Versuchung

Glosse aus hallo Sonntag vom 8. Januar 2011

Nun, wie lange haben Ihre guten Vorsätze gehalten? Ich hoffe Sie sind noch intensiv damit beschäftigt. Dann gehören Sie zu einer ehrenvollen Ausnahme. Bei den Meisten überdauern die guten Vorhaben kaum eine Woche. Das wurde mittlerweile sogar wissenschaftlich festgestellt.
Was soll man auch von den Schwüren halten, die man unter Alkoholeinfluss in der Neujahrsnacht so von sich gibt. Die sind in etwa so ernst gemeint wie das Versprechen der ewigen Liebe an Rosenmontag – spätestens Aschermittwoch ist alles vorbei. So überleben denn auch die Neujahrsvorsätze selten den Dreikönigstag. Zumal der am meisten ausgesprochene Vorsatz „Nie wieder Alkohol!“ lauten dürfte. Den spricht man aber jedes Mal aus, nachdem man sich zu kräftig einen hinter die Binde gegossen hat. Nach drei, vier Tagen greift man dann doch wieder zum Glas. Und falls man an seinen Vorsatz der Abstinenz erinnert wird, lässt sich leicht antworten: „Was geht mich mein Geschwätz von gestern an?“
Ich hoffe Sie gehören nicht zu diesen labilen Zeitgenossen. Leider muss ich es für mich bejahen. Jedes Jahr aufs Neue erwische ich mich dabei, meine guten Vorsätze schneller über Bord zu werfen, als ich sie ausgesprochen habe. Der mit dem Alkohol gehört natürlich auch dazu. Nun habe ich allerdings gelesen, dass eine abrupte Abstinenz der Leber gar nicht so gut tut, wie man glauben sollte. Statt nach Neujahr ein paar Wochen Alkoholfreiheit einzulegen, sollte man über das ganze Jahr die Tage des Alkoholkonsums weiter auseinanderziehen. Vielleicht so weit, dass irgendwann nur noch zu Silvester ein Gläschen getrunken wird.
Am besten ist natürlich, die Finger ganz von dem Duselzeug zu lassen. Nur so weit reicht die Kraft des guten Willens dann doch nicht. In einer Gesellschaft, wo das gepflegte Glas Wein und das anregende Bierchen zu jeder Party gehören, stellt man sich nicht gern durch Abstinenz abseits. „Trink doch einen mit, stell dich nicht so an“, singt man so einem gern entgegen. Ich ziehe meinen Hut vor denen, die dem widerstehen können.
Mir, wie gesagt, gelingt es selten. So werde ich in geselliger Runde auch alsbald erneut zum Glase greifen und meine guten Vorsätze begraben. Und auch mit Abstinenz und Abnehmen wird es wieder einmal nichts: Der Bauch siegt am Ende über den Kopf; zu groß sind die Versuchungen. Die nächsten Herausforderungen warten bereits. Beim letzten Einkauf fand ich im Regal die ersten Ostereier ...

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