Nebelleben
Glosse aus hallo Sonntag vom 13. 11. 2011
Was für eine Waschküche – sofern noch jemand mit diesem Bild etwas anfangen kann. Die Zeiten, als man mit großem Aufwand Textilien auskochte, sind lange vorbei. Das Bild aber blieb und trifft ziemlich genau, was dieser Tage in der Natur zu erleben ist: Undurchdringlicher Nebel wabert über der Landschaft.
Trotz des Waschküchenwetters lasse ich es mir nicht nehmen, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Das kostet im Morgengrauen zunächst einmal Überwindung, denn das Wort trifft es ganz genau. Dunkelheit und Nebel zaubern eine Stimmung, die einem Gruselfilm zur Kulisse dienen könnten. Zudem ist es kalt und feucht und trotz dicker Kleidung ziehen Kälte und Feuchtigkeit langsam den Körper hoch. Da darf man natürlich fragen, warum ich mir das antue. Ich könnte doch genauso gut im warmen Auto sitzen und den Stau genießen oder mich in die vollgestopfte Straßenbahn zwängen. Die wahre Antwort liegt aber jenseits von Straße und Schiene, wenn ich am Stadion hinter dem Maschsee auf den Radweg einbiege.
Der Nebel hüllt den See in einen geheimnisvollen Schleier aus dem manchmal wie aus dem Nichts Möwen aufsteigen, um gleich wieder im Nichts zu verschwinden. Dann geht es in den Wald, wo der Nebelzauber sich fortsetzt. Irgendwoher hört man Krähen rufen, die Bäume tauchen wie Geister aus dem Dunst auf. Wenn man mit seiner reinen Vernunft nicht genau wüsste, dass die Erzählungen von Gespenstern Märchen sind, so müsste man im Nebel an ihre Wirklichkeit glauben.
Haben Sie das Wort „Nebel“ schon mal von hinten gelesen? Dann heißt es „Leben“. Wenn Sprache einen tieferen Sinn hat, dann kann man darüber jetzt lange nachdenken. Ist das Leben ein Nebel?
Die vermeintliche Idylle hat aber auch ihre Schattenseiten. Entgegen kommende Radfahrer sind erst spät zu sehen. Zum Glück sind die meisten mit guter Beleuchtung ausgestattet. Es gibt aber immer wieder schwarze Schafe, die ohne jede leuchtende Vorwarnung plötzlich vor einem stehen. Ähnlich schlimm allerdings wie die Unbeleuchteten empfinde ich die Überbeleuchteten. Die moderne LED-Technik macht es möglich, dass am Fahrrad mittlerweile eine ähnlich helle Beleuchtung wie am Auto möglich ist. Blickt man in solch ein Leuchtwunder gleicht die Fahrt im Nebel einem doppelten Blindflug.
Dabei sollte doch eigentlich im Nebel wie im Leben der Grundsatz gelten: Eher mal einen Gang zurückschalten ...