehen Sie die Spiele mit Wehmut oder ist das Kapitel abgeschlossen?
Jan Schlaudraff: An dies Kapitel erinnere ich mich gerne, es war eine schöne Zeit. Nach meiner Bandscheiben-OP bin ich ja nie wieder so richtig in Gang gekommen, um in den engeren Kreis der Nationalelf hereinzurücken. Ich schaue mir die Spiele gerne an, kann aber realistisch einschätzen, dass ich damit nichts mehr zu tun habe.

Haben sich die Pokalerfolge und spektakulären Tore mit Aachen gegen Werder und Bayern hinsichtlich der Erwartungshaltung als Segen oder Fluch erwiesen?
Schlaudraff: Segen und Fluch ist ein bisschen extrem ausgedrückt. Die Tore waren super und wichtig, aber mit der Erwartungshaltung haben sie wenig zu tun gehabt. Insgesamt habe ich in der Phase gute Leistungen abgeliefert und bin zu Bayern gewechselt. Wenn man von Bayern kommt, das war ja auch hier so, dann ist die Erwartungshaltung sehr groß. Das musste sich erst alles wieder relativieren.

Welche Bedeutung hat das Bayern-Jahr?
Schlaudraff: Es war für mich ein richtiger Schritt in meiner Entwicklung und ein lehrreiches Jahr. Nach meinem Wechsel wurden noch Toni, Klose und Ribery verpflichtet, die auf meiner Position spielen. Da war es schwer. Die ersten sechs Monate war ich verletzt, hatte eine Bandscheiben-OP. In der Rückrunde war ich immer dabei und hatte meine Einsatzzeiten. Dann habe ich aber gesagt, ich möchte zu einem Verein, bei dem ich die Chance habe, regelmäßig zu spielen, wenn ich fit bin.

Verletzungen ziehen sich durch Ihre Karriere. Wie ist der Stand?
Schlaudraff: Körperlich und gesundheitlich fühle ich mich besser denn je. Nach meiner Leisten-OP habe ich seit anderthalb Jahren keine Probleme. Auch ansonsten fühle ich mich sehr stabil, habe keine Rücken- oder muskulären Beschwerden. Gesundheitlich war ich noch nie in so guter Verfassung wie jetzt.

2007 nahmen Sie mit Reinhard Mey den Song „Drei Jahre und ein Tag“ auf. Beschreibt das auch Ihre Situation bei 96?
Schlaudraff: Das stimmt, ich bin jetzt im dritten Jahr hier. In dieser Saison läuft es sowohl für das Team als auch mich persönlich so gut, wie es noch nicht gelaufen ist. Wir haben uns stabilisiert und hoffen, dass wir in den letzten Wochen diese positive Stimmung, die bei uns herrscht, bestätigen können.

96 war keine einfache Zeit. Wie haben Sie den gerade in dieser Saison enormen Wahrnehmungswandel empfunden?
Schlaudraff: Es war für mich, aber auch den Verein nicht einfach. Sowohl von mir als auch von Vereinsseite sind da Sachen nicht ganz so glücklich gelaufen und schlecht dargestellt worden. Ich bin froh, dass jetzt der Wandel zu Stande gekommen ist. Ich habe versucht, an den Sachen, die mir vorgeworfen wurden, zu arbeiten. Ich denke, dass ich das in den Spielen größtenteils hinbekommen habe, mehr Präsenz, Ausstrahlung, Teamgeist zu zeigen, für den anderen zu kämpfen und zu laufen. So habe ich die Chance bekommen, wieder ins Team zurückzukehren, auch wenn mich einige schon abgeschrieben hatten. Darüber bin ich sehr froh und genieße das auch, das ich mittendrin bin in dieser Supermannschaft, in der wir einen Zusammenhalt haben. Das sieht man auch beim Training, obwohl wir konzentriert arbeiten, wird auch gelacht. Diese Mischung aus hartem Arbeiten und Spaß, den alle brauchen und ohne den es nicht funktionieren würde, bekommen wir mit dem Trainerteam gut hin.

Schafft 96 den Sprung in den internationalen Wettbewerb?
Schlaudraff: Wir haben acht Punkte Vorsprung auf den Sechsten, die Chance ist da. Wir hatten ja gesagt, dass wir 50 Punkte erreichen wollen, und jetzt schauen wir, dass wir unsere Position verteidigen. Wir tun jedoch gut daran, wie bisher von Spiel zu Spiel zu schauen. Wir haben noch sehr schwere Aufgaben in Dortmund, Hamburg, Freiburg. Das werden alles Spiele Spitz auf Knopf. Wenn wir es schaffen würden, einen Platz unter den ersten Fünf, egal in welchem europäischen Wettbewerb, zu erreichen, dann wäre das eine absolute Sensation und eine grandiose Saison für alle.

Welche Chancen rechnen Sie sich bei Dortmund aus?
Schlaudraff: Die Borussia ist der Klassenprimus und spielt den besten und attraktivsten Fußball, Da wird es interessant sein, wie wir uns da schlagen können. Wir haben einen guten Lauf, wenn man das Köln-Spiel herausnimmt, und werden vor der Riesenkulisse dort alles in die Wagschale werfen, um dagegenzuhalten und natürlich zu punkten.
Dieter Kösel

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