Muße

Glosse aus hallo Sonntag vom 20. Mai 2012

Sie haben es sich verdient – kaum einen Werbespruch halte ich für so treffend wie diesen eines großen Reiseveranstalters. Schließlich greift er ganz weit zurück in die Geschichte der Menschheit.
Als Adam und Eva aus dem Paradies verwiesen wurden, verurteilte sie der Herr dazu, ihr Brot im Schweiße des Angesichts zu verdienen. Nun ist seither genug Zeit vergangen, dass nach viel Schweiß für viele etwas mehr übrig bleibt als das Brot und man mit dem Verdienst für ein paar Tage einen kleinen Blick ins verlorene Paradies werfen kann. Nun, nicht so wirklich, aber wenn man erst einmal am Urlaubsort seiner Träume angekommen ist, kommt einem das bestenfalls paradiesisch vor.
So streckt man dann unter Palmen auf der Liege seine Glieder aus. Um einen herum flanieren Menschen, die zwar nicht ganz paradiesisch nackt, aber doch nur mit kleinen Flecken Stoffen bedeckt sind. Manche allerdings sind von einer Strafe geplagt, von der nichts überliefert ist. Rot am ganzen Körper sehen sie aus, wie ein frisch abgekochter Hummer. Sollte da etwa der Teufel mit seinem Höllenfeuer die Paradiesruhe gestört haben?
Mich soll es nicht weiter kümmern, ich habe dem Sonnenbrand mit Lichtschutzfaktor 30 den Kampf angesagt. Und bislang ist mir das ganz gut gelungen. So sehe ich dem munteren Spiel der Wellen zu. Und mir fällt wieder ein altes Wort ein, das wir viel zu selten gebrauchen: „Muße“ oder vielleicht besser noch „Müßiggang“. Dass man es so selten gebraucht, liegt nicht nur daran, dass man sich zu selten der Muße hingeben kann. Es hat auch einen schlechten Ruf in unseren Breiten. „Müßiggang ist aller Laster Anfang“, sagt der Volksmund und in der „Internationale“, dem Kampflied der Arbeiterklasse, heißt es an einer Stelle, „die Müßiggänger schiebt beiseite“.
Der Nichtstuer ist nicht beliebt, trägt er doch augenscheinlich nichts zum Bruttosozialprodukt bei. Insgeheim beneiden wir sie aber, die professionellen Müßiggänger, ja wir bewundern sie sogar. Daher gibt es so viele Sendungen im Fernsehen über diejenigen, die es sich leisten können, nichts zu tun.
Und wer träumt nicht vom Lottogewinn, um sich der Spezies anschließen zu können? Ja, das ist genau der Punkt: Nichtstun ist nicht billig. Was denn auch gleichzeitig widerlegt, dass der Müßiggänger nichts zum Volkswohle beitrüge. Der müßige Urlauber am Strand unterhält mit seinem ach so verwerflichen Verhalten eine ganze Industrie und sichert Millionen Menschen ihr täglich Brot.
Angesichts dieser Erkenntnis strecke ich meine Glieder noch etwas weiter auf der Liege aus und gebe mich ein paar Stunden der Muße hin ...
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