Werde Licht!
Hannover: Marktkirche | Kann es eine bessere Aufforderung geben als die von Jesaja 60,1 aus der Bibel? Werde Licht! Verstecke Dich nicht, stell Dein Licht nicht unter den Scheffel. Gerade in dunkler Zeit sind die wichtig, die mit dem Licht vorangehen, aus den umgebenden Schatten klare Gestalten herausleuchten. Die, die uns die Wahrheit entbergen. Doch der, der da mit dem Licht vorangehen soll, soll kein besonderer Mensch, kein irgendwie herausgehobener sein. Nein, die Bibel meint Dich und mich – werde Licht! Sei anderen eine Leuchte, denen, die den Weg nicht finden, den Boden unter den Füßen verloren haben. Eine große Aufgabe. Wie soll ich das schaffen, der ich selbst im Dunkeln bin, den Krankheit drückt, der in Zaghaftigkeit verharrt? Reglos darauf wartend, dass jemand kommt, der mich vielleicht aus meiner Dunkelheit erlöst.
Das aber ist nicht der Weg, sagt die Bibel. Du musst schon selbst etwas tun, um aus dem Dunkel auszuziehen. „Mache dich auf“ heißt es da, Du musst Licht werden, damit die viel größere Herrlichkeit über Dir aufgehe, damit Du mit Deinem kleinen Licht Teil des großen Lichtes der Herrlichkeit wirst. Schön wäre es, wenn es so einfach wäre. Doch ohne den Funken, der das Feuer entfacht geht es nicht.
Wer ist schon so gut wie der Baron Münchhausen, der sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen konnte? Es braucht den anderen, den, der den Funken oder gar das Licht schon in sich trägt. Der vielleicht sogar vom großen Licht herkommt. Es soll solche Wesen geben. Engel heißen die. Gerade in der Adventszeit sind sie allgegenwärtig. Man kann sie kaufen, geschnitzt aus Holz oder gefaltet aus Papier. Man kann sie an den Weihnachtsbaum hängen und manchmal gehen auch ein paar nette junge Damen als Engel verkleidet durch die vorweihnachtlichen Straßen.
Aber die meine ich nicht. Ich meine die unsichtbaren Engel, die unbemerkt die Herzen der Menschen ergreifen und in ihnen ein Licht entzünden. Ich will von einer Begebenheit erzählen. Es ist die Geschichte einer ganz besonderen Begegnung. Ich bin nicht so vermessen, zu behaupten, dass mir ein Engel über den Weg gelaufen ist. Aber der Mann, von dem ich berichte, trug zumindest einen ganz eigenen Funken in sich: Während einer meiner Spaziergänge, die mich vorzugsweise am Sonntagmorgen durch die fast menschenleere Stadt führen, hatte ich eine bedenkenswerte Begegnung. An einem unter der Woche sehr belebten Platz, der an jenem Morgen nur von wenigen Fahrzeugen und Fußgängern genutzt wurde, kam mir ein Mann entgegen. Er fiel nicht durch besondere Äußerlichkeiten auf, nur sein Gehabe war ein wenig fahrig. Nach einem kurzen Blick gab ich nicht weiter auf ihn acht, weil ich auch wieder meine „Knöpfe“ im Ohr hatte, was heißen soll, dass ich über Kopfhörer meinem MP3-Player lauschte. Der Mann aber kam schnurstracks auf mich zu und stürmte mit einer Frage auf mich ein, die ich nicht verstand, da ich zunächst meine Knöpfe aus den Ohren nehmen musste. Was ich dann aber hörte, verwunderte mich, da das Ansinnen des Mannes doch etwas ungewöhnlich war. „Wo kann man denn hier beten“, fragte er mich. Ich muss ihn zuerst angesehen haben, als spräche er in einer unbekannten Sprache mit mir, so verdattert war ich. Dann aber überlegte ich kurz und meinte, eine Kirche sei wohl das Beste für eine derartige Verrichtung. Womit ich mich plötzlich vor eine Aufgabe gestellt sah, die ich nicht sofort lösen konnte. Wo war nur die nächste Kirche. Ich vergewisserte mich, wo ich mich befand und dann fielen mir zwei Gotteshäuser in der Nähe ein, die ich ihm als mögliche Ziele nannte. Der Mann bedankte sich höflich, fügte aber noch eine Frage an: „Ist denn da auch ein Pfarrer?“ Ich bejahte, da ich die Verbindung von Pfarrer und Kirche für selbstverständlich halte. Dann entschwand der Mann so plötzlich, wie er erschienen war, in Richtung einer der genannten Kirchen. Ich sah ihm nach, die leise murmelnden Kopfhörerknöpfe in Händen. Gern hätte ich gewusst, was den Mann zu seinem Bedürfnis trieb, das mir so noch nie entgegen gebracht wurde. Aber ich denke, dass er bei einem Seelsorger an der richtigen Adresse war.
Der Wunsch zum Beten hallte allerdings in mir nach. Das hätte er doch eigentlich gleich an Ort und Stelle erledigen können, schließlich hört Gott einem nicht nur in einer Kirche zu. Noch im letzten Winkel der Welt hat er ein Ohr für den flehenden Gläubigen. Mit diesen Gedanken setzte ich meinen Weg fort. Ich legte die Kopfhörer beiseite und spürte, dass ich mich während meines Spaziergangs in ein ganz besonderes Zwiegespräch begab. Da hatte mich der Unbekannte doch unwillkürlich zum Gebet verführt …
Wilfried Schmücking-Goldmann
Hannover, Marktkirche 8. Dezember 2010
Ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest
