Vorgeschmack
Glosse aus hallo Sonntag vom 23. 10. 2011
Wir saßen in der Kantine beim Mittagstisch. Draußen zerrte der Wind an den Bäumen und wehte die welken Blätter davon. Dunkle Wolken trübten die Stimmung, und ein Regenschauer gab ihr schließlich den traurigen Rest. In solchen Tagen möchte man lieber im Bett liegen bleiben und die Decke bis über die Nase hochziehen.
Aber während wir unter den widrigen Begleitumständen so an unserem Mittagsmahle kauten, fiel einem Kollegen ein, dass es auch in solchen düsteren Stunden Lichtblicke gibt und zwar kulinarischer Art. Er gestand, die Grünkohlsaison eröffnet zu haben. Vor ein paar Tagen war er bei der Fleischerei seines Vertrauens und besorgte sich die in Wurstform gegossene leckere grüne Masse und dazu einen Ring Bregenwurst.
Schon die Erwähnung dieses Vorgangs zauberte einen Ausdruck der kennerhaften Zustimmung, gepaart mit einem Schuss Neid auf die Gesichter der Kollegenrunde. „Ja, das wäre es jetzt“ war die einhellige Meinung. So ein Grünkohl kann den düstersten norddeutschen Tag erhellen. Nun gut, zu einem rundum gelungenen Grünkohlessen gehören ein gutes Glas Bier und ein kühler Schnaps, was beides am Arbeitsplatz nicht angebracht ist. Aber auch Kohl und Wurst allein sind schon ein Gipfel des Herbstgenusses. Während wir uns so den Grünkohlträumen hingaben, wurden erste Zweifel laut. Darf man das denn jetzt schon? Laut Tradition soll man den ersten Bodenfrost abwarten, der den Kohl so schön süß macht.
Doch wir beruhigten uns schnell. Solche Traditionen stammen offenbar aus Zeiten, als es noch keine Tiefkühltruhen gab. Wir beschlossen, einfach andere Maßstäbe an den ersten Grünkohlgenuss anzulegen. Einen lieferte uns das Wetter. Bei solch einem Sauwetter muss es einfach erlaubt sein, sich das Leben etwas angenehmer zu gestalten. Der zweite Grund, schon jetzt in Kohl und Wurst zu beißen, ist die Lust daran. Wenn einen die Lust überfällt, soll man ihr nachgeben, sonst kommt es noch zu Frustrationen. An diesem Punkt muss ich allerdings Bedenken einwerfen. Ich habe nämlich auch ein Geständnis zu machen: ich habe bereits Lebkuchen gegessen. Das sollte man nun wirklich erst in der Adventszeit tun. Und die wenigen Tage bis zum ersten Advent hätte ich ja noch abwarten können.
Aber so ist das halt mit der Genusssucht – sie überfällt einen wie ein Regenschauer. Und wenn man dann keinen Schirm dabei hat, wird man nass. Doch eines verspreche ich: Ich werde jetzt noch keinen Spargel essen ...