Müde lernt es sich nicht gut
Müde Schüler: Die Diskussion um einen späteren Schulbeginn bleibt aktuell. Foto: imago

Müde lernt es sich nicht gut

Diskussion über frühen Unterrichtsbeginn: Wann soll der Unterricht für Schulkinder beginnen?

Von Reinhard Urschel

Berlin. Die Sommerferien neigen sich in fast allen Bundesländern dem Ende zu, oder die Schule hat sogar schon begonnen. Und mit dem neuen Schuljahr beginnt auch wieder der morgendliche Kleinkrieg in den Familien: Der Nachwuchs will nicht raus aus den Federn, es ist auch noch früh, wenn der Wecker klingelt. Aber in Deutschland beginnt die Schule nunmal überall spätestens um acht Uhr, vielerorts noch früher. Frühstunden ab sieben sind auch schon mal drin. Für viele Schüler heißt das: Aufstehen, wenn die Schlafphasen gerade tief sind, Lernen und Arbeiten schreiben, wenn die Leistungskurve gerade ziemlich tief liegt. Muss das sein? Sollte der Unterricht nicht später beginnen?
Das sagen auch Wissenschaftler: Früher Unterrichtsbeginn ist für viele Kinder eine Tortur. Zeitiges Zubettgehen hilft nicht, denn der Einschlafzeitpunkt verschiebt sich mit steigendem Alter immer weiter nach hinten. Spätestens mit der Einschulung sind es nicht mehr die Kinder, die morgens am Bett der Eltern rütteln, sondern die Eltern, die ihre Kinder mit Engelszungen oder wüstem Gebrüll morgens aus den Federn treiben müssen. Dabei leiden alle, und das ist nicht das einzige Problem – denn müde lernt es sich nicht gut.
Zahlreiche Studien haben sich bereits mit dem notwendigen Schlaf beschäftigt. Ein Team um Stephanie Crowley von der Brown University und dem Rush University Medical Center in Chicago hat jetzt untersucht, wie sich die Einschlafzeit während des Heranwachsens verändert. Ihre Erkenntnis: Es wird nicht besser. Je älter die Kinder werden, umso mehr verschiebt sich ihr Einschlafzeitpunkt nach hinten.
Die Forscher um Crowley plädieren daher für ein Umdenken und unterstützen die Forderung der American Academy of Pediatrics, die die Startzeit der Schule weiter nach hinten, auf nach 8.30 Uhr setzen will. Damit sind die amerikanischen Forscher nicht allein. Chronobiologe Till Roenneberg plädiert schon seit Jahren dafür, die Schulanfangszeiten nach hinten zu verschieben. So gehörten die inneren Uhren von 14- bis 21-Jährigen zu den spätesten in der Bevölkerung, sagt der Leiter des Instituts für medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Auch wenn es individuelle Unterschiede sowohl bei den Aktivitätsrhythmen als auch der Schlafdauer gäbe, sei das Ziel eine Verbesserung der Lernsituation von allen Jugendlichen. In Ländern wie Frankreich, England und Italien liegen der Beginn der Unterrichtszeit durchweg eine halbe bis eine Stunde später als in Deutschland.
Doch trotz immer neuer Studien tut sich auf diesem Gebiet nichts, was vermutlich daran liegt, dass Eltern und Lehrer durchaus an frühen Unterrichtszeiten gelegen ist. Wer früh zur Arbeit muss, weiß seinen Nachwuchs lieber in der Schule als noch zu Hause. Die Lehrer wiederum sind am Nachmittag lieber früher fertig, zumal sie die Zeit danach ja bekanntlich für Korrekturarbeiten und zur Vorbereitung benötigen. Eltern und Lehrer sind zudem in einem Alter, in dem der morgendliche Schlaf von alleine weniger wird.

 

„Sollte der Unterrichtsbeginn an Schulen auf eine spätere Tageszeit verlegt werden?“ (Umfrage/Fotos: Bärbel Triller)

Albert Petry

Albert Petry (14), Schüer, Hannover: Ein späterer Schulbeginn ist nur sinnvoll, wenn die Aktivitäten am Nachmittag auch in der Schule gemacht werden. Sonst bleibt zu wenig Zeit für Sport und Hobbys.

Johanna Przygodda

Johanna Przygodda (26), Krankenpflegerin und Studentin, Hannover: Mit würde ein späterer Unterrichtsbeginn besser gefallen. Für Eltern und Kinder wäre es angenehmer, wenn die Schule erst um 9 Uhr beginnen würde.

Julia Francke

Julia Francke (48), Angestellte, Hannover: Für Fahrschüler ist der frühe Schulstart auch mit sehr frühem Aufstehen verbunden. Die Schule, die meine Tochter besucht, beginnt um 8.30 Uhr. Diese Zeit ist für die Familie sehr angenehm.

Katharina Anastasiou

Katharina Anastasiou (22), Studentin, Göttingen: Ich würde 8 Uhr als Schulbeginn beibehalten. Wenn die Schule später beginnt, dauert der Unterricht am Nachmittag zu lange. Und die Schüler können sich nicht mehr richtig konzentrieren.

Katharina Drinkuth

Katharina Drinkuth (19), Studentin, Hannover: Ich würde den Schulbeginn um 8 Uhr belassen. Wenn die Schule früh beginnt, haben die Schüler am Nachmittag mehr private Zeit. Meine Eltern hätten bei einem Start um 9 Uhr Probleme mit der Betreuung bekommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.