Zurückdrehen

Glosse aus hallo Sonntag vom 30. Oktober 2011

Wer hat an der Uhr gedreht?“ So hieß es früher immer im Abspann des „Rosaroten Panthers“. Heute sind wir wieder dran: die Stunde, die wir Ende März vorgedreht haben, dürfen wir heute wieder zurückdrehen. „Zurück in die Zukunft“ also, oder besser zurück in die Gegenwart. Wir synchronisieren uns mit der Natur, was zum Beispiel daran abzulesen ist, dass die Sonnenuhren wieder die aktuelle Zeit anzeigen.
In Zeiten virtueller Realität wird das aber immer nebensächlicher. Man kann mittlerweile den Eindruck gewinnen, dass jeder in seiner eigenen Zeit lebt. Bemaß sich so ein Fernsehabend früher nach dem Programmschema der einzelnen Sender, so sind wir darauf jetzt nicht mehr angewiesen. Entweder man zeichnet die Sendung auf, die man sich gerne ansehen möchte, oder man nutzt die vielfältigen Mediathek-Angebote, um sich sein eigenes Programm zusammenzustricken. Der Beginn der Tagesschau ist nicht mehr das Maß aller Fernsehzuschauer. Den Maßstab setzt jeder selbst, und niemand wird mehr die Uhr zurückstellen wollen in Zeiten, in denen das anders war.
Dabei ist es oft eine durchaus angenehme Vorstellung, Herr über die Zeit zu sein und sie nach belieben zurückdrehen zu können. Zurück für manche etwa in die Zeit vor einer schweren Krankheit oder vor den lebensverändernden Unfall.
Auch ich möchte die Zeit manchmal zurückdrehen. In die Tage der unbeschwerten Kindheit oder die Zeiten der ersten Verliebtheit. „Man müsste nochmal zwanzig sein“, heißt es dazu in einem alten Schlager. Aber um ganz ehrlich zu sein, eigentlich will ich das nicht. Ich beneide die jungen Menschen von heute nicht, bei all den Weltunsicherheiten, die über uns herein gebrochen sind. Wir Alten werden uns in einigen Jahren aus der Verantwortung zurückziehen und sie den Jungen übergeben. Gut, das haben unsere Eltern mit uns auch gemacht, aber ich habe so ein bisschen den Eindruck, als wären unsere Welten noch ein wenig enger miteinander verbunden gewesen, als es die heutige mit der unseren ist.
Was mich aber ganz besonders davon abhält, wieder in vergangene Zeiten abzutauchen sind die Bilder von den vollgestopften Hörsälen, die man derzeit zu sehen bekommt. Da frage ich mich, ob ein Studium so überhaupt noch sinnvoll möglich ist. Ich erinnere mich noch an ein Seminar, das wir mit drei Kommilitonen und dem Professor in der Kneipe abgehalten haben. So ändern sich die Zeiten. Und das ist auch gut so ...

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