Neuleben
Glosse aus hallo Sonntag vom 20. November 2011
Je weiter man auf dem Lebensweg fortschreitet, desto mehr bleiben zurück. Von vielen Gefährten, die einem lieb und wichtig waren, musste man sich bereits verabschieden. Was bleibt, sind die Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse.
In letzter Zeit schlage ich in der Zeitung meist zuerst die Seite mit den Traueranzeigen auf, um nachzusehen, ob nicht doch schon wieder ein bekannter Name darin steht. Leider werde ich immer häufiger fündig. Da ist die freundliche Dame, die einmal nebenan gewohnt hat. Ich habe sie in guter Erinnerung, weil sie mir, als ich noch ein kleiner Junge war, häufig Bonbons zusteckte. Alt ist sie geworden, über neunzig Jahre. Das gibt so eine gewisse Beruhigung: Sie hat ein langes Leben gehabt. Aber konnte sie es auch genießen? Seit vielen Jahren habe ich nichts mehr von ihr gehört. Hat sie einsam und pflegebedürftig diese letzten Jahre verbringen müssen? Oder hat sie Menschen gefunden, die sich liebevoll um sie kümmerten?
Ich weiß es nicht. Der Lebensweg hat uns irgendwann getrennt. So weit, dass nur noch die ganz alte Spur mit den Bonbons übrig blieb, die uns verband. So ist sie mir eigentlich eine Unbekannte, wie die anderen Menschen, deren Tod auf der Zeitungsseite angezeigt ist. So lese ich weiter und stelle mir Fragen über das Schicksal, derer, die ihr Leben beendet haben. Der Blick fällt zuerst auf die Lebensdaten. Da gibt es Menschen, die über 100 Jahre auf dieser Welt waren. Was sie wohl alles erlebt haben? Die äußere Geschichte kann jeder nachvollziehen, vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, die Nazi-Zeit bis in die Bundesrepublik. Aber die persönliche Geschichte hat vielleicht ganz anders ausgesehen, sich woanders in der Welt abgespielt. Betroffen macht mich immer, wenn die Lebensdaten nur eine kurze Zeitspanne umfassen – also, wenn Kinder gestorben sind. Was haben sie erleiden müssen? Warum musste ihr Weg so früh enden?
Das Gefühl der Ungerechtigkeit des Schicksals ergreift mich auch, wenn ich lese, dass jemand zwischen 60 und 65 verstorben ist. Da hat man ein arbeitsreiches Leben hinter sich, freut sich auf die Zeit der Rente und darf sie nicht erleben. Besonders nahe aber wird mir der Tod gebracht, wenn ich von Menschen lese, die in meinem Alter verstorben sind. Schnell kann der Lebensweg vorbei sein. Darum sollte man jeden Tag, den man hier ist, genießen – und wenn man den Glauben daran hat, darauf vertrauen, dass nach dem Tod vielleicht ein neues Leben beginnt ...