Glosse aus hallo Sonntag vom 24. Juni 2012
Dieses war der vierte Streich und der fünfte folgt sogleich. Jogis Jungs haben es geschafft, das Halbfinale ist erreicht. Und das über große Strecken der Spiele mit einer Lockerheit, die Spaß macht. Die Freude, die von der Mannschaft ausgeht, ist einfach ansteckend.Quer durch das Land macht sich eine Begeisterung breit, die keine Grenzen kennt. Tausende jubeln gemeinsam beim Public Viewing. Aber auch die eher stillen Genießer stehen den öffentlich aus sich herausgehenden, bunten und laut kreischenden Fans in ihrer Freude nicht nach. Man kann sich dem Taumel kaum entziehen.
Das Spiel gegen Griechenland habe ich mir in den heimischen vier Wänden angesehen, gemütlich auf dem Sofa liegend. Weil die milden Temperaturen es auch am späten Abend zuließen, hatte ich die Balkontür geöffnet.
Dieses kleine Tor zur Außenwelt lies mich sehr bald spüren, dass ich mit meiner stillen Begeisterung eher die Ausnahme bin.
Nach jedem Tor, das die deutsche Elf erzielte, tönte lautes Jubelgeschrei über den Hinterhof. Ein ganz besonders ergriffener Fan blies voller Inbrunst in eine Trompete.
Deutschland einig Jubelland. Nun, fast ganz Deutschland, denn es soll sie geben, die ganz Genauen, die das Haar im allgemeinen Jubeleintopf suchen. So habe ich gelesen, dass einige fordern, auf das Abspielen der Nationalhymne vor dem Spiel zu verzichten. Als Begründung wird angeführt, dass unter der Melodie der deutschen Hymne gerade in den beiden Ausrichterländern der EM fürchterliche Verbrechen begangen wurden.
Das stimmt. Richtig ist aber auch, dass sich unter der gleichen Melodie inzwischen eine lange demokratische Tradition angesammelt hat, die es durchaus erlaubt und wünschenswert macht, sie als „Auftrittslied“ einer deutschen Nationalmannschaft zu spielen.
Andere Kritiker werfen ein, dass sich so etwas wie Nationalstolz im Lande breit macht, und viel zu viele schwarz-rot-goldene Fähnchen geschwenkt werden.
Mal abgesehen davon, dass ich das für ziemlich kleinkariert halte, schießt es am Ziel vorbei. Auch die deutsche Farben haben eine demokratische Tradition, die vorzeigenswert ist. Streiten kann man sich hingegen über den Stolz. Ich finde das Wort sehr schwer. Zu schwer, um es auf den Schultern der jungen Nationalspieler abzulegen.
Belassen wir es bei der Freude über ihr schönes Spiel und bejubeln wir es weiter, damit auch der sechste und letzte Streich erfolgreich gelingt ...

