Zirkus Flic Flac – Auf dem Trapez mit Alain Alegria

Zirkus Flic Flac – Auf dem Trapez mit Alain Alegria

Schon auf halber Höhe kann einem mulmig werden. Halbe Höhe unterm Flic-Flac Zelt heißt 7,5 Meter. Jede noch so kleine Bewegung überträgt sich auf die beiden dünnen Stahlseile, die das Trapez halten. Und: Je nervöser man ist, desto eher bewegt man sich unkontrolliert. Also: ruhig bleiben. „Es ist eine reine Kopfsache“, hat Alain Alegria gesagt. Er muss es wissen. Der Künstler ist einer der Stars des neuen Programms „Farblos“.

In 15 Metern Höhe schwingt Alegria auf den Knien auf dem Washington-Trapez und nimmt freihändig mit dem Mund ein rotes Tuch auf, oder er setzt sich auf einen Klappstuhl, den er mit zwei Beinen auf das Trapez gestellt hat. In 15 Metern Höhe. Ohne Sicherung. Ohne Netz. Mit Schwung und Stil. Um die Gefahr ist er sich bewusst. Der Trapezkünstler aus Mexiko entstammt in vierter Generation einer Zirkusfamilie. Den Trick mit dem Tuch und dem Klappstuhl hat sein Vater schon gemacht.

Natürlich sei sein Vater nervös und gleichzeitig aber auch stolz gewesen, als sein Sohn seinen Trick machen wollte. Wie er sich fühlen würde, wenn sein eigener Sohn eines Tages auch hoch oben am Trapez arbeiten wolle? „Ich möchte lieber, dass er ordentlich lernt und Sport macht“, sagt der junge Vater – sein Sohn Alan ist erst sieben Monate alt. Die Verantwortung, die Alegria für seine Familie hat, ist dem gebürtigen Mexikaner bewusst. Natürlich sei er vor jedem Auftritt aufgeregt. „Wenn ich das nicht wäre, hätte ich den Respekt vor der Nummer verloren, wäre vielleicht zu lässig und unkonzentriert“, schätzt er – und dann könne es zu einem Unfall kommen. Die Nummer verzeiht keine Nachlässigkeit.

„Ich habe Fallen gelernt“, sagt Alegria. Aber er meint mit „fallen“ nicht den Absturz aus 15 Metern auf den Boden. Er meint damit, in Bruchteilen von Sekunden nach dem Trapez zu greifen. Natürlich habe er zu Anfang mit Sicherungen geübt. Aber das Sicherungsseil im Rücken habe ihn in den Bewegungen eingeschränkt. Zudem agiere er vorsichtiger und überlegter ohne Sicherungskabel. Er sei aufmerksamer. Und noch etwas ist unabdingbar: Körperbeherrschung.

Alain Alegria trainiert täglich: Herz-Kreislauf-Training, Gewichte. Er kennt die unterschiedlichsten Fitness-Studios. Je nachdem, wo Flic Flac gerade gastiert, trainiert er. Einmal in der Woche probt er zusätzlich zur Show seine Nummer durch. Wie ein Tänzer muss er jede einzelne Bewegung parat haben. Jede noch so kleine Abweichung davon verändert die Schwingung am Trapez. Das ist schon auf halber Höhe zu spüren.

Auf dem Trapez stehend kann man fast über den schwarzen Vorhang schauen, hinter dem die Künstler am Abend hervortreten. Es ist die Höhe, in der die Hochseilartisten ebenfalls ohne Sicherung eine menschliche Pyramide bauen. Derjenige, der ganz obenauf steht, ist noch vier Meter höher. Ruhig atmen. Nicht nach unten sehen. Die Stahlseile nicht zum Schwingen bringen. Konzentrieren. Es ist alles eine Kopfsache – und bei den Artisten wie bei Alain Alegria eine gehörige Portion Können. Das Risiko ist ihnen bewusst.

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