Eine Eskorte für die Queen
Wie Dietrich Kittner die englische Königin durch Hannover begleitete
Sein erster motorisierter Untersatz hieß „Lizzy“ und war eine schöne alte Vespa, schreibt der Kabarettist Dietrich Kittner. „Die hatte ich mir als Schüler durchs Zeitungsaustragen zusammengespart,“ erklärt er in seiner Geschichte weiter, die er für unsere hallo Sonntag-Serie „Mein erstes Auto“ verfasst hat. Das erste Auto kam dann ein paar Jahre später, aber lassen wir den Kabarettisten selbst erzählen ...
Von Dietrich Kittner
Im zweiten Semester Jura begegnete ich in Göttingen gleich zweimal der Liebe auf den ersten Blick – meiner Frau Christel (wir sind jetzt schon 51 Jahre verheiratet!) und etwas später dem Traumauto – einem Ford Eifel Sportzweisitzer-Cabrio mit Klappverdeck und umlegbarer Windschutzscheibe.
Das knallrote gute Stück kostete 400 Mark und war schon damals 1960 ein echter seltener Oldtimer; im KFZ-Brief stand wörtlich und amtlich: ‚Baujahr ca. (!) 1938‘. Das Zubehör bestand in einer Handkurbel zum Anwerfen des Motors. Die haben wir jedoch nie benutzen müssen, weil Christel und ich seinerzeit ein Gartenhaus hoch über Göttingen bewohnten (Monatsmiete 40 Mark!) – und bis unten in der Stadt war der Motor stets angesprungen.
Spitze 120 schaffte das Gefährt außerorts unter günstigen Umständen. Die Windschutzscheibe haben wir, nachdem mir im ersten Versuch eine Wespe ins Gesicht geflogen war, allerdings nie mehr heruntergeklappt …
Mit „Tommy“, so hatten wir das Auto getauft, fuhren wir dann zu unseren Gastspielen (der weiteste Zielort war Heilbronn), oft begleitet vom Ensemble-Mitglied Gisela Baden mit ihrem ähnlich bejahrten DKW-Zweisitzer ‚Heinrich‘. Bei dem konnte der dritte Mann jedoch nur im Freien mitfahren: Statt Kofferraum besaß das Fahrzeug einen nach außen aufklappbaren Sitz. Füße und Bauch im Innern. Rücklehne und Oberkörper ragten hoch über das Vehikel hinaus in die Luft. Das ging nur mit Schutzbrille und nach dem Ausflug mit einem guten Waschlappen fürs Gesicht. Auf solche Weise gestaltete sich meist schon die Anfahrt der Künstler zum Programm. Vor der Stadthalle Kassel gab es sogar Ovationen.
1962 setzte dann eine Horde besoffener Korporations-Studenten „Tommy“ in Brand. Was nützte da die Entschädigungszahlung: Der Traum war aus.
Tommys Nachfolger spielte in der ersten Liga: Eine 220er Mercedes-Cabriolimousine Baujahr 1951, schneeweiß mit breiten, bequemen roten Ledersitzen und schwarzem Kinderwagenverdeck. Ein Schnäppchen: 800 Mark in acht Raten. (Ein fabrikneuer VW-Käfer kostete damals 4200 Mark.) Armaturenbrett: Wurzelholz. Luxus also. Im Fahrzeugbrief stand kein Vorbesitzer verzeichnet, nur die Feststellung: „Import aus den USA“. Erst Jahre später erfuhr ich, dass es sich um die deutsche Hollywood-Actrice Elke Sommer gehandelt hatte.
Wir waren glücklich mit dem Auto: Endlich konnten alle fünf Ensemblemitglieder in einem einzigen Fahrzeug auf Tour gehen und dazu gab es überdies einen richtigen Kofferraum!
Wir nannten uns jetzt Berufskabarett und waren nach Hannover übersiedelt. (Dort wohnten wir allerdings nur in einem winzigen Keller in der Gneisenaustraße.) Da machte das Auto viel her und vor allem viel Spaß, brachte uns sogar einmal in engen Kontakt mit der Britischen Königin Elizabeth II.
Die absolvierte einen Staatsbesuch in der Landeshauptstadt. Wir unsererseits mussten zum Gastspiel nach Heidelberg. Hindenburgstraße und Fritz-Behrens-Allee waren als Protokollstrecke für Ihre Majestät von Schaulustigen zugekeilt und gesperrt. Einzige Möglichkeit durchzukommen blieb für uns der Umweg über den Zoo.
Dort stand mitten auf der Kreuzung ein einzelner Polizist und regelte den Verkehr per Handzeichen. Als wir in unserer Staatskarosse von der Stadthalle her langsam anrollten, winkte er uns lässig nach links auf die Protokollstrecke. Ich zeigte nach vorn: Nein, wir wollen nur geradeaus, rüber. Der Mann blieb hart – Ein solches Auto kann nur zur offiziellen Kavalkade gehören! – und bugsierte uns mitten ins Spalier. Widerrede half nix. Da nahte hinter uns auch schon der Staatskonvoi, vorweg ein VW-Bully des NDR, auf dem Dach mein Kumpel Giselher Schaar als Reporter und danach – die Queen. Als Spitzenreiter jedoch durfte ich das Tempo bestimmen. Ich habe diese privilegierte Stellung weidlich ausgenutzt. Als die Leute am Rand uns kommen sahen, begannen sie programmgemäß zu jubeln. Da erst begriffen wir die Situation so richtig und winkten huldvoll mit unseren Zylindern und Melonen aus der Requisite zurück. Ein Triumphzug. Erst am Aegi gelang es uns, aus dem Spalier auszubrechen. Ab nach Heidelberg.
Das Mercedes-Modell mussten wir später für 400 Mark verkaufen – wir brauchten einen größeren Kofferraum. Eine 220er Mercedes Cabrio-Limousine Baujahr 1951 wurde unlängst von einem Oldtimer-Händler per Inserat zum Kauf angeboten. Für 65.000 Euro. Na ja. Für mich langt heute mein 33 Jahre alter VW Jeep Iltis, inzwischen auch eine Rarität. Ich selbst bin trotz meines Alters noch nicht einem Schnauferl-Club beigetreten,“ erinnert sich Kittner an vergangene Zeiten.
Mein erstes Auto
Machen Sie mit!
Haben auch Sie ein schönes Foto von Ihrem ersten Automobil? Dann schicken Sie es uns zusammen mit ein paar Zeilen zum Auto per E-Mail an die Adresse:
aktionen@wochenblaetter.de oder per Post an hallo Sonntag, Stichwort „Mein erstes Auto“, August-Madsack-Str. 1, 30559 Hannover. Jede Veröffentlichung wird mit vier Freikarten für das SEA-LIFE-Aquarium in Herrenhausen belohnt! In loser Folge werden wir weiterhin die automobilen Schätzchen unserer Leser in hallo Sonntag vorstellen. hh

