Glosse aus hallo Sonntag vom 10. Juni 2012
Nun ist es wieder so weit: Der Sport, genauer gesagt, König Fußball, regiert unser Leben. Millionen Menschen verfolgten gestern das erste Spiel der deutschen Nationalelf gegen Portugal.Schwarz-Rot-Gold sind wieder die Farben der Saison. Die Nationalflagge flattert an zahlreichen Autos und Fahrrädern. Alle möglichen und unmöglichen Alltagsgegenstände sind mit den Farben verziert. Am schönsten nehmen sie sich aber auf den Wangen der mittlerweile ganz vielen weiblichen Fußballfans aus. Deutschland ist ein einig Fußballland.
Gerne lasse auch ich mich vom Ballfieber anstecken. Ich habe mein Trikot mit dem Adler wieder aus dem Schrank geholt, den Schal umgebunden und die Flagge am Balkon drapiert. Natürlich mische ich mich unter die tausenden Fans beim „Public Viewing“, dem öffentlichen Fernsehritual vor der Großbildleinwand. Jubeln macht in der Gruppe einfach mehr Spaß. Und wenn man mal verloren hat, kann man auch gemeinsam die Wunden lecken, die Herz und Seele davontragen.
Nur, wenn ich da so in der Menge stehe, frage ich mich schon manchmal, warum es den zweiundzwanzig Männern, die sich um einen Ball streiten, immer wieder gelingt, ein ganzes Volk in ihren Bann zu ziehen. Oder sogar ganze Völker gegen sich aufzubringen. Zum Glück ist ein „Fußballkrieg“ wie zwischen Honduras und El Salvador im Jahre 1969, als das Spiel auf dem grünen Rasen anschließend mit Waffengewalt fortgeführt wurde, äußerst selten. Aber mit jeder Begegnung etwa der deutschen und niederländischen Nationalmannschaften wird der Graben zwischen den Ländern ein wenig tiefer. Mag man sich auch ansonsten ganz gut verstehen, aber beim Fußball hört der Spaß auf.
Dabei ist es doch nur ein Spiel – sollte man meinen. Doch dem Spielalter ist der Fußball längst entwachsen. Früher mag man sich spielerisch mit dem Tritt gegen den Ball die Zeit vertrieben haben. Seitdem es dafür jedoch Regeln gibt und sich im Wettbewerb Menschen messen, ist der Fußball ein Sport. Und nichts spiegelt menschliches Zusammenleben in dieser Welt besser wider als der sportliche Wettkampf. Wo Menschen zusammentreffen, versucht der eine besser zu sein als der andere, gibt es Sieger und Verlierer.
Das ist der tiefere Hintergrund des Kapitalismus. Und der macht diese Wirtschaftsform in dieser Welt so erfolgreich. König Fußball ist als großes Geschäft ein wichtiger und vor allem ein von allen gefeierter Teil der Maschinerie. Feiern wir also weiter ...

